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Marc Minkowski

Kein Freund von gemischtem Salat

Marc Minkowski gilt als Feuerwerker unter den Orchesterchefs. Egal, ob er Barockraritäten, Operette oder Grand Opéra dirigiert: es sprühen die Funken. Robert Fraunholzer traf den Maestro in München und sprach mit ihm über Dirigenten-Eifersucht, seine polnischen Wurzeln, die Erschütterung der Selbsterkenntnis und die Lust auf Richard Wagner.

RONDO: Herr Minkowski, gibt es unter Dirigenten der Alten Musik eigentlich einen lebhaften Ideenaustausch? Marc

Minkowski: Nein, wir sind eher isolierte Leute – verbunden vor allem durch unsere Eifersucht (lacht). Sobald eine Freundschaft besteht, kann sie allerdings sehr eng werden. Ich bin zum Beispiel mit Simon Rattle gut befreundet. Wir sehen uns nicht allzu oft, aber ich kenne ihn seit 20 Jahren. Ich dachte immer: So ein Dirigent möchte ich werden. Er hat dann eine meiner besten Freundinnen, die Sängerin Magdalena Kožená, geheiratet. Damit hatte ich allerdings nichts zu tun. Rattle ist Meister für mich.

RONDO: Und sonst?

Minkowski: Mit William Christie hat mich eine Weile viel Konkurrenz und Argwohn verbunden. Heute sind wir darüber hinweg und gute Freunde. Ähnlich steht es mit John Eliot Gardiner, mit dem es eine Weile ziemliche Konflikte gab. Vor zwei Monaten sind wir miteinander essen gegangen und haben uns versöhnt.

RONDO: Zuletzt haben wir uns in Salzburg kurz vor Ihrer damaligen »Fledermaus«-Premiere getroffen – eine Aufführung, die Sie wohl nicht sehr genossen haben?

Minkowski: (stöhnt vernehmlich)

RONDO: Sie haben danach die deutschsprachige Operette nie mehr angerührt.

Minkowski: Außer Straußwalzern mit der Dresdner Staatskapelle tatsächlich nicht. Mehr Angebote gab es allerdings auch nicht. Hans Neuenfels’ »Fledermaus« war damals eine ziemliche Enttäuschung. Ich hatte seine großartige »Così fan tutte« gesehen. Er wollte bei Strauß die Musik, nicht die Dialoge in den Mittelpunkt rücken. Leider war das Gegenteil der Fall. Aber ich wusste vorher, dass er als schwierig gilt. Ich gelte ja auch als schwierig.

RONDO: Was ist so schwierig an Ihnen?

Minkowski: Ich will immer in alles einbezogen sein. Auch in Fragen der Inszenierung und der Besetzung. Dafür kämpfe ich. Ich warte auf den Zeitpunkt, an dem ich endlich alles selbst bestimmen kann.

RONDO: Sie wollen ein eigenes Operhaus?

Minkowski: Ein Festival würde mir reichen. Bei Opern ist das Verhältnis von Musik und Szene unendlich kompliziert. Und dann gibt es immer noch einen Intendanten im Hintergrund. Ich bin kein Freund von gemischtem Salat. Manchmal bin ich nahe daran, die Oper aufzugeben.

RONDO: Dabei haben Sie einige Ihrer größten Erfolge mit der französischen Grand Opéra gefeiert. Warum dirigieren Sie dieses Repertoire so selten?

Minkowski: Weil immer irgendetwas dazwischen kommt. Ich sollte »La Juive« von Halévy in Paris dirigieren. Stattdessen mache ich dort nun »Die Feen« von Wagner. Das ist fast eine Grand Opéra. Ich liebe die großen, aber dennoch rein und unschuldig klingenden Stimmen. Mit ihnen möchte ich mich Wagner Schritt für Schritt nähern.

RONDO: Ihr ursprüngliches Instrument war das Fagott. Auch damit stehen Sie allein, oder?

Minkowski: Nicht ganz. Der Dirigent Evelino Pidò spielt gleichfalls ursprünglich Fagott. Serge Koussevitzky war Kontrabassist, Nikolaus Harnoncourt Cellist. Mehrere Dirigenten kommen also sozusagen »von unten«.

RONDO: Was folgt daraus für das Dirigieren?

Minkowski: Ganz einfach: Ich achte beim Proben stärker auf die Streicher. Das klingt vielleicht paradox, liegt aber daran, dass ich den Bläsern so sehr traue, als ob ich es selbst wäre. Ich bin außerdem ein Freund der direkten, beinahe scharfen Tonattacke. Auch das könnte mit dem Fagott zusammenhängen.

»Unglaublich, wie sich die Zeit im eigenen Geist niederschlägt.«

RONDO: Wie haben Sie sich künstlerisch in den letzten Jahren entwickelt?

Minkowski: Ich habe mehr Vertrauen in die Möglichkeit gefasst, mit meinem eigenen Orchester, den »Musiciens du Louvre«, romantisches Repertoire aufzuführen. Früher habe ich mich das nicht getraut. Mein Urerlebnis war eine Pariser Aufführung von Berlioz’ »Les Troyens« unter John Eliot Gardiner. Das war ein Schock. Es hat mir eine ganz neue Richtung gegeben.

RONDO: Dennoch haben Sie moderne Orchester nicht aufgegeben?

Minkowski: Soeben habe ich sogar ein zweites, und zwar traditionelles Orchester übernommen, die Sinfonia Varsovia. Das Orchester hatte seit dem Tod von Yehudi Menuhin keinen wirklichen Chefdirigenten mehr – von regelmäßigen Arbeitsphasen mit Krzystof Penderecki einmal abgesehen. Auch José Cura war da.

RONDO: Dann steht Ihnen viel Arbeit bevor.

Minkowski: Gewiss. Aber ich habe ein Konzert mit ihnen gegeben. Es hat sehr schön funktioniert.

RONDO: Ihr Vater war Kinderarzt. Mediziner sind oft Musikliebhaber. Ihr Vater auch?

Minkowski: Aber ja! Er wollte Musiker werden und hat immer gesagt: »Marc tut, was ich gern getan hätte.« Meine Mutter war Tochter eines amerikanischen Geigers, dem allerdings nur eine kurze Karriere vergönnt war. Er war ein Schüler von Carl Flesch und Fritz Kreisler. Diese Wurzeln bilden heute fast eine Obsession für mich. Ich beschäftige mich viel mit meiner Familiengeschichte. Mein polnischer Großvater Eugène Minkowski war Psychiater, der über Zürich nach Frankreich emigrierte. Er stand Eugen Bleuler nahe, der mit Freud sympathisierte und den Begriff »Schizophrenie« geprägt hat. Auch meine Großmutter war Psychiaterin, spezialisiert auf Kinder und Künstlerwahnsinn. Gerade lese ich die Werke meines Großvaters, besonders »Die gelebte Zeit« (»Le temps vécu«) – und bin einigermaßen erschüttert.

RONDO: Warum erschüttert?

Minkowski: Weil ich mich darin wiedererkenne. Einerseits deshalb, weil ich mit historischen Instrumenten aus der Vergangenheit Musik der Vergangenheit aufführe. Und zwar, um modern zu sein. Da gibt es irgendwie Parallelen. Außerdem hat sich eine meiner stärksten Musikerfahrungen erst kürzlich ereignet. Ich spielte, nach 15 Jahren, erstmals wieder Fagott. Und zwar im Konzert. Eine tolle Erfahrung, denn ich hörte plötzlich die dazwischen verflossene Zeit. Ich hatte wahnsinnige Angst vor dem Auftritt und habe wochenlang wie besessen geprobt. Mein Gehör und meine Hörgewohnheiten hatten sich aber so sehr verändert – und mein Spiel so sehr verschlechtert! – dass die Aufführung für mich wie eine Art Zeitreise war. Unglaublich, wie sich die Zeit im eigenen Geist niederschlägt.

RONDO: Ist all das Grund dafür, dass Sie sich beruflich nach Polen, in die Heimat Ihrer Vorfahren zurück orientieren?

Minkowski: Vielleicht. Tatsächlich war mein Ururgroßvater ein polnischer Banker. Er landete im Ghetto. Gemeinsam mit meinen Cousins bin ich derzeit damit beschäftigt, einen Teil seines Grundbesitzes zurückzufordern. Es handelt sich um eine riesige, unbebaute Brache in der Warschauer Innenstadt. Das Unglaubliche ist, dass mein künftiger Arbeitgeber zugleich der heutige Eigentümer dieser Grundstücke ist. Übrigens braucht das Orchester dringend einen neuen Konzert- und Probensaal. Also, warten wir es einmal ab.

RONDO: Sie haben kürzlich Ihre Schallplattenfirma »Decca« verlassen und sind zu »naïve« gewechselt. Weshalb?

Minkowski: Ich kann nur mit Leuten arbeiten, die mir nahestehen und mit denen ich gut zusammenarbeiten kann. Seit einiger Zeit gab es bei meiner früheren Firma ein ständig wechselndes Ballett unterschiedlicher Leute. Ich verabredete Projekte mit Menschen, die nicht mehr da waren, wenn es an die Realisierung ging. Auch das Erscheinungsbild der CDs, das für mich wichtig ist, hat gelitten. Eine CD muss doch ein Gesicht haben! Stattdessen bekam ich zu hören: »Von Marketing verstehst du nichts.«

RONDO: Sind Projekte auf der Strecke geblieben?

Minkowski: Es war eine »Carmen« mit Anne-Sofie von Otter geplant. Sie wurde gecancelt, was eine herbe Enttäuschung war. Haydns Londoner Sinfonien kann ich demnächst bei »naive« aufnehmen, was mir sonst verwehrt geblieben wäre. Ich starte hier auch einen Bachzyklus mit einem kleinen Werk namens Messe in h-Moll.

RONDO: Sie sind bescheiden. Was würden Sie nie dirigieren?

Minkowski: Stockhausen oder Xenakis. Ihre Musik spricht mich nicht an. Ich dirigiere lieber John Adams, besonders seinen Boogie-Woogie.

RONDO: Wie ist es möglich, dass Spezialisten der Alten Musik, obwohl sie als Dirigenten oft schlagtechnische Defizite aufweisen, stilistisch so unverwechselbar sind?

Minkowski: Vermutlich, weil sie mehr proben und mit ihren eigenen Orchestern auftreten. Bei traditionellen Klangkörpern höre ich oft den Satz: »Dirigent X sagt während der Probe kaum ein Wort: Er ist fantastisch.« Das bedeutet, Orchester lassen sich nicht gerne viel erklären und sind keine Fans umständlicher Dirigentenvorträge. Man muss also umso mehr Arbeit investieren. Das bedeutet, die Ensembles der Alten Musik – mit ihren langjährigen Chefs, die diese Orchester oftmals sogar gegründet haben – haben einen Platzvorteil, den man nur schwer aufholen kann.

Neu erschienen:

Georges Bizet

Carmen (Vor- und Zwischenspiele), L’Arlésienne (Bühnenmusik u. Suiten)

Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski

naïve/harmonia mundi

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2008



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