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Klassische Musik im Fernsehen

Wie im Tierfilm

Die „Quote“ hat auch die klassische Musik im Fernsehen immer mehr an den Rand gerückt. Sei es die altbewährte Konzertoder Opernübertragung, seien es Musikreportagen oder Porträts. Aber es gibt auch rühmliche Ausnahmen. Michael Horst hat sich auf die Suche gemacht, hat mit Verantwortlichen und Filmschaffenden gesprochen und nebenbei nach den ganz eigenen Gesetzen des Musikfilms gefragt.

„Man sollte es lieber lassen, es ist eigentlich immer unbefriedigend.“ Jan Schmidt-Garre, Geschäftsführer von pars media in München, spezialisiert auf Musikfilme, hat eine klare Meinung. „Es“ – das meint klassische Konzerte, abgefilmt fürs Fernsehen. Oder anders gesagt: das Medium des Hörens, ersetzt durch das Medium des Schauens. „Dann könnte man Konzerte grundsätzlich auch nicht anschauen“, kontert Bernd Hellthaler von der Produktionsfirma EuroArts. Er muss wissen, wovon er spricht. Denn seine Firma beliefert TV-Sender mit 25 bis 30 Konzert- und Opernproduktionen pro Jahr: die Silvester- und Europakonzerte der Berliner Philharmoniker, Riccardo Chailly mit dem Leipziger Gewandhausorchester, Lang Lang live aus China. Drei Elemente seien für solche Musikfilme wichtig, sagt Hellthaler: „der Raum, das Licht – und eine intelligente Regie“. Ein Patentrezept hat er dafür nicht, EuroArts arbeitet mit bis zu zehn Regisseuren zusammen. Inzwischen floriert auch die weltweite Kooperation bis nach Japan und in die USA.
Im deutschen Fernsehen ist die so genannte klassische Musik zum Randereignis geworden – längst auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Immerhin gibt es sichere Nischen, in denen – nicht einmal zu nachtschlafener Zeit – Beethoven und Ligeti, Cecilia Bartoli und Nikolaus Harnoncourt Zuflucht gefunden haben. ARTE, der deutsch-französische Kultursender, bietet zwei Sendeplätze: Während sich „Maestro“ sonntags um 19 Uhr zumeist Konzerten großer Künstler widmet (80 Prozent Musikanteil ist vorgegeben), subsumiert „Musica“ am Samstagabend Porträts von Komponisten und Interpreten, beschäftigt sich mit berühmten Werken der Musikliteratur und bietet etwa zwölf Mal im Jahr komplette Opern – oft live. „Für uns ist die Aktualität von Künstlern und Festivals bei der Auswahl wichtig“, sagt Simone Grussi von der Straßburger Redaktion, „erst danach kommt die Einschaltquote.“ Die ist bei Mozart allemal gesichert, ebenso bei Anne-Sophie Mutter oder der spannungsgeladenen Live-Übertragung eines Konzerts mit dem West-Eastern Divan Orchestra und Daniel Barenboim aus Ramallah.
„Wir wollten einmal einen anderen Blick auf Mozart werfen“, betont Maria Kasten, Redaktionsleiterin Musik bei ZDF/3Sat, der anderen „TVKulturnische“. So kamen nicht nur die Übertragungen der frühen Opern „Mitridate“ und „Zaïde“ von den Salzburger Festspielen zustande, sondern auch ein Film über das Mozart-Rap-Projekt an der Komischen Oper Berlin. 3Sat hat zwei feste Sendeplätze zu bieten: den Sonntagvormittag ab 10.15 Uhr mit Konzerten, Porträts oder älteren Opernproduktionen sowie den Samstagabend ab 20.15 Uhr, den sich die Musik allerdings mit dem Theater teilen muss. Etwa 85 Prozent der Sendungen sind Eigenproduktionen; ein Porträt des chinesischen Komponisten Tan Dun gehört ebenso dazu wie ein Bericht über junge (und optisch ansprechende) Geigerinnen wie Baiba Skride, Leila Josefowicz und Janine Jansen. „Die Bündelung verschiedener Musikereignisse im Sommer hat sich für 3Sat ausgezahlt“, sagt Maria Kasten, „eine einzelne Konzertübertragung im Winter wird einfach nicht so wahrgenommen.“
Besonders große Resonanz in Deutschland fand ein ARTE-Film zum 40. Todestag des Tenors Fritz Wunderlich. Ohne öffentlichrechtlichen Beistand wäre diese Hommage nie zustande gekommen, erinnert sich Barbara Wunderlich, die Tochter des Sängers. Lange hätten TV-Regisseure einen großen Bogen um den 1966 tödlich verunglückten Sänger gemacht: „Es gibt einfach zu wenig verwertbares Material bei den Sendern; das große Interesse an klassischer Musik kam erst ein Jahrzehnt später.“ Als schließlich die Familie ihre Schatztruhe mit privaten Filmaufnahmen Wunderlichs öffnete, konnte sie damit die Deutsche Grammophon ebenso wie Unitel, ORF, SRG und ARTE überzeugen.
Auch wenn der Film mit aktuellen Statements großer Kolleginnen von Anneliese Rothenberger über Christa Ludwig bis Ruth-Margret Pütz angereichert wurde: Er lebt vor allem von dem Reiz und der Spontaneität dieser privaten Aufnahmen und Archiveinspielungen. Auf eine solche Vermischung von Gegenwart und Vergangenheit hat Schmidt-Garre in seinem Film „Furtwänglers Liebe“ (2004) bewusst verzichtet. Er lässt Elisabeth Furtwängler, die hochbetagte, aber geistig sehr präsente Witwe des Dirigenten, erzählen und kontrastiert dies nur mit O-Tönen ihres Mannes – ohne Bild.

Lebensromane, komponiert aus allen verfügbaren biografischen und musikalischen Einzelstücken.

Wohl dem, der es mit einem lebenden Künstler zu tun hat, wie Peter Maniura, der den 84-jährigen Sir Georg Solti für ein knapp zweistündiges Porträt noch einmal die Stationen seines Lebens von Budapest bis Chicago Revue passieren ließ. Die originalen Schauplätze, die vielsagenden Musikausschnitte, die präzisen Kommentare des Dirigenten – so lässt sich Musik und Künstlertum auch per Film vermitteln. Oder Rolando Villazón: Der begnadete mexikanische Sänger – Tenor, Charmebolzen und Mr. Beans Doppelgänger in einer Person – gab schon mit dem 45-minütigen Film „Ein Abend in Berlin“ erste Einblicke in sein scharf entwickeltes Sängerbewusstsein. Inzwischen gewann ihn die Berliner Produktionsfirma Finkernagel & Lück für ein umfassendes Porträt, bei dem die Kamera Villazón bis zur deutschen Schule seiner Kinderjahre folgte. Lange Vorgespräche gebe es normalerweise nicht, sagt Alexander Lück, einer der beiden Geschäftspartner, die einzelnen Szenen ließen sich auch nicht im Voraus so genau festlegen: „Das ist wie im Tierfilm – man dreht und wartet, ob die Antilope springt oder nicht.“
Immerhin sind für Finkernagel & Lück bereits so unterschiedliche Künstler wie Sofia Gubaidulina, Emmanuel Pahud oder Kent Nagano „gesprungen“. Das Duo gehört zu den 20 bis 30 Produktionsfirmen, die sich mehr oder weniger mit E-Musik beschäftigen. Wichtig, damit die potentiellen Auftraggeber vom Fernsehen bei den vorgeschlagenen Themen anbeißen: ein interessanter Künstler plus eine interessante Geschichte. „Musik ist eine große Kunstform, aber man muss deshalb nicht immer besonders ehrfürchtig damit umgehen“, erklärt Lück sein Credo. „Einzige Grundvoraussetzung ist, dass man den Künstler mag.“
Daran kann bei Bruno Monsaingeon kaum ein Zweifel sein – wen auch immer der „Altmeister“ des Musikfilms in den letzten 20 Jahren begleitet und dokumentiert hat. Die Reihe reicht von den legendären Filmen über die scheuen Genies Glenn Gould und Swjatoslaw Richter bis zu Yehudi Menuhin, Julia Varady und Murray Perahia. Monsaingeons Filme sind Kunstwerke, geschaffen mit großem Aufwand und Raffinement und vielfach preisgekrönt. So erhielt das Porträt „Dietrich Fischer-Dieskau – Die Stimme der Seele“ 2004 den Deutschen Schallplattenpreis, weil es dem Regisseur gelinge, so die Jury, „in die musikalischen Prozesse einer Interpretation einzudringen“.
Monsaingeon selbst beschreibt sich als Dreigestirn – „musicien, cinéaste et auteur“ – und sieht darin die Voraussetzungen, um sich mit größter Sensibilität und intensiver psychologischer Vorbereitung auf „seine“ Künstler einzulassen und eine intensive Beziehung zu ihnen aufzubauen. Mit Gould stand er die letzten zehn Jahre seines Lebens in engem Kontakt; bei Richter kam dem Regisseur seine besondere Affinität zur russischen Sprache und Kultur zugute. Ihn reize es, so der 62-Jährige, Musik „in Szene zu setzen“ – aber durchaus „nicht für die unmittelbare Zukunft“. Kino und Fernsehen mit ihren optischen Möglichkeiten seien unverzichtbar, um der klassischen Musik breiteren Raum zu verschaffen. Dafür führt Monsaingeon vielerlei optische Geschütze auf: vom Hubschrauberflug bis zur Nahaufnahme der Pianistenfinger; seine Filme erzählen einen Lebensroman, komponiert aus allen verfügbaren biografischen und musikalischen Einzelstücken.
Da ist die Musik selbst nur noch ein Puzzlestück für das große Ganze – ähnlich wie im jüngsten Film, den Jan Schmidt-Garre gedreht hat. Diesmal ging es um Bruckner und Celibidache, statt abgefilmter Musik eine Proben-Doku, „bei der man so gut wie nur den Dirigenten sieht“. Sein nächstes Projekt dürfte dann musikalische Fragen ganz anderer Art stellen – und sicher breite Aufmerksamkeit finden. Arbeitstitel: „Bella Figura – dürfen Sänger dick sein?“


Klassik auf Sendung: Wo und wann man Musik im Fernsehen hören kann.

Der Sonntag ist auf fast allen dritten Programmen der klassischen Musik vorbehalten. Während der NDR ab 8.00 Uhr eher die Frühaufsteher unter den Klassikfans beglückt, legt das Bayerische Fernsehen zur Mittagszeit mit aktuellen Konzertmitschnitten oder Künstlerporträts nach. Da auch der SWR, HR und 3Sat zu ähnlicher Sendezeit mit einer reichhaltigen Programmauswahl mithalten, haben die Zuschauer am Sonntagmorgen meist die Qual der Wahl. Zeitgenössische Musik hat seit Langem schon auf dem Sonderkanal BR-Alpha ihren festen Platz gefunden, wo jeden Sonntag ab 21.00 Uhr in der Reihe „musica viva“ Komponisten unserer Tage vorgestellt werden.
Nicht ganz so gut bestellt ist es dagegen um die großen öffentlich-rechtlichen Sender, deren Sonderprogramme ZDF Theaterkanal und EinsFestival leider nicht allen Haushalten frei zugänglich sind. Abgesehen vom sommerlichen Netrebko-Event aus Salzburg hält man sich bei der ARD selbst meist vornehm zurück. Immerhin aber gibt es beim ZDF neben traditionellen Highlights wie dem Sylvesterkonzert der Berliner Philharmoniker und der jährlichen ECHO-Verleihung dank Götz Alsmann und seiner Klassikshow „Eine große Nachtmusik“ einen echten Zuschauermagneten im Programm. Klassik zur besten Sendezeit gibt es selbstverständlich auf dem Kulturkanal 3Sat, der am Samstagabend regelmäßig mit Opernund Konzertübertragungen aufwartet. Nachtschwärmer unter den Jazzfans kommen auf dieser Welle darüber hinaus jeden Dienstag und Freitag mit Mitschnitten internationaler Festivals voll auf ihre Kosten. Ebenso wie mit der Reihe Jazzlines, die jeden Dienstag kurz nach Mitternacht beim WDR auf Sendung geht.
Neben 3Sat sorgt vor allem der deutsch-französische Kulturkanal Arte für die landesweite Grundversorgung in Sachen klassischer Musik. Kernstück ist neben dem Format „Musica“, das an wechselnden Terminen auf aktuelle Mitschnitte und Live-Übertragungen aus ganz Europa setzt, vor allem die sonntags ab 19.00 Uhr ausgestrahlte Reihe „Maestro“.


Michael Horst, RONDO Ausgabe 6 / 2006



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