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(c) Uwe Arens/Sony

Valer Sabadus

Auf Hoch-Touren

Dieser junge Mann mit sanftem Bartflaum hat eine der schönsten Countertenorstimmen. Sie schwingt sich sogar bis in Sopranhöhen auf.

Als Artaserses Braut Semira singt er in der gleichnamigen Oper von Leonardo Vinci auf CD wie DVD einen Frauenpart. Das macht er so hinreißend, ohne jede Anmutung von Charleys Tante, dass man das Geschlecht vergisst und nur seiner einzigartigen Stimme lauscht.
Im starken Festspielsommer 2013 in Aixen- Provence gab er, auch auf DVD festgehalten, in der gänzlich unbekannten Cavalli- Oper „Elena“, die beinahe Offenbachs „Schöne Helena“ vorweg zu nehmen scheint, den König Menelaus von Sparta, der ebenfalls in Frauenkleidern um Helena wirbt. Dieser Geschlechtertausch bot ihm neuerlich lohnende Gelegenheiten mit seinem androgynen Timbre zu glänzen.
Und auf seiner jüngsten CD „Le belle immagini“ (gleichzeitig sein Debüt im Hause Sony) schlüpft er als schwer fasslicher antiker Mythos wieder in Männergestalt, um freilich in kaum für möglich gehaltene Sopranlagen zu entschweben. Denn Valer Sabadus – den ersten Teil des Doppelnamen Barner-Sabadus hat der in Bayern aufgewachsene Deutsch-Rumäne aus Bequemlichkeitsgründen inzwischen fallen gelassen – singt hier die kaum bekannte Drittfassung des Gluckschen „Orfeo“.

Spätes Geburtstagsgeschenk

Passend zum Ende des Gluck-Jubiläumsjahrs anlässlich seines 300. Geburtstages beschert uns das noch eine veritable Trouvaille. 1769 nämlich (noch vor der Tenorversion für Paris) fertigte Gluck für eine Habsburger-Hochzeit in Parma eine neue Kurzfassung der Oper „Orfeo ed Euridice“ an. Im Original hatte den Orfeo ein Altist gesungen, während nun ein Sopran glänzte. Es entstand eine einaktige Version, die als „Atto d‘Orfeo“ den dritten Akt der festlichen Serenade „Le feste d’Apollo“ bildete. Und bald schon wieder in Vergessenheit geriert. Die Höhepunkte dieses short cuts gibt es nun als Weltersteinspielung.
Ein strammes Programm, möchte man meinen. Vor allem, wenn einem der junge Mann mit dem sanft gerollten bayerischen „r“ dann gegenübersitzt. Der ist so jugendlich wie bestimmt und wirkt trotzdem wie der Student, der er eben noch war. 1986 in der Nähe der ungarischen Grenze in Siebenbürgen geboren, emigrierte er als Fünfjähriger mit der Klavier spielenden Mutter nach München, wo schon Italiedie Großmutter lebte. Der Vater, ein Cellist, war kurz vorher gestorben.
Valer Sabadus begann seine musikalische Ausbildung zunächst mit Geige und Klavier, nahm aber bereits 17-jährig sein Countertenor- Studium auf, wiederum in München, wo man damit eigentlich sonst wenig zu tun hat. „Ich wollte so singen wie Andreas Scholl, den ich auf Platte gehört hatte, und ich merkte, dass ich ziemlich einfach in dessen Höhenlage kam und sogar noch darüber hinaus.“
So einfach erklärt heute ein junger Sänger eine solche nach wie vor nicht ganz alltägliche Entscheidung für eines der vier Stimmfächer für einen Mann, die früher noch Irrungen und Wirrungen, Stirnrunzeln und Zweifeln erzeugte und höchstens in Basel oder an einem anderen Hort der Alten Musik gelitten war. Und nur der Bartflaum, den er fast ostentativ trägt, verweist darauf, dass der eben Examinierte, der seine Profiauftritte quasi schon in sein Studienpensum einfließen lassen konnte, gern etwas kerliger rüberkommen möchte. Auf der Bühne wirkt er ja durchaus viril, „was ich freilich erst lernen musste. Dafür war insbesondere der ‚Xerxes‘ in Stefan Herheims überdreht-opulenter Inszenierung in Düsseldorf eine gute Schule, obwohl der ja sehr exaltiert wirken sollte. Doch das mache ich jetzt in anderen Inszenierungen einfach eine Spur zurückgeschraubt.“

Samtweicher Ton ohne Allüren: Aufzug nach Salzburg

Valer Sabadus hat längst auch wichtige Partien wie „Orpheus“ („der war mir in der Originalfassung aber eigentlich zu tief, ein Fehler“), Händels „Rinaldo“, Vivaldis „Orlando furioso“ und den Irba in Hasses „Didone abbandonata“ gesungen; meist unter seinem Dirigent und Mentor Michael Hofstetter, mit dem er 2012 bei Oehms Classics auch seine erste, schnell für Furore sorgende Solo-CD mit Hasse-Arien aufgenommen hatte. Doch schon als 23-Jähriger debütierte er bei den Salzburger Pfingstfestspielen unter Riccardo Muti in einer Jommelli-Oper. Und selbst Mozarts Sesto, gemeinhin immer noch in Mezzo-Besitz, hat er bereits in Schwetzingen gesungen.
Der neue Countertenor mit dem samtweichen Timbre und der glockigen Höhe, dabei trotzdem voll klingenden und gerundeten Stimme, der zudem so gänzlich ohne Allüren scheint, neugierig und kumpelhaft sich auf jede Produktion einlässt, er wurde im Musikbetrieb natürlich schnell zu einer ganz heißen Fahrkarte. Und so musste er seine jugendlichen Zusammenarbeiten, etwa mit dem Hamburger Pera-Ensemble, mit dem er mehrere CDs und Tourneen mit reizvoll ethnisch grundiertem Repertoire aufgenommen hat, ebenso hinter sich lassen, wie auch Michael Hofstetter, mit dem er für Oehms eben noch ein Album mit Mozarts Kastratenarien eingespielt hat. Bedeutendere Namen rufen.

Kastrat, der aus der Kälte kam

Ein für ihn im Augenblick besonders zentraler Name lautet Giuseppe Millico. Der Italiener lebte von 1737 bis 1802 und war einer der berühmtesten Kastratenstars des 18. Jahrhunderts. Er trug den Beinamen „Il Moscovita“, der Moskauer, weil er am Anfang seiner Karriere am russischen Zarenhof gesungen hatte. Sabadus´ jüngste CD bereitet ihm jetzt eine Hommage mit seinen wichtigsten Gluck-Rollen: Neben dem adaptierten Orpheus der Paris in „Paride ed Elena“ und der Scitalce in „Semiramide riconosciuta“. Außerdem sind erstmals Ausschnitte aus der Oper „Il Cid“ von Antonio Maria Sacchini zu hören. Mit ihm ging Millico 1772 nach London und feierte in dessen virtuosen Opern große Erfolge. Jetzt begleitet ihn dabei die Hofkapelle München unter der alerten Leitung von Alessandro De Marchi.
Valer Sabadus liebt durchaus die exaltierte Pose, spielt dabei etwas, was er sonst gar nicht ist, im Rausch der Bühnenverwandlung. 2015 zum Beispiel eine neuerliche Frauenrolle in der Vinci-Oper „Catone in Utica“. Denn das Winning-Counter-Team um Max Emanuel Cencic legt natürlich nach. Doch genauso wichtig sind Sabadus die Auftritte mit Bachs Johannes-Passion oder dem Weihnachtsoratorium. Oder mit Lautenliedern von Purcell und Dowland, die er puristisch klar singt. „Schönere Stimmputzer gibt es nicht“, sagt er – pragmatisch, bayerisch, gut.


High Life:

Im Dezember ist Valer Sabadus mit Bachs Weihnachtsoratorium in der Schweiz und Frankreich auf Tournee. Am 23. Januar trifft er in Potsdam für einen Ersatztermin noch einmal auf das Pera Ensemble. Am 1. Februar gibt er in Schwetzingen einen Doppelabend, ab 20. Februar ist er in Karlsruhe in Händels „Teseo“ zu erleben, ab dem 22. April in einem „Xerxes“- Revival in Düsseldorf und ab Ende Mai in Wiesbaden und im Schlosstheater von Versailles, mit vier weiteren Countertenören in Leonardo Vincis „Catone in Utica“. Am 16. und 18. Juli singt er unter Michael Hofstetter bei der Schubertiade in Hohenems Mozart-Arien sowie mit dem Altus-Counter Terry Wey Pergolesis „Stabat Mater“ – eine besonders seltene Kombination.
Mehr unter www.valer-sabadus.de


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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