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Felix Mendelssohn Bartholdy

Sämtliche Kammermusik für Streicher Vol. 1

Mandelring Quartett

Audite/Edel 1092656ADT
(76 Min., 6 & 11/2011) SACD

Muss man Mendelssohn „retten“? ‒ fragt rhetorisch einer der Textautoren. Die perfiden Kommentare, die bis heute durch die Konzertführer geistern und entweder „Glätte“ oder das Beethoven-Epigonentum dieser beiden unheimlich reifen Quartette eines kaum Zwanzigjährigen konstatieren, sind so eindeutig Sedimente eines unauslöschlichen Antisemitismus, dass man darüber kaum mehr sprechen sollte. Vor schlechten Interpreten muss man die Stücke jedenfalls nicht retten, im Gegenteil. Gleich zwei wirklich hinreißende Aufnahmen eröffnen völlig unterschiedliche Perspektiven auf die beiden genialen Jugendwürfe.
Das 2003 gegründete österreichische Minetti-Quartett geht den deutlich klanggesättigteren Weg. Weit und sonor spannen sie die Melodiebögen im Andante des Es-Dur-Quartetts op. 12, ein paar Portamento-Schluchzer gestatten sie sich schon – inniges, frühromantisches Lied im Quartettgewand. Mit dem Mandelring-Quartett glaubt man einen anderen Satz zu hören – da ist nichts Behaglich-Kantables. Die rezitativischen Aufschreie (ff espressivo) und ihr unheimliches piano-Echo in der ersten Geige werden in fast ruppiger Intensität abgebildet, der Charakter der Musik wendet sich nicht nur ins Zerrissene, er verliert auch seine Erinnerung an die menschliche Stimme.
Nun steht dem Schwesterwerk Opus 13 sogar ein Lied mottoartig vor („Ist es wahr?“), das die Spieler auch klanglich auf eine sonor ausgesungene Bahn zu lenken sucht. Doch, vielleicht in der Sorge, in die etwas plüschige Klanglichkeit zurückzufallen, unter der ältere Aufnahmen dieses Stückes manchmal leiden, durchstoßen die vehementen dynamischen Kontraste (und ein sich häufendes ffp assoziiert man kaum mit dem angeblich „glatten“ Mendelssohn) dieser leidenschaftlichen Beethoven-Huldigung die Klangoberfläche der Mandelring-Version mit einiger Schärfe. Das Ganze bebt noch in den filigransten Passagen in nervösem espressivo-Willen. Das Minetti-Quartett legt deutlich mehr Schmelz und Wärme in sein Spiel, selbst durch die merkwürdig spätbeethovenschen Fugato-Passagen des Adagios weht ein Hauch vibrierenden Gesangs, ahnt man ein hauchzartes Portamento. Das romantische Versprechen wird eingelöst, und das ist nicht nur betörend schön, sondern auch kein bisschen abgelebt. Welche Aufnahme sollte man wählen? Eigentlich ergänzen sie sich vollkommen, schwelgerischer die eine, herb akzentuierender die andere – zwei gültige, von musikalischem Sinn erfüllte Lösungen.

Matthias Kornemann, 09.06.2012



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