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Claude Debussy zum 150. Geburtstag

Spuren im Schnee

Wer sich den 150. Geburtstag zum Anlass nehmen möchte, die Werke Claude Debussys für sich neu zu durchleuchten, muss – wie schon die Zeitgenossen – die stachelige Abwehrhaltung des Franzosen in Kauf nehmen. Denn Debussy war ein Verweigerer großen Stils. Der berühmteste »Impressionist« wehrte sich ebenso heftig gegen dieses Etikett wie gegen die Klischees der Romantik. Durch Bruch mit jeglicher Tradition suchte er völlige Freiheit im musikalischen Ausdruck und fand eine unerhörte Musiksprache – für das Meer, den Wind, den Regen und Spuren im Schnee. Eine Würdigung von Matthias Kornemann.

Vielleicht war es ein früh erwachtes Bewusstsein seiner Sensibilität, die Claude Achille Debussys Weg aus den Niederungen seiner Herkunft auf so ungewöhnliche Bahnen lenkte. Der am 22. August 1862 in Saint-Germain en Laye Geborene – heute überwuchert der Moloch Paris das Schloss-Städtchen – stammte aus kleinsten Verhältnissen, heute würde man sie »bildungsfern« nennen, fehlerfrei Schreiben konnte er bis ins Alter nicht. Doch äußerer Erfolg, die Gunst der Massen oder das große Geld, die einen Balzac anspornten, waren ihm gleichgültig. Sein Ich-Kult zielte allein auf die Verfeinerung einer künstlerischen Sprache, aus der alle Gemeinplätze und abgelebten Empfindungen getilgt sein sollten. Er folgte den Spuren der Poesie und sog Mallarmés rätselhafte Sprach-Destillate ebenso ein wie Baudelaires reizsüchtigen Exotismus. Auch die Immoralität des Dichters schien er verinnerlicht zu haben. Seine ersten beiden Lebensgefährtinnen, Frauen aus einfachen Verhältnissen wie er, teilten ein trauriges Los: Beide unternahmen Selbstmordversuche aus Eifersucht, beide übrigens mit dem Revolver, einem unziemlich lauten Instrument in Debussys Welt. Der Mann, dessen seismografische Empfindsamkeit die zarteste Seelenregung einer Melisande einfing und in bislang unerhörte musikalische Wendungen übersetzte, hatte sich einen Schutzwall aufgebaut, der noch die trostlosesten Dinge des äußeren Lebens abhielt, das bis zu seinem vierzigsten Jahr schäbig, finanziell ungesichert und abgesehen von den Revolverschüssen ziemlich ereignislos verlief. Seine hochmütige Weltabweisung war gewiss eine Strategie, das kostbar- zerbrechliche Instrument seiner Sensibilität zu erhalten, und doch auch eine Art dandyhafte Attitüde. Ein derart exquisiter Geschmack erlaubte sich keinen Einklang mit den Massen. Kaum hatte er 1884 den Rompreis gewonnen, äußerte er seinen Widerwillen vor dem römischen Bildungsprogramm. Er ertrug es nicht, sich in den Strom literarischkünstlerisch vorgeprägter Eindrücke zu begeben, dessen Drift die zarte Erlesenheit seines inneren Lebens in Gefahr gebracht hätte. Michelangelos Fresken bedrängten ihn in ihrer Gewalt, die Museen ödeten ihn an, die antiken Trümmer fand er hässlich. Überall ennui – erst ein heftiger Schneefall ließ ihm Roms triste Ruinen einmal erträglich werden, hatte doch die Natur den monumentalen Gemeinplatz römischer Erhabenheit für ein paar Stunden in etwas Fremdartiges verwandelt. Es war das Flüchtige, nur zu dem Empfindsamen Sprechende im Wesen der Dinge, das seine Fantasie in Bewegung setzte, die vor monumental-lärmender Größe erstarrte. Wer vor ihm hätte über das Bild sich im Schnee verlierender Schritte eine derart herzzerreißende Musik schreiben können? Wie er sich seinen geistigen »cordon sanitaire« freibiss, kann man auch aus seinen Musikkritiken herauslesen, die er nur schrieb, weil er das Geld brauchte. Eigentlich blieb nur Bach, der »liebe Gott der Musik« vor seinen sarkastischen Angriffen verschont. Je mehr eine Kunst zu den Massen sprechen will, desto heftigere Verachtung zog sie sich zu. Einmal war Debussy der Überredungskraft von außen erlegen. Es kostet ihn ein halbes Leben, den Geist des »alten Klingsor« Wagner auszutreiben, noch das späte »Martyre de Saint Sébastien« erzählt vom unauslöschlichen Bann des »Parsifal«. Wiederholen sollte sich das nicht, und so räucherte er auch seine innere Welt mit Besessenheit aus, tilgte Salon und französische Romantik – deutsche Kunst ohnehin –, und wer seine vielen Lieder und frühen Klavierwerke anhört, wird bemerken, wie lange es dauerte, bis die Werke seiner letzten Manier, etwa »Jeux« oder die späten Préludes, an nichts mehr erinnern, das unkontrolliert eingesickert wäre aus der Musikgeschichte. Diese Musik spricht nichts mehr aus, sie deutet nur noch an und ist bezeichnenderweise auch unbeliebter geblieben. Während die Populärkultur das »Clair de lune« oder den »Nachmittag eines Fauns« als behagliche Beschallung vereinnahmen konnte, schwindet die Massentauglichkeit auf Debussys Weg in die Moderne. Seine letzten Jahre waren einsam und bitter, eine Krebserkrankung fraß sich voran. Und doch, die fast kindliche Empfänglichkeit für die kleinen Dinge hielt über diesen lebenslangen Rückzugsweg an. Es war sein Genie, ganze Welten zu entdecken in einem wolkenverhangenen Nachthimmel, exotischen Klängen, einem Windhauch oder einer chinesischen Vase. Der Lärm der Industrialisierung, der Weltuntergang des Krieges mögen als apokalyptisches Dröhnen im Schluss von Ravels »Valse« widerhallen. Debussys fragilere Kunst konnte den Widerhall solcher Dinge nicht aufnehmen. Sie waren ihm wie schon Michelangelos Sixtina zu laut und zu groß.

Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 4 / 2012



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