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Musik der Welt

Aus Afrika und Asien

+ Klingende Steine aus Nord-Togo + Die Oud-Brüder aus Nazareth: ein Palästinensisches Lautentrio + Jüdische Musik aus dem Ghetto in Shanghai +

Fünf unterschiedlich große, flache Steine, die mit kleineren Steinen angeschlagen werden? Was wird man damit schon anfangen können? Und doch, was der famose Virtuose Kpalandao Yurijao aus dem Litophon Pichanchalassi („Klang des Kiesels“) zaubert, sind aus dem Ärmel geschüttelte Wunder an Komplexität, die entfernt an minimalistische Werke erinnern. Sein Instrument darf nur zwischen November und Januar gespielt werden (in der Feierzeit nach der Ernte). Yurijaos Musik ist ein nur auf fünf Stücke beschränktes Highlight des Albums „Orchestres et litophones kabiyé“ (Ocora/harmonia mundi C 560195) mit Musik aus Nord-Togo, das im übrigen Gesang zum Daumenklavier und vor allem Musik der Soo-Orchester vorstellt, die mit diverser Perkussion, Flöten und „sprechenden Trompeten“ besetzt sind: faszinierende Aufnahmen für Freunde traditioneller westafrikanischer Musik.
Nachdem Künstler wie Rabih Abou-Khalil, Anouar Brahem und Dhaffer Yusef unsere Ohren für die Laute Oud geöffnet haben, ist der Westen nun auch bereit für Formationen wie das palästinensische „Trio Joubran“, das ausschließlich mit Oud- Meistern besetzt ist, drei Söhnen eines bekannten Oud-Machers aus Nazareth, die zuerst solo, dann im Duo auftraten, nun aber zu dritt den verdienten großen Durchbruch erleben. Ihr Spiel auf „Randana“ (Fairplay/Sony MCC Neo fp 500, EAN 794881779529) ist so brillant und intensiv, dass es unweigerlich in seinen Bann zieht. Dabei ergänzen sich die drei zu einer homogenen Einheit, wie es wohl nur Brüder im Blut haben. Trotz vereinzelter Anklänge an westliche Musik sind die drei Palästinenser fest in der arabischen Tradition verwurzelt. Wer nach einem orientalischen Gegenstück zum Gitarrentrio DeLucia/McLaughlin/DiMeola sucht, wird hier fündig.
In den 30er und 40er Jahren fanden etwa 20.000 Juden in Shanghai ein neues Zuhause, dem einzigen Ort auf der Welt, „an den man ohne Papiere, ohne Erlaubnis, ohne eidesstattliche Erklärung, ohne Einreisegenehmigung oder Visum gehen kann“, wie es der Flüchtling Fred Fields formulierte. Hier lebten neben Chinesen und Juden aus dem Irak auch Europäer und die japanischen Besatzer, die als Verbündete Deutschlands zu Unterdrückern wurden. Das wechselhafte Schicksal dieser Juden zeichnet „Zuflucht in Shanghai“ nach (DVD bei Winter & Winter/Edel 915004 7 WIN), ein Dokumentarfilm von Joan Grosman und Paul Rosdy, zu dem John Zorn einen einfühlsamen Soundtrack beisteuerte. Parallel dazu erschien die CD „Metropolis Shanghai“, eine Art „Hörfilm“, der den Versuch unternimmt, die musikalische Atmosphäre des „Paris des Ostens“ jener bewegten Jahre nachzuzeichnen.
Es ist kein wissenschaftlicher Rekonstruktionsversuch, sondern ein poetischer, der auch dort Charme versprüht, wo die Musik jämmerlich ist, etwa wenn die alte chinesische Hotel-Jazzband „Slow Boat to China“ intoniert. Ohne Fehl ist aber die in Shanghai eingespielte traditionelle chinesische Musik, die nun von Wiener Schrammelmusik, jüdischen Liedern oder japanischer Militärmusik umgeben ist. Die Juden lebten ab 1943 im Ghetto und blieben ebenso unter sich wie die anderen Bevölkerungsgruppen. So entstand in Shanghai zwar auch verwestlichte chinesische Musik, nicht aber „Weltmusik“ im heutigen Sinne. Zu Vermischungen, wie sie z.B. andernorts zwischen chinesischer und kubanischer Musik oder zwischen jüdischer Musik und Jazz stattfanden, kam es offenbar nicht. So blieb nebeneinander, was unter erfreulicheren Umständen für alle Beteiligten vielleicht zu einem (auch musikalischen) Miteinander geworden wäre.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 6 / 2005



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