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Heidelberger Frühling

Ballett mit einem Bach

Ach Heidelberg, »Du, der Vaterlandsstädte Ländlichschönste, soviel ich sah«, schwärmte der Romantiker Friedrich Hölderlin berauscht. Das Festival »Heidelberger Frühling« hat sich nicht nur die passende Jahreszeit zum Schwärmen als Zeitraum ausgesucht, sondern im fünfzehnten Jahr eine Liedakademie unter der Leitung von Thomas Hampson eingerichtet. Nun wird auch noch getanzt. Carsten Hinrichs über ein spartenübergreifendes Tanztheaterprojekt.

Alle waren sie hier: Robert Schumann, Joseph Eichendorff und Stefan George. Die Stadt atmet Lyrik, weitgespannt zwischen bierseligen Studentenliedern und den gobbelingrünen Hängen der Dichterin Hilde Domin. Die Amerikaner machten die Stadt zum deutschen Hauptquartier, und Japaner glauben bis heute, mit Neuschwanstein und Heidelberg hätten sie Deutschland in der Filmdose.
Seit 1997 gibt es den »Heidelberger Frühling«, und von Anbeginn war zu erleben, wie zielgerichtet Intendant Thorsten Schmidt nicht nur die passende Musiknische im Festivalkalender auslotete, sondern gleich an stabilen finanziellen Stützen für sein Festival zimmerte. Was viele vernachlässigen, die eine willkürliche Komprimierung von Tourprogrammen großer Namen auf zwei Wochen schon vollmundig als Festspiele ausrufen, wird in Heidelberg mit Ernst verfolgt: dass die Konzerte sich gegenseitig thematisch in neuem Licht erscheinen lassen.
»Heidelberg hat kein Programm, das man nur konsumiert«, stellt Intendant Thorsten Schmidt klar, »wir haben das Streichquartettfest, die Kammermusik- und die Komponistenakademie, und wir wollen die Besucher einladen, tiefer einzusteigen, mit Proben, Vorträgen, und in direktem Kontakt mit den Künstlern.« Tatsächlich kann man auch als Musikliebhaber viel mehr von Probengesprächen für das eigene Erleben profitieren, als viele glauben würden.
Nun hat man als Ergebnis der Liedakademie ein weiteres Projekt ins Leben gerufen: Schuberts Liedzyklus »Die schöne Müllerin« wird vom Bundesjugendballett vertanzt, in einer eigenen Choreografie. Gesungen wird live, von Stipendiaten der letztjährigen Liedakademie. »Die Idee hängt mit der Zielsetzung des Heidelberger Frühlings zusammen«, sagt Schmidt. Man denke viel nach über Fragen der Aufführungskultur, vor allem, um auch weniger klassik-affines Publikum zu interessieren. »Das Lied, das Kunstlied der Romantik, hatte bei uns von Anfang an einen zentralen Platz, das ist untrennbar mit Heidelberg und seiner Geschichte seit der Romantik verbunden«, erklärt der Festivalchef, »es lag also nahe, dass wir nach der anhaltenden Beschäftigung mit Vertonungen von Lyrik in unserer ersten eigenen Produktion eine weitere Bedeutungsebene öffnen – das ist der Tanz.«
Schmidts Wunsch nach einer Ballett-Kunstlied- Synthese fiel bei Thomas Hampson auf fruchtbaren Der durch seine Karriere international vernetzte Bariton ist persönlich mit John Neumeier bekannt, der wiederum als Intendant dem neuen Bundesjugendballett vorsteht. So kam man zusammen.
Dass Neumeier eine Affinität zur spartenübergreifenden Auseinandersetzung mit Werken wie Bachs Matthäuspassion hat, ist hinlänglich bekannt. Doch hier kommt ein wichtiger Impuls vom Bundesjugendballett selbst. Die acht jungen Profitänzerinnen und –tänzer aus aller Herren Länder arbeiten seit September erstmals für die Dauer von zwei Jahren zusammen, so die Idee. Danach bekommen neue Gesichter die Chance, den Sprung vom Ende der Ausbildung in die Profikarriere mit Förderung durch den Bund zu schaffen. Die Ansiedlung in Hamburg und die Intendanz Neumeiers schaffen Aufmerksamkeit, aber den Applaus müssen sie sich selbst verdienen. Dass die Kompanie kein Haus hat, ist Teil des Konzepts, so müssen die Projekte nach draußen und Ballett kann an ungewöhnlichen, aber publikumsnahen Orten realisiert werden. Die harte Probenarbeit, die saubere klassische Technik sind notwendige Grundlage dafür, dass auch Crossover-Projekte wie die »Müllerin« ein Publikumserfolg werden könnten.
Auch wenn er das Festival gerne immer wieder neu erfindet – bei Künstlern hat Thorsten Schmidt Interesse an langfristiger Zusammenarbeit. »Ich habe neulich einen jungen Bariton, der mir spannend erschien, für mehrjährige Projekte angefragt, da war seine Agentin richtig baff.« In der Nachwuchsetage der Musik herrscht sonst die atemlose Jagd nach dem nächsten Engagement, wie soll man sich sonst einen Namen machen? Selten genug, dass ein Intendant die Talente begleiten und wachsen sehen will – aber in Heidelberg gehört das zur Aufbauarbeit für die Konzerte der übernächsten Saison mit dazu.


www.heidelberger-fruehling.de


Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 1 / 2012



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