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Rolando Villazón

Die Freuden des jungen V.

Alle lieben Rolando. Denn er ist nicht nur ein fantastischer Sänger, ein glänzender Schauspieler, ein begnadeter Charmeur und Entertainer. Auf der Bühne und dem Konzertpodium verschenkt er sich ganz. Jochen Breiholz traf ihn in Nizza, wo er in Massenets „Werther“ wahre Triumphe feiern konnte.

Rolando Villazón knabbert an einer Banane. Doch weil keine Fernsehkamera surrt, die ihn dazu verleiten könnte, daraus eine Mr.-Bean-Nummer zu machen, beschränkt sich seine immer wieder beschworene Nähe zu dem britischen Komiker in diesem Fall auf die Physiognomie: eine entfernte Ähnlichkeit, mehr nicht. Rolando, der ewige Spaßmacher? Dieses Image, genährt durch eine Hand voll TV-Auftritte, bestätigt er am Morgen nach seinem Auftritt als Werther im schmucken, fünfrangigen Opernhaus von Nizza nicht. Zwar redet der Tenorissimo so rasant wie ein Maschinengewehr schießt, spricht mit Händen und Füßen, versprüht dabei literweise Charme, funkelt mit den Augen, baut hier und da ein blitzschnelles pantomimisches Intermezzo ein, improvisiert Minidialoge mit sich selbst, witzelt selbstironisch über die Opernwelt und springt auch schon mal vom Stuhl, um zu illustrieren, wie er für seinen dreijährigen Sohn Dario den Löwen spielt – aber von dem vermeintlich manischen, permanent unter Strom stehenden, rasenden Bildschirm-Rolando ist das noch ein ganzes Stück entfernt. Kein abgehobener Künstlertyp, dem der schnelle Ruhm zu Kopf gestiegen ist, keiner, der sich ständig selbst produzieren muss, sondern ein ausgesprochen sympathischer, eigenwillig natürlicher, angenehmer Typ. Ein bisschen exzentrisch vielleicht und mit ungefähr fünf Mal soviel Energie wie normalsterbliche Durchschnittsmenschen. Ein hundertprozentiges Bühnentier auch dann, wenn er nicht auf der Bühne steht.
Sein Werther muss den Vergleich mit den legendärsten Interpreten dieser Partie nicht scheuen. Darstellerisch ist das typisch Villazón, leidenschaftlich bis zum Äußersten, bedingungslos, schwärmerisch, rauschhaft: die totale Identifikation. Und musikalisch so intelligent, so durchdacht, so farben- und nuancenreich und idiomatisch, wie das seit Alfredo Kraus keiner mehr gestaltet hat.
Villazón verschweigt nicht, dass die Regie für ihn eine entscheidende Rolle spielt: „Ich brauche einen Regisseur, der mich fordert, mit dem ich mich über eine Figur auseinandersetzen kann. Ich liebe es, Sachen anzubieten, zu improvisieren, Möglichkeiten zu diskutieren, auszuprobieren, wieder zu verwerfen, Neues zu entdecken und in diesem Prozess den Charakter zu finden und zu formen.” Diese Neugier, diese Entdeckerlust bestimmt auch Villazóns Rollenauswahl: „Als ich an der Berliner Staatsoper Unter den Linden meinen ersten Don José gesungen habe, wusste ich, dass das ein Risiko war. Es hätte ein Fehler sein können. Aber ich habe etwas ganz Eigenes mit der Rolle gemacht, ich habe zusammen mit Daniel Barenboim und Martin Kušej meinen Don José entwickelt. Für mich war das eine faszinierende Arbeit! Wer in dieser Partie eine schwere Stimme wie die eines Mario Del Monaco hören will, der wird mich in „Carmen” nie mögen. Aber ich werde nie versuchen, jemand anderes zu sein, um irgendwelchen Erwartungshaltungen zu entsprechen.”

Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gibt es für ihn keine Grenzen.

Und doch weiß Rolando Villazón ganz genau, dass so ziemlich jeder im Opernbusiness zumindest eine Erwartung an ihn stellt: der unangefochten Beste zu sein. Der Druck ist spürbar stärker geworden: „Vor ein paar Jahren war es wesentlich einfacher, als die Leute auf den Besetzungszettel guckten und fragten ,Rolando wer?’. Als ich kürzlich an der MET den Duca im ,Rigoletto’ gesungen habe, musste ich die zweite Vorstellung absagen, weil ich krank war. Doch die dritte Aufführung, die live im Radio übertragen wurde, wollte ich unbedingt machen, obwohl ich mich noch nicht wieder ganz gesund fühlte. Das Ergebnis war okay. Aber eben auch nur okay, und das reicht nicht, wenn die MET ausverkauft ist, die Vorstellung weltweit übertragen wird und alle von mir Superlative erwarten.”
Bravourös erfüllt Villazón dagegen alle Erwartungen auf seinem neuen Album, einem aufregenden Streifzug durchs italienische, französische, russische und deutsche Repertoire. Dabei stößt der lyrische Tenor in dramatischere Regionen vor, wagt sich an Verdis Ernani und den „Un ballo in maschera“-Gustavo, eine Partie, die er zum ersten Mal nächs tes Jahr in Amsterdam verkörpern wird. Angst, dass die schwereren Kaliber seiner Stimme schaden könnten, hat er nicht. Schliesslich kommt es nicht auf die Lautstärke an. „Das Entscheidende bei allem, was ich tue, ist die Intensität. Sie bedeutet für mich, hundertprozentig und authentisch zu leben. Ehrlich mit mir selbst zu sein. Freude und Schmerz, Höhen und Tiefen ohne Angst auszukosten. Wenn ich alles bewusst wahrnehme, dann kann ich auch die Phasen, in denen ich traurig bin und heule, als Glück erleben. Gerade in diesem Spannungsverhältnis liegt der Reiz. Wenn es nicht diese Blue Days gäbe, könnte ich nicht diese Explosion von Glück empfinden, diese magischen Momente, die auf der Bühne entstehen.”
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gibt es für ihn keine Grenzen: „Ich mache alles, solange es Sinn macht. Bei meinem ersten Romeo in Lyon habe ich dem Regisseur vorgeschlagen, die Liebesszene nackt zu spielen. Leider hatte meine Juliette damit Probleme. Als ich die Partie jetzt wieder in Los Angeles gesungen habe, bin ich immerhin oben ohne aufgetreten. Das fand ich ziemlich mutig von mir, denn in Kalifornien rennt jeder täglich ins Fitness-Studio, und selbst der Pförtner am Bühneneingang hat einen so makellos geformten Körper, dass man vor Neid erblassen muss”. Trotz dieser Erfahrung stemmt Villazón in seiner Freizeit jetzt keine Gewichte. Er spielt Schach, zeichnet Karikaturen, schreibt Kurzgeschichten und Sonette – und ist fest entschlossen, irgendwann einmal einen Roman zu verfassen. Was noch? „Wenn ich alt bin, meine Stimme verloren habe, in Mexico lebe und mich keiner mehr kennt, dann möchte ich den Don Quichotte im Musical ,The Man of La Mancha’ spielen. Aber vorher will ich mindestens noch einen Oscar und den Nobelpreis gewinnen.”

Neu erschienen:

Opera Recital

Rolando Villazón, Teresa Blank, Münchner Rundfunkorchester, Michel Plasson

Virgin/EMI

Jochen Breiholz, RONDO Ausgabe 2 / 2006



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