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Besuch beim alten Mütterchen

Vladimir Horowitz

1986 gastierte Horowitz nach über 60 Jahren Exil wieder in seiner Heimat Russland. Das Ereignis liegt nun erstmals auf DVD vor.

Eine Szene wie aus einem Tschechow-Stück. Zwischen all den Möbeln aus einem längst vergangenen Jahrhundert sitzt zierlich und fast schüchtern Jelena Skrjabin, die hochbetagte Tochter des Komponisten, während Vladimir Horowitz dem Flügel zwei Skrjabin-Piecen mit bewegender Intimität entlockt. In diesen Minuten scheint der ganze Trubel, der um diesen Termin gemacht worden war, wie eingefroren. Denn als die russischen Behören erfahren hatten, dass Vladimir Horowitz bei seinem Russland-Gastspiel in Moskau eine Stippvisite in Skrjabins Wohnhaus plane, mussten die arg ramponierten Zimmer in der Wachtangow-Straße erst einmal wieder auf Hochglanz gebracht werden.
Für Horowitz wurde diese kleine Pilgertour schließlich zu einer seiner ergreifendsten Stationen bei sei ner Rückkehr in die alte Heimat, die er 1925 verlassen hatte und die er nun, nach 61 Jahren und im Alter von 83 Jahren, wieder besuchte. Immer hin hatte es Horowitz’ Onkel Alexandre 1914 geschafft, dass der elfjährige Knirps dem großen Skrjabin vorspielen durfte. Und nun, 72 Jahre später, bewies Horowitz noch einmal vor den Augen und Ohren Jelena Skrjabins und der Weltöffentlichkeit, welchen nachhaltigen Eindruck Skrjabins Belehrungen auf ihn gemacht haben. Wie sich hier im kleinen Salon der Kreis einer lebenslangen Musiker- Freundschaft schloss, so wurden überhaupt Horowitz’ Tage in Russland zu einer nostalgischen Zeitreise. Am Flughafen von Moskau stand plötzlich seine Nichte Elena Dolberg vor ihm, die noch sein letztes Konzert in Moskau 1925 miterlebt hatte. In Moskau und St. Petersburg begegnete er der Großnichte Tschaikowskys und der Tochter Rimski-Korsakows. Sie waren alle gekommen, um diesem Jahrhundertpianisten ihre Reverenz zu erweisen und mit ihm Erinnerungen wachzurufen, die ihn mächtig stolz machten auf „unser altes Mütterchen Russland“.
Auf der jetzt erstmals auf DVD veröffentlichten Dokumentation „Horowitz in Moskau“, bei der natürlich der legendäre Auftritt vom 20. April 1986 im Moskauer Konservatorium im Mittelpunkt steht, sieht man daher reichlich Tränen der Rührung fließen. Zwar nicht beim Maestro, der im Gegensatz zu seinem schluchzenden und in sich versunkenen Publikum lieber wieder den über beide Backen grinsenden Charmeur und Clown spielte. Jede noch so bekannte Scarlatti-Sonate und jede Chopin-Mazurka wurde zu einem Ereignis. Auch wenn im Moskauer Konservatorium von den oberen Rängen bisweilen Störgeräusche von Studenten herunter tönten, die in den ausverkauften Saal ohne Eintrittskarten hineingedrängt waren, so störte dies nicht Horowitz’ so einzigartige Verbindung aus Zartheit und müheloser Klarheit, aus subjektiver Nachschöpfung und fesselnder Virtuosität, mit der er zwei Jahre vor seinem Tod triumphieren konnte. Wie sagte sein Landsmann und Kollege Lazar Berman einmal: „Mich oder andere Interpreten mit Horowitz zu vergleichen, ist ein Sakrileg – so, als würde man einen Heiligen in der Kirche anspucken.“

Neu erschienen:

Horowitz in Moskau

Sony

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 6 / 2005



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