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Lieder aus der Pampa

Mercedes Sosa

Sechs Jahre hat sich Mercedes Sosa mit ihrem neuen Album „Corazón libre“ (Freies Herz) Zeit gelassen. Nach so einer langen Pause mutmaßt man vielleicht eine Krise, altersbedingte Schwächen oder eine grundlegende Wandlung. Nichts von alledem ist zu hören, allenfalls größere Ruhe.

„Es gab Zeiten, da hatte ich gerade ein Album abgeschlossen, da nahm ich unverzüglich das folgende auf. Nun, diese Zeiten wirkten auf mich erschöpfend, geistig entleerend.“ Zwar findet sich auf dem Album „Todo cambia“ („Alles verändert sich“), das Lied des Chilenen Julio Numhauser, das sie schon seit Jahrzehnten gern interpretiert, doch sie straft den Inhalt Lügen: „Der reinste Brillant ändert nach und nach seinen Glanz … Es verändert sich das Haar beim alten Menschen.“ Nun, das Haar, das ihr ebenso wie ihre indianische Abkunft den Spitznamen „La Negra“ eingebracht hat, scheint bei der Argentinierin, die im Juli 70 Jahre alt wurde, so schwarz wie eh und je. Die Lauterkeit, Authentizität, Menschlichkeit ihrer Kunst hat nichts von ihrem Glanz verloren. Und ihre Stimme? „Meine Stimme ist klar, gesund. Ich habe keine Probleme mit Heiserkeit oder Stimmverlust, und falls doch, dann singe ich nicht.“ In der bewegenden Ausdrucksfähigkeit ist ihre Stimme wie guter Rotwein nicht gealtert, sondern gereift.
„Sie setzt sich zum Singen hin wie eine Bäuerin zum Kartoffelschälen“, hat ein Kritiker einmal bemerkt. Es ist sympathisch, dass sie diese urwüchsige, kraftvolle, bodenständige Haltung nie verloren hat. Änderungen hat ihre Karriere gekannt: Aus der Protestsängerin eines Landes mit Militärdiktatur, die vorübergehend im Exil lebte, wurde die „Stimme Lateinamerikas“, mit ihrem Engagement für Menschenrechte und Demokratie ein weltweites Idol. Damit einher gingen Änderungen des Repertoires. Die „Folklore-Mutter“ erweiterte Zug um Zug ihr Repertoire vor allem um Lieder aus anderen lateinamerikanischen Ländern, ließ sich aber auch mit Rock, Pop oder Tango vernehmen. Mit „Corazón libre“ bleibt sie bei dem, was sie am besten kann: Sie singt traditionelle argentinische Folklore bzw. Lieder im Geiste traditioneller Musik ihrer Heimat. Hier wird sie sparsam, rein akustisch begleitet, gelegentlich mit ein wenig Perkussion, durchgehend von wechselnden, immer exzellenten Gitarristen, die vereinzelt mit Sosa zu Herzen gehende Duette anstimmen. Jeder bringt eine eigene persönlich-regionale Färbung, der Altmeister Eduardo Falú, der vielseitige Virtuose Luis Salinas, der bewährte Begleiter Jorge Giuliano oder der junge, aus Sosas Geburtstort Tucumán stammende Alberto Rojo mit seinem harmonisch modernen Spiel.
Die Mischung von alten und brandneuen Liedern aus den Federn junger Dichter und Komponisten trägt zur bezwingenden Synthese aus Intimität und Vielfalt bei. Es sind Lieder verschiedener Genres aus diversen Provinzen Argentiniens, die beweisen: „Folklore erneuert sich stets selbst, das ist nicht nur immer das Alte; es gibt zurzeit junge Leute, die wunderbar komponieren.“ „Corazón libre“ ist reich und reif. Floskeln wie „Sie zieht die Summe ihres Schaffens“ liegen auf der Zunge, wollen aber nicht über die Lippen bei einem so jung gebliebenen, freien Herzen.

Neu erschienen:

Corazón libre

Mercedes Sosa

Edge/Universal

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 5 / 2005



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