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Musik der Welt

Von Marcus A. Woelfle

Seit November 2011 gehört auch der portugiesische Fado zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco – wie der Flamenco Andalusiens und wie der argentinische Tango, die seit 2009 bzw. 2010 die Liste bereichern. Damit erhielten Musikstile »niedriger« Herkunft, die ihren Ursprung einst in übelbeleumdeten Lokalen hatten, offizielle Lorbeeren. Marcus A. Woelfle über das portugiesische Lebensgefühl in Tönen.

Den altehrwürdigen Fado nicht wie ein unwandelbares Museumsstück zu behandeln schien noch im ausgehenden 20. Jahrhundert vielen wie ein Sakrileg. Und doch hat seit dem Tode der legendären Amália Rodrigues vor 13 Jahren eine ganze Schar junger Thronfolgerinnen den Fado im neuen Kleid ins neue Jahrtausend überführt, mit anderen Themen, Besetzungen, Einflüssen. Unter ihnen ragt Mísia hervor, die mit »Senhora da noite« (Pinorekk Records), ihrem zehnten Album in 20 Jahren Aufnahmetätigkeit, zum traditionellen Fado zurückkehrt – freilich ohne jene Neuerungen zurückzunehmen, mit denen sie wegweisend gewirkt hat: Zum einen war ihr seit je das literarische Niveau bislang unvertonter Gedichte oder eigens für sie geschriebener Texte ein Anliegen, zum anderen hat sie durch die Erweiterung des traditionell aus Zupfinstrumenten bestehenden Fado-Instrumentariums (Guitarra portuguesa, Viola do Fado und Bass) um Violine, Akkordeon und Klavier einen eigenen Sound geschaffen. »Senhora da noite« (»Herrin der Nacht«) ist ein Konzeptalbum, eine wohl fällige Pionierleistung. Bislang waren Frauen im Fado meist nur Sängerinnen. Die Texte lieferten vornehmlich Männer. Dies ist das erste Fado-Album, bei dem alle Texte von Frauen stammen, entweder von verstorbenen Fadistas, ihr selbst oder von Dichterinnen, die z. T. eigens für Mísia neue Worte fanden – zu traditionellen Weisen, die mit anderen Texten längst Klassiker sind oder bislang nur in instrumentalem Gewand existierten. »Wir Frauen sind nicht nur große Interpretinnen, sondern erzielen auch wunderbare Ergebnisse, indem wir am kreativen Prozess teilhaben«, weiß Mísia, macht Weiblichkeit zum Thema, auch das Leiden der betrogenen, erniedrigten Frauen und jener, die ihren Körper verkaufen müssen. Vom eröffnenden »Fado das violetas« zu Worten der Dichterin Florbela Espanca, die 1930 Selbstmord beging, bis zum Schlussstück, ihrer aus Versen der Rodrigues und Stücken älterer Fados zusammengestellten Hommage »Rapsodia Amalia« singt Mísia mit Inbrunst von »erschöpften Herzen «, den »Krallen der Sinne«, von Untreue als »Brandstiftung« und Leidenschaften, die »verlorene Schritte« sind. Ihre klare Stimme setzt sie virtuos ein, und da sie stets vor der Grenze halt macht, hinter der Theatralik und Pathos beginnt, vermag sie zu rühren.
Nach fünfjähriger Studioabstinenz meldet sich auch Dona Rosa mit einem Konzeptalbum zurück: »Sou Luz« (Jaro). Weder äußerlich noch sanglich erinnert die kleine, rundliche, einfach gekleidete Sängerin an ihre elegante Generationsgefährtin. Ihr mitunter beschwerlicher Lebensweg, aber auch ihr Durchhaltevermögen spiegeln sich in der unsentimentalen, herben Schönheit ihrer Stimme und der geraden Schlichtheit ihres ungekünstelten Vortrags. Dona Rosa singt von ihren Erfahrungen: »Ich schließe meine Augen, um besser sehen zu können«. Und sie erzählt; zum Beispiel, dass sie als Kind ausgerechnet beim »Blinde Kuh« spielen erblindete. »Sou Luz« handelt vom »inneren Licht« des Menschen, der Quelle des inneren Menschen. Die von ihrem langjährigen Gitarristen Raul Abreu und seinem Bruder, dem Textdichter José Abreu, geschriebenen Lieder erinnern daran: »Blinde leben in einer leuchtenden, strahlenden Welt, obwohl sie nicht ‚sehen’ können.« Obwohl sie oft traurig klingt, so doch selten unglücklich. Die beruhigende Zuversicht eines Menschen, der mit Vielem fertig geworden ist, lebt in ihrer Stimme. Die aus einer Bettlerfamilie stammende blinde Straßensängerin, die sich in den 90er Jahren nur mit ihrer Triangel auf den Straßen Portugals Gehör verschaffte, ist längst eine in aller Herren Länder beliebte Bühnenkünstlerin. Das hat wohl mittlerweile auf ihren Fado abgefärbt. Sang sie auf ihren ersten Aufnahmen wie um ihr Leben, ist etwas von dieser Vitalität und Dringlichkeit verloren gegangen. Da die Begleitung, im Versuch ihr kommerzielles Potential auszuloten, streckenweise glatt und etwas überarrangiert vor sich hin plätschert, verstärkt sich unnötig dieser Eindruck. Ein Lied, nur von der Triangel begleitet, erinnert daran, dass weniger manchmal mehr ist.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 3 / 2012



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