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Klavierklassiker

Mit diesen drei klangtechnisch exzellenten Aufnahmen, den Besten der So vergnüglich es auch ist, sich in den hintersten Winkeln der Archive zu verlieren und obskure Pianistengestalten aus dem Staub zu ziehen, freut man sich als Raritätengräber ja doch, wenn man etwas gefunden hat, mit dem man an die Sonne gehen kann, den Fund hochheben wie eine Monstranz und verkünden: Das geht euch alle an! (meine geschätzten Mit-Sammler und -Gräber mögen mir diesen populistischen Eingang nachsehen ...) Diese von mir mit etwas Verspätung wahrgenommene Edition aller zwischen 1933 und 1958 von französischen Labels produzierten Aufnahmen der Pianistin Lili Kraus ist wirklich einmal so ein Gegenstand: über alle Maßen groß und bedeutsam!
Lili Kraus, 1903 in Budapest geboren, zählt zu den ganz seltenen Fällen, in denen eine Künstlerin von epochaler, alle nationalen Schulen und Animositäten überglänzender Autorität in Deutschland unbeachtet blieb. Die älteren Klavierbücher übergingen sie ebenso wie die Pianistenedition der Philips. Das hat auch sehr äußerliche Gründe. Nachdem sie in Budapest bei Bartók, in Wien bei Steuermann und in Berlin bei Schnabel studiert hatte – schon diese einzigartige Lehrer-Triade lässt ahnen, dass es in ihrem ernsten Musizieren keine Kompromisse geben würde –, musste sie mit ihrem jüdischen Gatten Europa verlassen, geriet in Java in ein japanisches Internierungslager, und so abenteuerlich und haarsträubend geht es dann weiter, bis ihr Roman sein glückliches Ende an der „Texas Christian University“ fand, die sie als Artist in Residence aufnahm. Die Lebensbeschreibung zeigt uns eine Ruhelose, aber ihre Kunst strahlt ganz das Gegenteil aus. Geerdeter, fester, sich der Bedeutung dessen, was sie tut, gewisser, ist selten musiziert worden. Man sieht das regelrecht auf den erhaltenen Fernseh- und Filmdokumenten. Das ist ein robuster Klavierton, der sehr tief in den Tasten ausgegraben wird, der Kraft und Substanz hat, aber keine Härten, auch nicht in Bartóks Tanzsätzen.
31 CDs dokumentieren, wie fruchtbar ein Pianistinnenleben sein konnte, das um ein enges Kernrepertoire kreist. Im Innersten Mozart, schon weiter außen Haydn, Beethoven und Schubert, in der Peripherie ein wenig Bartók und Brahms. Mozart aber ist ein wahres Gravitationszentrum. Alles Beliebige wird zermalmt oder verdichtet, und das tut nicht nur den Solowerken gut, sondern auch anderen Gattungsbezirken, denen man die Bedeutsamkeit gern abspricht. Schon die Eingangstakte des E-Dur- Klaviertrios treten unerhört gewichtig auf. In keiner anderen Aufnahme ist das harmonisch irisierende, meist nur wie eine flüchtige Farbstudie abgehandelte Akkordthema so plastisch und deutlich ausgeformt. Hier musiziert eine Dramatikerin, keine Koloristin. Nachdrücklich und bedeutend wird noch das Floskelhafte – als wolle sie sagen, es mag ja floskelhaft sein, aber sobald es ein Mozart benutzt, wird es eben von Belang. Die Kopfsätze von Beethovens „Sturm“ und „Waldstein“ attackiert sie mit einiger Ruppigkeit und klirrendem Ton, als sei ihr Wille, etwas unbedingt Gewichtiges sagen zu wollen, auf Beethovensche „Temperamentstemperatur“ gehoben. Dunkel und schwerblütig der Schubert, fast spröde der Brahms – es ist kein virtuoses und kein gefälliges Klavierspiel, aber ein unerhört charismatisches. Man möchte nicht mehr lassen von diesem CD-Schatz!

Neu erschienen:

The Complete Parlophone, ducretet- Thomson, Les discophiles Français Recordings 1933–1958 (31 CDs)

Lili Kraus

Warner

Eine wunderschöne Biografie, als Zugabe-Empfehlung:

Henry Roberson: Lili Kraus, Fort Worth 2000.

Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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