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(c) Ari Rossner/Warner

Piotr Anderszewski

Der Blüten-Leser

Er war Svjatoslav Richters Umblätterer. Und ist der wohl belesenste Weltklasse-Pianist. Jetzt ist Anderszewski zurück – mit Bach.

Drei Jahre lang war Piotr Anderszewski CD-absent. Wo war er denn? „Ich werde älter, ich werde langsamer“, wiegelt er ab. Er hat sein Sabbatical fern von aller Welt in einem Kloster außerhalb von Kyoto zugebracht. Nun praktiziert er vor seinen Konzerten immer 15 Minuten Meditation. Was sich auszahlt. Anderszewski kann als einer der besten Live-Pianisten der Gegenwart gelten. Als jemand, der den Augenblick zu packen und auszuweiten versteht.
Vielleicht gerade deswegen, weil er eigentlich ein unzufriedener Live-Pianist ist. „Konzerte sind problematisch, finde ich. Weil es nicht so sehr darauf ankommt, wie man spielt, als darauf, wie ich etwas zum Publikum herüberbringe. Das Publikum spielt mit!“, so Anderszewski. Bisweilen habe er sogar schon angeboten, im Konzert ein Stück zu wiederholen, wenn ihm seine eigene Leistung nicht gefiel. „Sonst werde ich krank und habe schlaflose Nächte“, meint er. Gewiss wird deswegen das Publikum bei ihm so sehr hineingezogen und angesteckt. Anderszewski ist, wenn nicht der schöne Grübler, so doch: der abwägende Schöngeist der Zunft. Übrigens, falls das wichtig sein sollte: einer der wenigen Pianisten mit tatsächlich schönen Händen.
Mit diesen Händen spielt er nicht bloß Klavier, sondern liest Hermann Hesse, Céline und seinen polnischen Landsmann Witold Gombrowicz. Teile seiner Lektüre-Begeisterung empfing er von seinem pianistischen Vorbild Svjatoslav Richter. „Ich habe Richter eine Zeitlang ja als Umblätterer gedient, da war er schon recht alt“, erzählt Anderszewski. „Er sagte mir: ‚Lies jeden Tag ein Paar Seiten von Thomas Mann!‘ Das habe ich befolgt.“
Wenn so jemand ins Studio geht, um eine neue CD aufzunehmen, hat er sich etwas Besonderes dabei vorgenommen. „Bei Aufnahmen muss man etwas erreichen, was man im Live-Konzert nie erreichen könnte“, sagt er. Und hat für sein neues Bach- Album wiederum hunderte Takes aufgenommen, aus denen er auswählt und die er selbst editiert. „Es muss natürlich klingen!“, verrät er die Krux, die zu lösen ihn diesmal den ganzen Sommer gekostet hat.
Die drei „Englischen Suiten“, die dabei entstanden sind, lassen denn auch nichts an Feinschliff, Energie und kontrapunktischem Mirakel vermissen. Nichts da von Bach als bloßer Einstiegsdroge in den Klavierkosmos des Abendlandes. „Was aufgenommen wird, das soll bleiben können“, erklärt er sein Ziel. Und ist entwaffnend ehrlich, wenn er zugleich zugibt, dass er nach einem Gewaltparcours endloser Aufnahme- und Schnitt-Sitzungen erst einmal kaum noch Lust verspüre, die betreffenden Stücke live zu spielen.
Wie impulsiv er ist, bewies er schon 1990 beim Klavierwettbewerb von Leeds, als er – wieder mal unzufrieden – seinen Vortrag abbrach und halsüberkopf die Bühne verließ. Das Klischee vom „polish punk“ hingegen, das ihm gelegentlich anhaftet, versteht er selber nicht. „Ich habe ein Mal im Leben in den USA eine Lederhose getragen – und zwar ein Designermodell, keine Motorradhose! Den Ruf, ein Punker zu sein, werde ich nie wieder los …“ Anderszewski dürfte damit wohl der einzige, vermeintliche Punker sein, der im echten Leben eine Vorliebe für Thomas Mann hat.

Neu erschienen:

Bach

Englische Suiten Nr. 1, 3 und 5

Piotr Anderszewski

Warner

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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