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Musikstadt

St. Petersburg

2300 UNESCO-geschützte Gebäude, alter Zarenglanz und neue Musiktheatertechnik: Großfürst Gergiev und die Ballett-Eleganz von St. Petersburg.

Die – historisch gewordene – kulturelle Vielfalt dieser Stadt ist einzigartig. Da sitzt man im rosa Licht der Weißen Nächte im französisch zurecht geschnippelten Sommergarten unter einer von lila Flieder umrahmten Griechengöttin, einen echten Cappuccino im Pappbecher, hinter sich den Sommerpalast Peters des Großen mit Schlüter-Reliefs und Delfter Kacheln, vor sich das klassizistische Ingenieursschloss, in dem Zar Paul I. von einem Leibgardisten erwürgt wurde, und lauscht einem Jugendorchester, das – flankiert von zwei steinernen Genien – das Violinkonzert von Vieuxtemps probiert.
Ja, das und nur das ist St. Peterburg. Stein gewordene Stadtvision Peters des Großen. Gegründet 1703, schnell angelegt, über Jahrhunderte verfeinert. Später auch Petrograd und Leningrad geheißen. Ort aller nur möglichen eklektischen Baustile von Barock bis Jugendstil, Empire bis Neue Sachlichkeit, Neorokoko bis russische Nationalromantik und holländischen Backsteinen. Und ein paar ägyptische Sphingen stehen auch herum.
Elegant. Verspielt. Dottergelb. Cremeweiß. Kirschblütenrosa. Pistaziengrün. Mit prachtvollen Schlössern, mächtigen Kirchen, grandiosen Boulevards, schönen Plätzen und Gärviten. Leicht bröckelig, aber immer noch die europäischste Stadt des Ostens. Mit Kanälen und dem Newa-Fluss. Mit fünf Millionen Einwohnern und doch intim. Mit klirrklaren Wintern und den magischen Weißen Nächten, während derer niemand zu schlafen scheint, alle wie in Trance durch die ewige Dämmerung wandeln.
Eine Stadt der Vergangenheit, mit allergrößter kulturgeschichtlicher Historie. Die 2300 schützenswerten Gebäude sind längst schon UNESCO Weltkulturerbe. St. Petersburg war Zarensitz und Regierungsort während 200 Jahren. Erst haben hier Italiener wie Paisiello und Domenico Cimarosa auf Einladung von Katharina der Großen den Opernton angegeben, später die Nationalkomponisten des Mächtigen Häuflein, dann Dmitri Schostakowitsch.
Seine Heimat war die heute noch am Platz der Akademie gelegene Philharmonie. 1802 entstand in St. Petersburg die erste Philharmonische Gesellschaft Europas. Der Konzertsaal mit über 1500 Sitzplätzen wurde 1839 nach dem Entwurf des Architekten Paul Jacot errichtet; die Fassaden wurden von Carlo Rossi entworfen. Ursprünglich war das Gebäude für die Versammlung der Adligen bestimmt. Doch schon im 19. Jahrhundert traten hier Franz Liszt, Anton Rubinstein, Clara Schumann, Richard Wagner, Pauline Viardot-García, Peter Tschaikowski, Modest Mussorgski und Nikolai Rimski-Korsakow auf.
Während der Leningrader Blockade, am 9. August 1942 wurde Schostakowitschs Siebente „Leningrader“ Sinfonie aufgeführt. Heute sind hier die Sankt Petersburger Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Juri Temirkanow sowie das Akademische Sinfonieorchester der Sankt-Petersburger Philharmonie unter Alexandr Dmitrjew zu Hause.
Nicht weit weg davon stehen das Operettentheater und das Mikhailovsky Theater. Es ist nach jahrzehntelanger Vernachlässigung als „Maly“ – Kleines Theater – ein Haus mit bedeutender Vergangenheit und gesicherter Gegenwart. Hier brachten nach der Eröffnung 1833 französische und deutsche Theatertruppen unter Protektion des Großfürsten Michael den Westen nach Petersburg, hier wurde Schostakowitschs „Nase“ uraufgeführt und von hier aus trat auch dessen „Lady Macbeth von Mzensk“ ihren Siegeszug an, bis Stalin diesem Erfolg mit dem in der sowjetischen Musikgeschichte berüchtigten Prawda- Artikel „Chaos statt Musik“ ein Ende machen ließ.
Heute lässt hier der russische Obstimporteur Nummer eins, Wladimir Kekhman, dessen Leidenschaft auf die Oper gerichtet ist, den Rubel rollen. Das Haus glänzt wieder golden und samtig rot. Vor allem sein Ballett macht im Ausland mit teuer eingekauften Stars Furore. Kekhman ist hier nicht nur offiziell Intendant, sondern auch sein eigener Hauptsponsor, der den 14 Millionen Dollar Etat aufstockt, wenn es nötig ist. Und er versucht trotzig, dem heutigen Operngroßfürsten Valery Gergiev Paroli zu bieten. Das aber ist schwierig. Denn dessen Imperium ist längst riesengroß.

Iranischer Onyx, brasilianischer Marmor, deutsche Buche

Vor zwei Jahren hat Gergiev zudem mit Theatertechnik auf der Höhe der Zeit den prestigeträchtigsten kulturellen Neubau seit der Zaren- Ära eröffnet: Das Mariinksy II mit 4000 Quadratmeter iranischem, von LED-Technik hinterleuchtetem Onyx, brasilianischem Marmor, Buche aus Deutschland, ebenso einer vibrierend warmen Akustik. Nach innen zeigt sich hier gewandte Schlichtheit, doch zielsicheres Geltungsbewusstsein.
Auf der Bühne standen bei der ersten Gala im Mai 2013 Plácido Domingo, Anna Netrebko und der deutsche Bass René Pape. Und natürlich neben dem hervorragenden, von Gergiev geformten Orchester, auf wohlgeformten BeiBeinen das Juwel des Hauses – das Ballett. Auch während der Sowjetzeit gefeiert für seinen reinen Stil, seine feinen Linien, seine poetische Eleganz.
Und das alles im größten, produktivsten Musiktheaterkomplex der Welt. Vor zwei Dekaden hätte in Russland keiner von einem Opernhaus wie diesem zu träumen gewagt. Denn das alte Mariinsky Theater, das Zar Alexander II. 1860 zu Ehren seiner deutschen Frau Marie von Hessen-Darmstadt errichten ließ, vielfach umgemodelt, innen eisvogelblau, cremeweiß und golden, es ist längst nicht mehr zeitgemäß. Für den expandierenden Gergiev, der sein Opern- und Balletttheater seit 1888 als Chefdirigent und seit 1996 auch als Intendant zu einer weltweit angesehenen, devisenbringenden Marke geformt hat, ist es eher eine Bürde.
Deshalb türmt sich jetzt zehnstöckig entlang der Dekabristenstraße diese neue, unproportioniert monströse Jurastein-, Stahl- und Glaskiste, die für über 534 Millionen Euro zu den teuersten Theaterbauten der Welt zählt. Ermöglicht mit russischen Staatsgeldern – von gleich zwei Zaren, namens Vladimir und Valery.
Gergiev führt mit den beiden Opernhäusern sowie dem nahen, ebenfalls Musiktheater anbietenden Mariinsky-Konzertsaal im 2003 abgebrannten historischen Kulissenlager gleich drei Bühnen; hinzu kommt das Rimsky- Korsakow-Konservatorium, wo auch Gergiev studiert hat, mit einem weiteren Theater. Über 2500 Mitarbeiter herrscht er, allein das Orchester wird jetzt auf 250 feste Musiker aufgestockt, die vier Aufführungen gleichzeitig meistern sollen.
Doch das ist längst nicht alles. Oper und Ballett gibt es auch im historischen, amphitheatralischen Eremitage-Theater. Und wer Glück hat, bekommt Karten für das gar nicht weit weg vom Mariinsky gelegene Privattheater im Yussupov-Palais an der Moika. Dort lässt sich das Gruseln über die Wachsfiguren-Schau, die die Ermordung Rasputins im dortigen Keller zeigt, am besten bei einem Arienabend auf der goldglänzenden Minibühne vergessen. Russland war eben immer schon beides: Schönheit und Grausamkeit. Und die liegen auch im kulturell verfeinerten St. Petersburg ziemlich eng beisammen.

www.philharmonia.spb.ru
www.mariinsky.ru/en


Stars of the White Nights

Das Festival „Stars of the White Nights“ wird zu den besten Klassikfesten der Welt gezählt, es gehört zu den beliebtesten und vielfältigsten Musikveranstaltungen in Russland. Valery Gergiev gründete es 1993 als „musikalisches Geschenk der Solisten des Mariinsky Theaters an die Stadt“. Über die letzten 20 Jahre hat es sich von 10 Tagen Dauer auf einen Zeitraum von bis zu drei Monaten ausgedehnt. 2015 wird es vom 28. Mai bis zum 31. Juli reichen. Das genaue Programm wird Ende März/Anfang April veröffentlicht.
Jedes Jahr präsentiert das Festival die besten Opern- und Ballettaufführungen des Mariinsky Theaters, das gesamte Spektrum des sinfonischen Repertoires, Meisterwerke der Kammermusik und Theaterpremieren. Über viele Jahre gab es auch große Zyklen wie Wagners „Ring“, Sinfonien von Sergei Prokofjew, Dmitri Schostakowitsch und Gustav Mahler, die Konzerte von Ludwig van Beethoven, Opern, Ballette und sinfonische Musik von Peter Tschaikowski. Ableger gibt es inzwischen auch in Moskau und in den Städten des nordwestlichen Russlands; zusätzlich finden Open-Air-Konzerte statt.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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