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Nemanja Radulović

Ungezähmt

Vorsicht, dieser Geiger ist nicht Samson. Auch ohne sein volles Haar bliebe Radulović noch – seine interpretatorische Kraft.

Der erste Eindruck: Aha, da versucht jetzt die Deutsche Grammophon ihre einmal verpasste Chance wieder gut zu machen und präsentiert uns die serbische Antwort auf David Garrett. Viel schwarzes, schwerlockiges Wuschelhaar zeigt da der Coverboy, nur mühsam bis überhaupt nicht gebändigt, flippige Pose und ein flottes Balkanfolklore-Crossover-Programm. Fertig ist die nächste Heavy-Rotation-Scheibe für Klassik Radio.
Doch der erste Blick trügt. Nemanja Radulović mag zwar etwas schräger aussehen als die meisten, immer noch brav zurechtgestriegelten Geigen-Girlies oder Violin-Jünglinge, die der Markt in schöner Regelmäßigkeit produziert. Und ja, beim Fliegen wird sein Pass immer sehr genau kontrolliert.
Bleiben wir noch beim Haar: Seit er 17 ist, will er es lang, eigentlich auch schon als Junge, da durfte er nicht. „Und es sah erst mies aus, ich musste es ein Jahr lang wachsen lassen, bis es mich optisch einigermaßen überzeugte. Heute weiß ich freilich, warum ich es habe, es ist ein Schutz, ich ziehe einfach den Vorhang zu!“ Stimmt, das kennt man ja schon von Martha Argerich, die sich auch gern hinter ihrem inzwischen steingrauen Keratin-Store versteckt. Bei Nemanja Radulović glänzt es leicht ölig, man sieht, hier wird viel Zeit auf Pflege verwendet (bis zu einer Stunde – vor einem Konzert), auch ist es raffiniert mit Klämmerchen doch in eine Form gebracht. „Aber noch verwende ich mehr Stunden auf das Üben als auf die Haare“, lacht er entwaffnend.
Also gut, kein Marketing-Gag, genauso wenig wie die popig-gruftige Konzertkleidung. „Das bin ich, ich laufe auch so im Alltag rum und fühle mich in einem normalen Anzug verkleidet“, erzählt er. „Das engt mich ein, ich habe es aber auf der Bühne gern entspannt. Ich respektiere jede Person, so wie sie sein möchte. Jeder ist ein einzigartiger Charakter, das soll man auch optisch ausdrücken dürfen.“
Ein Plädoyer also gegen die Uniformität im Konzertsaal, das Glattgebürstete, Erwartbare. Das ist schon mal gut. Und dann stellt sich schnell heraus: Nemanja Radulović ist keineswegs der feurige Gipsy- Virtuose, als der er oberflächlich wirkt und der jetzt im neuen Album antritt. Er hat ein beinhartes Geigenstudium in Belgrad bei Dejan Mihailović und an der Hochschule in Saarbrücken bei Joshua Epstein hinter sich. Mit 14 wurde er am Pariser Conservatoire National Supérieur in die Klasse von Patrice Fontanarosa aufgenommen. Außerdem nahm er an Meisterkursen bei Yehudi Menuhin und Salvatore Accardo teil.
Und trotzdem bleibt dieser bald 29 Jahre alte Künstler ein wenig ungezähmt. Den Wettbewerben hat er schnell abgeschworen, mit 18 war das vorbei, er wollte nicht beurteilt werden nach allzu engen, überprüfbaren Kriterien: „Ich möchte Kreativität und Individualität spüren, suche immer einen sehr eigenen Zugang zur Musik. Ich habe manchmal fast das Gefühl, ich muss die Musik verteidigen.“
Verteidigen musste sich Radulović freilich erst einmal selbst. Mental und im realen Leben. Geboren 1985, war er kein ganz kleiner Junger mehr, als 1991 die Jugoslawienkriege begannen. „Natürlich hat das meine Kindheit, die Jahre, die mich formten, überschattet. Meine Mutter war Ärztin, die hat mir die Realität nahegebracht.“ Die er auch nicht beim Üben vergessen konnte, deshalb wollte er früh weg von Belgrad. Paris, wo er heute noch lebt, war Fluchtpunkt und Paradies.

Heimspiel, pfeffrig gewürzt

Das neue Album, sein internationales Grammophon- Debüt namens „Journey East“, ist tatsächlich bereits seine achte Einspielung. „Ich habe auch Bach-Partiten aufgenommen, Paganini- Capriccios, das Mendelssohn-Konzert und Beethoven-Sonaten, meist für Decca in Frankreich und für unabhängige Labels.“ Richtig, links des Rheins ist Nemanja Radulović längst ein aufgehender Stern.
Warum also jetzt eine solche pfeffrig-sentimentale Zusammenstellung? Ungarische Tänze von Brahms, serbische Traditionals, der Russische Tanz aus „Schwanensee“, dazu Filmund Bühnenmusik von Schostakowitsch, Khatchaturian und Kusturika? Mal mit dem Deutschen Symphonie-Orchester unter Michail Jurowski eingespielt, mal mit seinen Freunden aus dem echten Leben, die in den Bands „Les Trilles du Diable“ und „Double Sens“ spielen: „Die sind meine Familie, wir sind sehr vertraut.“ Das hört man, denn das geht ab, da perlt das Zymbalon, scheppert die Perkussisonsbatterie, wird auch gesungen.
„Ich wollte das“, erzählt er weiter. „Diese Aufnahme ist ein Moment des Innehaltens, der Reflektion. Ich habe in den letzten Jahren viele mir sehr nahe stehende Menschen verloren, auch meine Mutter und eine meiner Schwestern“, erzählt Nemanja Radulović. „Ein Titel wie ,Lieder, die mich meine Mutter lehrte’ von Dvořák hat also einen sehr realen Hintergrund für mich. Ich höre sie in dieser Musik, in ihrer Trauer und in ihrem Spaß. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Ich bin mit jedem dieser Werke tief verbunden. Sie haben mir in schlimmen Zeiten das Überleben leichter gemacht. Sie waren wie Sauerstoff. Und das wollte ich jetzt teilen.“ Crossover, das schätzt Nemanja Radulović hingegen gar nicht. „Ich mag, was ich fühle. Und das ist gute Musik, die will ich verteidigen als Künstler und Musiker. Ich hasse Artifizielles, Gemachtes. Ich will ich sein.“
Als Einspringer für Maxim Vengerov gab er 2006 mit Beethovens Violinkonzert sein Debüt beim Orchestre Philharmonique de Radio France unter Myung-Whun Chung. Seither trat er als Solist u.a. mit der NDR Radiophilharmonie Hannover auf (dessen früheren Dirigenten Eiji Oue liebt er besonders), dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Royal Philharmonic Orchestra London, dem Tschaikowsky Symphonieorchester Moskau und dem Tokyo Symphony Orchestra. Zu seinen internationalen Wettbewerbserfolgen gehören Preise beim Violinwettbewerb Joseph Joachim in Hannover, der George Enescu-Competition in Bukarest, Antonio Stradivari in Cremona und beim Yehudi Menuhin-Wettbewerb in Boulogne-sur-Mer.
Längst tritt Nemanja Radulović in den wichtigen Konzertsälen Europas auf: im Concertgebouw Amsterdam, in der Cité de la Musique in Paris, im Palais des Beaux-Arts in Brüssel, in der Kölner Philharmonie, im Festspielhaus Baden-Baden, im Megaron Athen, dem Barbican London und auch in der New Yorker Carnegie Hall. In der Saison 2014/15 spielt er unter anderem mit den Münchner Philharmonikern, den Stuttgarter Philharmonikern und der Philharmonie Essen, ist zu Gast u.a. in Verbier, Reims, Montpellier, Avignon, Cannes und Bukarest.
Radulović liebt auch die kleine intime Form: „Gegenwärtig bin ich mit der Pianistin Susan Manoff mit Sonaten von Bach, Schuman, Ravel, Franck und Mozart unterwegs. Ich spiele aber auch gern Dinge, die ich mag, von denen es noch nicht einmal eine Partitur gibt.“ So repräsentiert dieser ungewöhnliche Serbe eine innovative Künstlergeneration, die nach neuen Wegen der Vermittlung sucht. Mit seiner überschäumenden Vitalität und einer enormen Bühnenpräsenz begeistert er insbesondere ein junges Publikum. Aber: „Für mich ist es das Wichtigste, Menschen mit meiner Musik glücklich zu machen und meine Zuhörer zu bewegen. In der Musik, die ich spiele, sollen sie die Energie und die Emotionen spüren.“ Anderseits scheinen in Nemanja Radulović die hinreißenden romantischen Virtuosen des 19. Jahrhunderts wiedergeboren, ihre Extrovertiertheit, ihre Wildheit. Und daher ist für ihn beispielweise auch die Zusammenarbeit mit einem gewieften Poparrangeur wie Yvan Cassar von Bedeutung: „Er eröffnet mir akustisch neue Welten.“

Neu erschienen:

Journey East

Nemanja Radulović, Laure Favre-Kahn, Les Trilles du Diable, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Michail Jurowski

DG/Universal


Orient-Express

Für den Rest dieser Saison ist der Künstler vorwiegend in Frankreich zu hören, sowohl mit Orchestern, als auch mit seiner Band „Double Sens“. Im Februar aber wird Nemanja Radulović mit den Münchner Philharmonikern unter Karl-Heinz Steffens Nicolò Paganinis 1. Violinkonzert spielen. Und im März kommt er zu einer Yellow Lounge der Deutschen Grammophon nach Berlin. Seine sieben übrigen Alben bei Deutsche Grammophon, Decca und Transart sind alle noch lieferbar.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2015



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