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Musikstadt

Aix-en-Provence: Abschied vom Festspiel-Zirkus

Warum überhaupt noch Oper? Ist doch hier die ganze Stadt eine Bühne, die sich selbst inszeniert und mit den wunderlichsten Statisten bevölkert. Matthias Siehler porträtiert für die RONDO-Sommerausgabe die südfranzösische Stadt – zur Festspielzeit.

Ouvertüre: die Hungrigen, die in den überteuerten Restaurants am Cours Mirabeau das Besteck recken und unter Platanen die Blickauswahl auf gleich drei moosbegrünte, immer feucht glänzende Brunnen haben. Wenn sie nicht gleich das ewig gischtende Finalcrescendo der Fontaine an der Place de la Rotonde bevorzugen.
Erster Akt: die salonartige Place d’Albertas mit ihren sonnenbleichen, sich wie Papier kräuselnden Sandsteinfassaden und dem schiefen Brunnenbecken. Intermezzo: die Bar mit dem pastell-farben türkisen (Plastik-)Gestühl, die sich »Zauberflöte« nennt und wo man so schön dem Orgelschall aus der Kathedrale St. Sauveur lauschen kann.
Zweiter Akt: das Markttreiben unter schattigen Bäumen, dessen GemüseÜberreste kurze Zeit später, wenn alles wieder leer und still ist, auf dem zischenden Wasserstrahl der Stadtreinigung davonschwimmen. Pause: das Platzkonzert der neun Dudelsackbläser und Schlagzeuger mit Mütze und Kilt, die den Kampfnamen Scottish Power Pipe Band tragen, vor dem Hôtel de Ville und zur Freude der Touristen. Sogar Pierre Boulez und Ex-Intendant Stéphane Lissner mit dem obligatorischen kleinen Zigarillo im Mundwinkel stehen ein wenig abseits daneben.
Dritter Akt: das Antänzeln der feingemachten Festspielgäste – sei es auf den abgelatschten Steinplatten vor dem Court d’Archevêché, dem hässlichen Treppenloch des modernistischen Grand Théâtre de Provence oder vor dem kleinen Eingang der sanierten Rokoko-Bonbonnière Jeu de Paume.
Vierter Akt: leises Lachen in der Nacht, vor einem der jetzt nur noch leeren Bistros. Hat da nicht eben ein steinerner Atlant zurückgegrinst?
Selten, nicht einmal in Salzburg oder Bayreuth, vibriert ein Ort ähnlich in Festival-Vorfreude, wie die uralte, traditionssatte, in der Erinnerung (und auch meist in der Realität) von einer sanften Lichtaureole umfangene Provence- Metropole im Schatten der Montagne Sainte-Victoire – die vom berühmtesten Aixois, Paul Cézanne, ein Leben lang gemalt wurde. Eine feine, eine elegante, eine liebenswürdige Stadt. Die ihren Jahreshöhepunkt erlebt, wenn Anfang Juli tout Paris de Culture – und viele erwartungsgespannte Gäste aus der ganzen Musikwelt – einfallen, um die Sommerferien und den Festivalreigen im Midi zu starten. Radiofest in Montpellier, das größte Theaterfestival der Welt in Avignon, die großen Foto-Feiern von Arles, Oper im Römertheater von Orange oder der antiken Arena von Nîmes – was für ein gesegnetes Kulturland, wenigstens im Sommer. Doch am Edelsten ist das seit einigen Jahren neuerlich ambitionierte, aber auch ein wenig international austauschbarer gewordene Festival in Aix-en- Provence, das sich von der beschaulichen Mozart-Pflegestätte zum südlichen Salzburg-Ableger mit Aus- und Weiterbildungsstätte für den europäischen Sänger- und Instrumentalistennachwuchs gemausert hat.
Strenges Regietheater und einen Hang zum barocken Stimmspektakel, das wissen offenbar besonders die wieder stark vermehrten deutschen Besucher zu schätzen, während die französischen Medien in der Mehrzahl einen säuerlich verkniffenen Mäkelkurs fahren. Fünf Opernproduktionen gibt es meist, übergreifende Motti versagt man sich, Aix ist für dramaturgische Konzepte viel zu schön, auch wenn es dieses Jahr heißt: »Die Oper ist der Spiegel der Welt« – das aber ist sie doch immer.
1948 wurde das Festival von Gabriel Dussurget, der die musikalischen Aktivitäten in der Region von Marseille fördern wollte, in der Universitätsstadt mit ihren 140.000 Einwohnern ins Leben gerufen. Einen legitimen Genius loci gibt es nicht, als bedeutenden Komponisten hat man höchstens André Campra (1660-1744) vorzuweisen, Kapellmeister unter Ludwig XIV. und bei den Jesuiten – und viel später den Dirigenten und Cembalisten Christophe Rousset und die Pianistin Hélène Grimaud.
So hieß also die erste Parole »Mozart«: »Als ich mir Aix vorstellte, kam mir ein lyrischer Gesang in den Sinn. Fiordiligi und Dorabella sanken, leichtbeschwingten Geistern gleich, auf den Cours Mirabeau herab und Mozart lag mir auf den Lippen«, so wird Dussurget gern zitiert. Doch die Stadt des einst hier herrschenden guten König René wurde schnell auch die Stadt Rossinis und der langsam wiederentdeckten Barockoper. Auch Zeitgenossen spielte man ab und an.
Im Gründungsjahr gab es »Così fan tutte« im Hof des Erzbischöflichen Palais, dem Théâtre de l’Archevêché, aufgeführt mit einem Bühnenbild von Georges Wakhevitch und unter der musikalischen Leitung von Hans Rosbaud. Da wehte statt der süßen Winde des Golfs von Neapel so manches nicht immer nur laue Mistral-Lüftchen. Etwa zehn Konzerte wurden zudem im Archevêché und der Kathedrale Saint-Sauveur mit ihrem herrlich geschnitzten, meist hinter Holzläden verborgenen Türflügeln und dem wunderbaren Altar- Triptychon vom brennenden Dornbusch gegeben, darunter auch eine Krönungsmesse mit der jungen Maria Stader. 1949 folgte »Don Giovanni« mit großem Erfolg und mit dem Bühnenbild des Künstlers und Werbegrafikers Cassandre. Dessen grotesker Stil wurde zu einem optischen Markenzeichen, die Inszenierung blieb fast dreißig Jahre im Repertoire. Die amerikanische Sopranistin Teresa Stich-Randall wurde zur inoffiziellen Mozart-Primadonna und die junge Teresa Berganza verdiente sich hier erste Rossini-Sporen.
Im Jahre 1974 wurde Bernard Lefort Festspielleiter. Er öffnete die Festspiele dem italienischen Belcanto. Ihm folgte 1982 aus Lyon Louis Erlo. Auf den Spielplan kamen noch mehr Barockopern von Purcell, Gluck, Lully, Campra und Rameau. 1998 wurde alles anders. Der Palasthof bekam eine neue Bühne und eine eiserne Tribüne mit Rang. Stéphane Lissner, ehemaliger Direktor des Théâtre du Châtelet, machte jetzt Welttheater – mit Peter Brook und Pierre Boulez, Claudio Abbado, Pina Bausch, Simon Rattle und sogar mit einem ziemlich überflüssigen »Ring des Nibelungen« der Berliner Philharmoniker im 45 Millionen teuren, schmucklos kühlen Grand Théâtre.
Bayreuth unter Platanen, musste das sein? Im atmosphärischen, meist von keinerlei Mistralböe und Zikadengezirp gestörten Freiluftambiente des erzbischöflichen Palastinnenhofes schweben seither durch die klassischen Klänge mitunter verstörende Bilder. Doch der massiven Opernglobalisierung und des austauschbaren Gastier- und Koproduktionszirkus zum Trotz: Man fährt immer noch gern in das honigfarbene Aix, um hier Mozart und Händel, Monteverdi und Rossini unter freiem Midi-Himmel zu genießen. Seit 2007 hat der Belgier Bernard Foccroulle, Organist und ehemaliger Direktor des Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, die Leitung der Festspiele inne. Er gibt sich wieder konzilianter, kommt stärker auf das Gründungskonzept zurück, hat vor allem das zwölf Kilometer außerhalb von Aix in herrlicher Hanglage situierte historische Landgut Grand Saint-Jean wieder als Spielstätte im Plan. Das würdevolle Renaissance-Gemäuer sowie Gärten und Terrassen sind jetzt noch stärker in die theatralische Aktion miteinbezogen. Sogar eine Dinner-Pause gibt es dort: Glyndebourne-Stimmung in der Provence.
Von Stéphane Lissner und den Berliner Philharmonikern hat der neue Aix-Intendant die Idee eines Orchesters in residence übernommen. Vier Mal in jeder zweiten Saison ist es das London Symphony Orchestra, das diesen Sommer unter Valery Gergiev gastiert. Es gibt 2012 auch einen neuen »Figaro « unter Jerémie Rohrer und seinem Orchestre Le Cercle de l’Harmonie; Richard Brunel inszeniert, Patricia Petibon ist Susanna. Andreas Homoki führt Regie bei Charpentiers geistlichem Spiel »David et Jonathas«, das William Christie am Pult seiner Arts florissants leitet. Die Akademisten steuern Ravels »L’enfant et les sortilèges« bei. Mozart kommt zudem mit »La finta giardiniera« unter Andreas Spering und in der Regie von Vincent Boussard. Und als eine gleich in Amsterdam, Toulouse, London und München nachgespielte Uraufführung wurde das von Engeln des 21. Jahrhunderts umflatterte Künstlerdrama »Written on Skin« bei George Benjamin und Martin Crimp bestellt.
Zudem will sich die sonst orchesterlose Stadt ab 2013 auch noch ein von dem Geiger Renaud Capuçon geleitetes Osterfestival mit Konzerten gönnen. Doch trotz so viel Musik wird das alltägliche Theatrum Mundi à la Aix stets allen Kunstanstrengung den Rang ablaufen …


www.festival-aix.com


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2012



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