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Hörtest

Brahms: Serenade Nr. 1 D-Dur

Porträt eines glücklichen Menschen: Mit der Serenade D-Dur formuliert Brahms seinen Traum vom Naturzustand – den unbeobachteten Moment plötzlicher Sinfonik.

Johannes Brahms, noch ganz ohne Einsamkeitsnebel und Nänien-Weihrauch, ohne Herbstlicht und Deutsches Requiem, kurz: ohne alle Beulen und Schrammen, die das Leben für Menschen nun mal so bereithält. Es ist der Spätsommer 1858, und der fünfundzwanzigjährige Komponist ist wieder gerne zu Gast in Detmold, am Zwergenhofstaat des Fürsten Leopold II. zur Lippe, dessen Chor er leitet und dessen Tochter, Prinzessin Friederike, er Klavierunterricht gibt. In diesen Job hat er sich, bei ebenfalls fürstlichem Salär, aus dem ganzen Schlamassel der ungeklärten Liebe zu Clara Schumann und dem schuldbewussten Schock nach Robert Schumanns Tod zurückgezogen.
Mit dem Konzertmeister Carl Bargheer nimmt er erstmals die später für ihn so produktiven Spaziergänge in die Natur auf, und eines Tages ertappt ihn der Abholende in seinem Arbeitszimmer, dessen ganze Möbel mit frischen, trocknenden Partiturseiten übersät sind. Er hat die Zeit vergessen, während er gerade dabei ist, seine Serenade D-Dur, ein Stück duftiger, lichtdurchfluteter Musik für neunstimmiges Kammerensemble, eine Frucht intensiver Studien bei Mozart und Haydn, auf’s Orchester zu übertragen. Also dann wird es eine Sinfonie? Nein, wiegelt Brahms ab, wer nach Beethoven Sinfonien schreiben will, müsste ganz anders klingen. Nur zu bekannt ist Brahms’ Zitat, wonach er immer „den Riesen“ hinter sich schreiten hört, sobald er sich der Gattung nur nähert. Aber Bargheer gegenüber ist sein Abwiegeln schon nur noch Koketterie. Denn der seit Schumanns Vision der Brahmsschen Chor- und Orchestermassen schreibgehemmte Hamburger arbeitet in Wahrheit fieberhaft daran, den sinfonischen Gipfel zu erklimmen. Nur beobachtet werden möchte er dabei nicht.
Und so werden die drei Sinfoniesätze für Taschenbesetzung erst auf Orchestergröße entfaltet, um sie sogleich durch hinzugefügte Menuette, ein Scherzo und ein Rondo als harmlose Freiluftmusik in klassischer Manier zu tarnen. Die Uraufführung findet dann doch im kleinen (und sicheren) Kreis statt, erst Joseph Joachim darf die Orchesterversion 1860 aus der Taufe heben. Die Serenade ist ein Flirt mit der klassischen Form, aber keine Maskerade. Dennoch singt aus ihr der Detmolder Sommer in reinem Naturzustand: ländliche Dudelsack- Quinten wie in Beethovens „Pastorale“, dazu das Horn – dem Finale von Haydns 104. Sinfonie abgelauscht – mit seinem unternehmungslustigen Solo zum Einstand. Kein Zweifel – allen Traditionsbindungen zum Trotz: Jetzt geht’s in’s Freie. Ein gewisses Ungleichgewicht ist nicht zu leugnen, dem sinfonischen Kopfteil steht ein galantes Geplänkel der Menuette, Scherzo und Rondo gegenüber, so als folgten dem Porträt eines tief atmenden Waldes oder wildromantischer Berglandschaft eine quirlige Kutschfahrt mit Picknickszenerie.

Eine farbige, lichtdurchflutete Sinfonie – wie zur Tarnung mit Kammerensemble besetzt

Undankbar übersichtlich ist die Diskografie dieses frühen Wurfes. Sieben derzeit erhältliche Aufnahmen treten in unserem Hörtest gegeneinander an. Kurt Masur kleidete 1982 die Serenade mit dem Gewandhausorchester Leipzig in einen noblen, ungemein seidigen Klang, der als Hybrid-SACD auch für Surround-Fans fantastisch eingefangen worden ist. Hier machen die Eingangssätze gar keinen Hehl aus ihrem sinfonischen Zuschnitt: Dem erlebnishungrigen Allegro molto, dem zärtlichen Adagio, ja sogar dem halb morbid-wienerischen, halb bäuerlich stampfenden Scherzo passt der satte Orchesterklang wie angegossen. Claudio Abbado am Pult der Berliner Philharmoniker setzte ein Jahr später weniger auf Schönklang und dafür verstärkt auf Kontraste und abrupte Lichtwechsel, als wollte er die Wendigkeit der Kammermusik im Großen erinnern. Das ist interessant, wirkt bei Jiří Bělohlávek aber weit ungezwungener, musikantischer und weniger hölzern. Leider verirrt sich das Orchester dafür im Unterholz einer unnötig wattigen und nebulösen Aufnahmetechnik. Die Gegensätze versöhnt am schönsten eine recht frische Aufnahme: Robin Ticciati am Pult der Bamberger Symphoniker teilt mit Masur den edlen, hellen Orchesterklang, erreicht dabei aber zugleich eine enorme Wendigkeit und Detailfreude (in drolligen, Dorfmusik imitierenden Schleifern der Klarinetten auf die Spitze getrieben). Auch diese Aufnahme besticht als SACD mit der Möglichkeit, das Orchester seinen Klangraum im Wohnzimmer entfalten zu lassen. Während die Bamberger unter Ticciati aber auch im Scherzo nervös und konzentriert bleiben und das Final- Rondo wuchtig und marcato nehmen wie einen Parforceritt, entscheidet sich Augustin Dumay in seiner Aufnahme mit dem Kansai Philharmonic Orchestra – dessen wie poliert schimmernder, tiefenscharfer Orchesterklang aufhorchen lässt – gerade im Scherzo für einen kraftlosen Bärentanz. Der einzige Ausrutscher, aber ein nicht unerheblicher.
Klanglich auf eigenem Feldweg rollen zwei weitere Aufnahmen der Serenade heran: Den interessanten Versuch der Rekonstruktion von Brahms’ eigenhändig vernichteter Urfassung in Nonett-Besetzung trägt unter Kevin Geraldi das Minerva-Ensemble zum Klangpicknick bei. Und so geharnischt beherzt wie bei der Götterpatin geht es hier zu Werke: Der solistische Klang des Nonetts erlaubt keine Komfortzone für Mit-Musiker. Auch wenn man sich die Holzbläser vielleicht etwas süßer und weniger ländlich gewünscht hätte, ist die Möglichkeit des Gegenhörens doch phänomenal. Aus dieser Perspektive angenähert erlebt man eine deutlich veränderte Klangbalance und versteht im solistischen Ballspiel zwischen Bläsern und Streichern, warum sich Brahms nach eigener Aussage „nicht gern von den ursprünglichen Instrumenten trennen wollte“, wie Joachim an Clara Schumann schrieb: Es ist ein anderes Stück. Die Profilschärfe historisch informierter Musizierhaltung überträgt wiederum Nicholas McGegan zurück auf das Sinfonieorchester, sein Philharmonia Baroque, und bringt die Sphären zusammen: Knackige Streichbässe und prägnante Pauken mit Lederschlegeln treffen auf sinnliches Holz und einen sinfonischen, aber durchsichtigen Streicherklang.

Grüner wird’s nicht:

Robin Ticciati, Bamberger Symphoniker

Tudor/Naxos

Kevin Geraldi, Minerva Chamber Ensemble

Centaur/Klassik Center Kassel

BeFreiluftmusik:

Kurt Masur, Gewandhausorchester Leipzig

Pentatone/Naxos

Claudio Abbado, Berliner Philharmoniker

DG/Universal

Nicholas McGegan, Philharmonia Baroque Orchestra

Philharmonia/harmonia mundi

Augustin Dumay, Kansai Philharmonic Orchestra

ONYX/Note 1

Braune Tonne:

Jiří Bělohlávek, Tschechische Philharmonie

Supraphon/Note 1

Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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