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Wolfgang Amadeus Mozart, Luigi Boccherini, Felix Mendelssohn Bartholdy

Klavierkonzert c-Moll KV 491, Sinfonie d-Moll, Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 11

Franz Vorraber, Leipziger Kammerorchester, Morten Schuldt-Jensen

Thorophon 4 003913 124968
(76 Min., 3/2003) 1 CD

Schon die Werk-Zusammenstellung dieses Live-Mitschnitts vom März letzten Jahres aus dem Leipziger Gewandhaus zeigt: Hier ist keine leichte Kost zu goutieren, auch wenn die Komponistennamen zunächst das Gegenteil suggerieren. Gerade bei Mozart verbietet sich jede zuckersüße Wolferl-Assoziation, lässt sein c-Moll-Klavierkonzert doch nahezu durchgängig bis zum Schluß kaum Aufhellungen zu. Vor allem aber haben Franz Vorraber und Morten Schuldt-Jensen nicht mit einem "unterhaltsamen" Mozart am Hut. Was der preisgekrönte österreichische Pianist und der dänische Gewandhauschordirektor, der seit vier Jahren auch die Leitung des Leipziger Kammerorchesters innehat, propagieren, unterscheidet sich von der herkömmlichen (auch z.B. von Gardiner oder Harnoncourt verfolgten) Sicht dieser für Mozart einzigartigen Partitur: nicht schwergewichtiges, düsteres Pathos (à la Beethovenscher c-Moll-Schicksalsschwere) erklären sie zum Thema, sondern Leidenschaften, dämonische, ins Verderben drängende Leidenschaften. So glaubt man mitunter, vor allem im furiosen Schlusssatz, Mozarts famosesten und unverschämtesten Opernhelden: Don Juan agieren zu sehen, der alle gesellschaftlichen Moralvorstellungen verlachend ganz selbst-bewusst in die Hölle fährt. (Hier im Konzert wie auch in der Opernurfassung gibt es bekanntlich kein happy-end!).
Aber auch ohne solche Bildunterstützung nimmt diese instrumentale c-Moll-Höllenfahrt gefangen. Schon das drohende Anfangsmotiv wird (anders als sonst) mit einem Schweller auf dem nach oben hin drängenden as und seiner Entladung auf dem verminderten Septakkord ungemein dynamisiert, gewissermaßen unter Starkstrom gesetzt. Dass diese Spannung unvermindert anhält, ist einer der Gründe, der Einspielung Ausnahmequalitäten zu bescheinigen. Ein anderer liegt in der Akribie, mit der Vorraber wie die Bläsersolisten geradezu jede Phrase, jedes Motiv unter die Lupe genommen und organisch atmend modelliert haben. Vorrabers mal perlend leichtes, mal (wie in seiner Kadenz) fulminant auftrumpfendes, dabei immer luzide bleibende Spiel betört nicht minder wie die Sorgfalt der Orchesterführung.
Nimmt man noch die makellose Kommunikation zwischen beidem hinzu, so fehlt zum Urteil: Referenzeinspielung! nicht viel. Da spielt es denn auch allenfalls für Dogmatiker der "Alten Musik"-Szene eine Rolle, dass hier nicht mit sogenannten "authentischen", sondern mit modernen Instrumenen aufgespielt wird. Unsinnig wird das Argument erst recht, wenn man vernimmt, wie ausgeklügelt die Leipziger Musiker - vorwiegend Mitglieder des Gewandhausorchesters - Bogenführung und Phrasierungspraxis der vorromantischen Musik beherrschen.
Gegenüber der Mozartschen Glücksstunde fallen die beiden anderen Werke fast notgedrungen etwas ab. Zwar kann man sich die berühmten Schlußsätze beider Sinfonien, Boccherinis Höllenfahrt seines postum sogenannten "Casa del Diavolo"-Opus, wie auch das höchst originelle Finale der c-Moll-Sinfonie des 15jährigen Mendelssohn kaum rasanter und zupackender ausmalen; doch die vorausgehenden Sätze besitzen nicht jenen außergewöhnlichen Grad an Verve und dynamischer Raffinesse wie jener Mozart. Gleichwohl: man darf gespannt sein, was auf diesem kammerorchestralen Umweg aus dem Gewandhaus fortan präsentiert wird.

Christoph Braun, 18.09.2004



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