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Schönklang mit Ausnahmen

Nikolaus Harnoncourt

Für heftigen Aufruhr hat ein Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki in der letzten RONDO-Ausgabe gesorgt, vor allem die Passage, derzufolge Harnoncourt dem Kritiker vor Jahren beiläufig erzählt haben soll, „die beiden größten Missetäter des 20. Jahrhunderts … seien Hitler und Karajan gewesen.“ Zwar hatte sich Harnoncourt sofort von dieser Darstellung distanziert, doch war dem Dirigenten sehr daran gelegen, dazu noch einmal Stellung zu nehmen. Thomas Voigt hat ihn in Zürich besucht.

RONDO: Herr Harnoncourt, welches Gefühl hat dieses „Hitler und Karajan”-Zitat bei Ihnen hinterlassen?

Nikolaus Harnoncourt: Vor allem das Gefühl von Wehrlosigkeit. Ich bin mit dieser Sache konfrontiert worden, nachdem ich in Berlin ein Konzert mit den Philharmonikern dirigiert hatte. Da kam ein Mann auf mich zu und sagte: „Ich möchte kein Autogramm, ich möchte nur wissen, ob Sie wirklich so sind!“ Und zeigt mir den Artikel, die entsprechende Stelle war rot markiert. Ich war zutiefst schockiert, und ich verstehe einfach nicht, dass der verantwortliche Redakteur eine derart diskriminierende Aussage drucken lässt, ohne mich vorher anzurufen.

RONDO: Wie kann es denn sein, dass Sie von Marcel Reich- Ranicki derart missverstanden wurden?

Harnoncourt: Ich weiß es nicht. Ich habe großen Respekt vor Reich-Ranicki, und ich möchte ihm in keiner Weise irgendetwas anhängen. Ich habe seine Biografie gelesen, und wenn ich daran denke, was er und seine Frau im Warschauer Ghetto erlebt haben, zittern mir heute noch die Knie. Wir hatten ein längeres Gespräch, und da habe ich mich auch kritisch über Karajan geäußert – aber natürlich nicht im Zusammenhang mit Hitler. Vor allem aber ist es absurd, dass ich zum Karajan-Hasser geworden sein soll, weil er mich als Cellist bei den Wiener Symphonikern „schlecht behandelt“ haben soll. Wir haben uns in dieser Zeit sehr gut verstanden. Natürlich, ich war damals Anfang Zwanzig, hatte ein loses Mundwerk und war durchaus nicht mit allem einverstanden, was er als Dirigent machte. Vor allem, wenn er Mozart und Bach dirigierte. Aber seinen Beethoven-Zyklus fand ich wirklich toll. Wie er da zum Beispiel die Agogik im langsamen Satz der Fünften herausgearbeitet hat, das hat man bei keinem anderen gehört. Und es hat nur wenige gegeben, von denen ich so viel gelernt habe wie von ihm. Zu dieser Zeit hatten wir nie einen Konflikt. Der kam erst viel später.

RONDO: Manche Zeitzeugen haben behauptet, dass Karajan schon damals ein Machtmensch gewesen sein soll, der sich geschickt zunutze machte, was das „Dritte Reich“ an unterwürfigen Untertanen herangezüchtet hatte. Man nannte ihn auch den „Generalmusikdiktator“.

Harnoncourt: Von dieser Haltung war damals, also in den 50er Jahren, rein gar nichts zu spüren, im Gegenteil: Da war er noch gelegentlich durchaus kumpelhaft mit den Musikern. Und es hat nie einen offenen Konflikt gegeben. Sicher hat Karajan bei den Musikern nicht nur Respekt erzeugt, sondern auch Angst. Aber da war er nicht der einzige. Der junge Solti und der junge Fricsay, die haben noch viel mehr Angst erzeugt. Ich kann nur sagen, dass wir Musiker Karajan nie als Diktator empfunden haben. Und dass er so erfolgreich war – ich glaube, Karajan war einfach ein Mensch, der für den Erfolg geboren war. Er hätte in jedem Beruf etwas Außergewöhnliches erreicht, da bin ich sicher.

RONDO: Wie kam es dann zum Konflikt?

Harnoncourt: Das kam durch die Presse. Das war in den 70er Jahren, als er mit den Berliner Philharmonikern die Matthäus-Passion aufführte. Und da wurde in manchen Kritiken auf meine Aufnahmen verwiesen, nach dem Motto: „Wie kann man Bach heute noch so spielen, wo es doch schon Aufnahmen gibt, die …“ Ich nehme an, dass ihn das sehr gekränkt hat. Und dann gab es einen Artikel im „Spiegel“. Da waren mir Sätze in den Mund gelegt worden, die ich so nie gesagt hatte. Einer davon lautete: „Ich betrachte Karajan als Genie – im Autofahren.“ Tatsächlich hatte ich von gemeinsamen Tourneen und von seiner Auto- Leidenschaft erzählt. Karajan war von da an wohl unversöhnlich wütend auf mich – was nach und nach allgemein bekannt wurde. Ich habe ihm dann auf Wunsch der Salzburger Festspiele einen Brief geschrieben und versucht, die Sache richtig zu stellen. Karajan hat sehr nett geantwortet: Dass er keine Zeitungen liest und dass er mich sehr schätzt und meine Arbeit mit großem Interesse verfolgt. Als man bei der nächsten Sitzung der Festspiele eine Opernproduktion mit mir vorschlug, soll Karajan gesagt haben: „Solange ich lebe, kommt mir der Mann nicht zu den Festspielen!“

RONDO: Woran sich bei Karajan nach wie vor die Geister scheiden, ist sein Konzept vom absoluten Schönklang …

Harnoncourt: Auch darin war er in den 50er Jahren ganz anders. Da wurde durchaus nicht alles dem Schönklang geopfert. Zum Beispiel haben wir „Carmen“ und „Fidelio“ mit ihm gespielt, und da ist nichts im Schönklang ersoffen. Es klang sehr akzentuiert, sehr schlank, sehr transparent. Diesen immer währenden Schönklang hat er wohl erst später, ab Mitte der 60er Jahre kultiviert – und auch da gibt es Ausnahmen. Wenn Sie zum Beispiel seine Bruckner-Aufnahmen hören, da gibt es Dinge, die man bei vielen anderen Dirigenten nicht hört. Das ist unglaublich transparent.

RONDO: Wie kommt es, dass auch Sie erst relativ spät zu Bruckner gefunden haben?

Harnoncourt: Sagen wir: Es hat lange gedauert, bis ich zu ihm zurückgefunden habe. Als junger Musiker war Bruckners Musik für mich das Größte. Und ich hatte das Glück, noch in mehreren Bruckner-Zyklen zu spielen, einzelne Sinfonien auch unter Bruno Walter und Carl Schuricht. Später habe ich mich vollkommen von ihm abgewendet, wahrscheinlich durch meine Konzentration auf die Alte Musik. Zu ihm zurückgefunden habe ich durch die Beschäftigung mit Schubert, Johann Strauß und Alban Berg – mit den Wiener „Stadt-Komponisten“ kam mir wieder Bruckner ins Bewusstsein, in seiner totalen Andersartigkeit, mit seinem Erdgeruch. So habe ich als erste Bruckner-Sinfonie die Dritte aufgeführt, mit dem Concertgebouw-Orchester. Und da ist mir erst so richtig klar geworden, worin der Unterschied besteht zwischen den alten Hörnern und den modernen „Sicherheits-Hörnern”: Die Sicherheit, fast kieksfrei spielen zu können, wird erkauft auf Kosten der Schönheit des Klanges und der Expressivität.

RONDO: Sind nicht Streben nach „Sicherheit“ und „Perfektion“ überhaupt kontraproduktiv fürs Musizieren?

Harnoncourt: Unbedingt! Das Tollste passiert immer bei vollem Risiko, an der Grenze zur Katastrophe. Und das ist nicht nur in der Musik so, sondern überhaupt im Leben.

RONDO: Der Mitschnitt Ihrer Aufführung von Bruckners Fünfter, der vor kurzem veröffentlicht wurde, enthält eine Bonus-CD mit Auszügen aus Proben. Wer Sie bisher noch nicht hat proben hören, dem wird auffallen, wie oft Sie sich bei den Musikern bedanken.

Harnoncourt: Ich kann nicht verleugnen, dass ich Orchestermusiker bin. Und ich möchte, dass die Musiker nicht aus Angst zusammenspielen, sondern aus innerer Überzeugung an einem Strang ziehen – und das war bei den Proben zur Fünften der Fall. Ich hatte mich lange auf diese Aufführung vorbereitet, und ich möchte keine einzige Minute von dieser Arbeit missen. Sie gehört zum Schönsten, was ich in den letzten Jahren erlebt habe.

Neu erschienen:

Bruckner

Sinfonie Nr. 5 (Aufführung und Proben-Ausschnitte)

Nikolaus Harnoncourt, Wiener Philharmoniker

RCA/BMG

Thomas Voigt, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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