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Musikstadt

Muscat

Oper am indischen Ozean, kostbar und intim: Das Royal Opera House Muscat, das Gastkompanien einlädt, ist eine Reise wert.

Vier halbnackte Steinstatuen bekamen ein Schamschürzchen, zwei christliche Kreuze wurden durch Wappenschilde ersetzt und ein Domestik durfte nicht mehr betrunken sein. Aber sonst hätte der 1988 gestorbene Regisseur Jean- Pierre Ponnelle seine Inszenierung von Mozarts „Hochzeit des Figaro“ aus dem Jahr 1972 auch im Royal Opera House in Muscat sofort wieder erkannt: Denn die Wiener Staatsoper war mit der berühmten Buffa erstmals auf Gastspiel in einem arabischen Land.
Und die kleinen Änderungen waren lässliche Anpassungen an die lokalen Sitten des Oman. Viel erstaunlicher ist hingegen, dass sich in einem Wüstenstaat mit zwei Millionen islamischen Einwohnern, die sich auf eine Fläche der Größe Italiens verteilen, seit drei Jahren ein wunderschönes Opernhaus mit Blick auf den indischen Ozean erhebt, wie eine Fata Morgana aus Marmor, Holzschnitzereien, Kristalllüstern und roten Sesseln mit Geigenmuster. Das einzige in der Region wohlbemerkt, zum nächsten muss man bis nach Mumbai oder Kairo.
Dass Mozart hier im versexten Grafenschloss den Diener gegen die Herrschaft aufbegehren lässt, während der Potentat vier Akte lang nur auf die Jungfernschaft der Kammerzofe seiner Gattin scharf ist, das stört im islamischen Land am Eck der arabischen Halbinsel niemanden, das sind alte Geschichten aus dem fernen Europa. Nur optisch sittenkonform müssen sie sein.
„Nein“, sagt die Deutsche Christina Scheppelmann, die noch bis Januar als Generaldirektorin des Opernhauses amtiert, bevor sie nach Barcelona wechselt, „der Islam ist eine tolerante Religion, die hier sehr friedlich gelebt wird, aber ich möchte mein Publikum nicht unnötig herausfordern.“
Ihr Publikum, das sind im Oman lebende und arbeitende Europäer, Amerikaner und Asiaten, aber auch die besseren Schichten der zahlreich vertretenen Inder, die den Handel, die Gastronomie und die Infrastruktur vorantreiben. Das sind Touristen, die immer mehr werden, in einem Land, in dem sie erst seit 1995 willkommen sind, und das anders als seine Nachbarn auf die gehobene Klientel in traumhaft schönen Ressorts in der Wüste setzt.
Und das sind ungefähr 15 Prozent Omanis, erkennbar an den im edlen Haus für sie vorgeschriebenen Nationaltrachten, weiße Dishdasha für die Herren und schwarze Abayas für die Damen. Ihr Publikum – das ist aber auch der Königliche Hof von Oman, an dessen Spitze der 73-jährige Sultan Qabus ibn Sa‘id Al Sa‘id als absolutistischer Herrscher, dessen Dynastie hier seit Mitte des 18. Jahrhunderts das Sagen hat.

Das Royal Oman Symphony Orchestra: in der arabischen Welt das einzige permanente Orchester westlicher Prägung

Sultan Qabus, hier nur „Papa“ genannt, ist als Bild überall präsent, auf Brücken und Taxis, Banken und Öltanks, ein alterslos gütiger Märchenonkel mit Kaftan, Krummdolch und Kaschmirturban. Dieser Personenkult wirkt seltsamerweise nicht unangenehm, zumal man ihn als reale Person so gut wie nie zu Gesicht bekommt. Seit seinen Orgelstudien in England liebt er westliche Klassik. 1985 ließ er das Royal Oman Symphony Orchestra gründen, in der arabischen Welt das einzige permanente Orchester westlicher Prägung, aber mit einheimischen Musikern, das ihm für seine repräsentativen Zwecke zur Verfügung steht. Zudem gibt es aber auch neun öffentliche Konzerte im Jahr in einem Hotelauditorium. Im Oman existiert ein Klassiksender, und nachdem genug in Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Straßen investiert wurde, fand es der Sultan 2001 an der Zeit, sich ein Opernhaus bauen zu lassen – aus der Privatschatulle.
Das wurde 2007 begonnen und im Oktober 2011 unter Leitung von Plácido Domingo zunächst neureich eröffnet. Doch seit die in Italien, Spanien und an den Opernhäusern in San Francisco und Washington in der künstlerischen Direktion beschäftigte Christina Scheppelmann in Muscat das Sagen hatte, wurde hier nicht mehr sinnlos geklotzt, sondern sinnvolle Musiktheaterpädagogik im großen Stil betrieben. Sie habe keinen definierten Etat, erklärte sie frank, es werde aber schon darauf geschaut, wofür sie ihr Geld ausgibt. Ihre Bühnenarbeiter sind von der Covent Garden Opera aus London abgeworben, die künstlerische Mannschaft kommt aus Ljubljana oder Palermo.
Natürlich wollen alle, die in der Klassikwelt Rang und Namen haben, in Muscat auftreten. Der Oman zahlt ordentlich, ist verlässlich, das Haus eine Augen- und Ohrenweide. Zwar sind die komfortablen Hotels zum Teil alkoholfrei, doch das Meer ist nah und es scheint fast immer die Sonne.

„Muscat muss sich nicht an Europa messen lassen“

Ihr Lieblingsplatz im Opernhaus sind die marokkanischen Nischen im Foyer, mit Holzschnitzereien verziert. „Hier ziehe ich mich zwischendurch gerne zurück, um durchzuschnaufen. Die sind außerordentlich intim“, sagt Christina Scheppelmann, die Generaldirektorin. Und in gewisser Weise liebte sie solche Orte lange Zeit auch beruflich: Die zweite Reihe, das ist kein Rückzugsort, sondern ein Platz, von dem aus man die Zusammenhänge überblicken und verstehen kann, ohne im Rampenlicht zu stehen. Solange man sich umtut in der Welt: „Ich bin schon immer neugierig auf andere Länder gewesen. Von meinen Jugendfreunden wundert es niemanden, dass ich heute im Ausland arbeite“, so die gebürtige Hamburgerin.
In Italien, wo sie ihre Karriere u.a. ans venezianische La Fenice führte, wurde die gelernte Bankkauffrau zunächst freundlich unterschätzt. „Niemand dachte, dass ich die Sprache so gut beherrsche, alle haben sich offen vor mir unterhalten“, erzählt sie augenzwinkernd. Schnell kannte sie die Taschenspielertricks italienischer Opernintrigen. Ihr diplomatisches Fingerspitzengefühl baute sie in Folge an der San Francisco Opera und der Washington National Opera im schwierigen Umgang mit Geldgebern aus. „Die Rahmenbedingungen für Musiktheater in Amerika unterscheiden sich völlig von Europa – es gibt kein öffentliches Geld. Alles muss von Mäzenen eingeworben werden.“ Die große Kunst daran ist, die Vorstellungen der Geldgeber und das künstlerische Profil im internationalen Vergleich in Balance zu halten.
2012 führte sie ihr Weg ins Sultanat Oman. Im Selbstverständnis dieses Landes war es nicht einmal überraschend, dass mit Christina Scheppelmann eine Frau zur Generaldirektorin der Oper berufen wurde. Und die erwies sich als Idealbesetzung. Gut vernetzt, holte sie Opernproduktionen und Konzerte mit Strahlkraft an den Golf. Und war dabei uneitel und feinfühlig genug, um im Dialog zwischen den Kulturen zu vermitteln. Auch auf Arbeitsebene, die zuweilen nicht ohne protokollarische Klippen auskommt. Denn zum Board of Directors gehören auch Familienmitglieder des Sultans. „In den arabischen Staaten genießt – anders als meist in Europa – Familie die höchste Priorität, noch vor dem Beruf. Das hat mich beeindruckt. Manches läuft hier einfach anders.“
Doch Respekt vor dem Andersartigen ist ihr wichtig. Geradezu gereizt reagiert sie auf die Frage eines französischen Kollegen, wann denn das Sinfonieorchester des Sultans, bewusst nur mit Omanis besetzt, „soweit sei“, europäische Oper aufzuführen. „Es kann nicht das Ziel solcher Länder sein, sich immer am europäischen ‚Ideal‘ messen lassen zu müssen“, empört sich die ansonsten so souverän-verbindliche Frau. Eurozentrismus ist ihrem im Ausland erworbenen Horizont zuwider. „So ein Denken verkennt auch völlig die Intentionen der Verantwortlichen“, erläutert sie. Der Sultan ließ das Opernhaus – das einzige am arabischen Golf übrigens – erbauen, um den internationalen kulturellen Austausch durch Musik im eigenen Land zu fördern. So stehen arabische Musikkultur, weltläufiger Jazz und große Opernproduktionen in einem Haus nebeneinander.
Aber auch für Christina Scheppelmann war die Station auf der arabischen Halbinsel ein Gewinn. Wenn sie mit dieser Spielzeit antritt, Joan Matabosch in Barcelona als Intendantin zu beerben, werden nicht weniger diplomatisches Geschick, Verbindlichkeit und Energie vonnöten sein als bisher. Aber auch das Gran Teatro del Liceu hat genügend Logen, um beizeiten innezuhalten, nur für den Fall der Fälle.

Carsten Hinrichs

Neugierig geworden? Begleiten Sie uns Ende Januar auf die Leserreise in den Oman und erleben Sie ein märchenhaftes Programm aus Opernabend und Erkundungstour durch’s Land des Weihrauchs. Mehr dazu auf Seite 5.

www.rohmuscat.org.om
www.oman.de


Wir lassen bitten

Das Royal Opera House Muscat hat kein eigenes Ensemble, sondern lädt für spezifische Werke berühmte Opernkompagnien ein. In der laufenden Spielzeit sind nach der Deutschen Oper Berlin mit Puccinis „Manon Lescaut“ am 29. und 30. Januar 2015 die Mailänder Scala mit Verdis „Falstaff“, am 19., 20. und 21. Februar die Oper Köln mit Lerner/Loewes „My Fair Lady“ und am 19., 21. und 23. März das Teatro Comunale di Bologna mit Ruggero Raimondi in der Titelrolle von Donizettis „Don Pasquale“ am Arabischen Golf. Die restlichen der 70 Spieltage sind Klassikkonzerten (Gidon Kremer, Bryan Hymel) und Ballett gewidmet, traditioneller Musik des arabischen Kulturkreises, Weltmusik, Jazz und Militärkapellen.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2014



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