Wenn eine Totenmesse vom „diabolischen“ Tritonus-Intervall durchzogen wird und dieses letztlich in keine harmonische, versöhnliche „Auflösung“ überführt; wenn sich in dieser Totenmesse zwei Text- und Klangebenen elementar gegenüberstehen (hier die jahrhundertealte lateinische, vom Sopransolo, den Chören sowie der Orgel und großem Orchester vorgetragene Requiem-Liturgie; dort die von Tenor und Bariton in Begleitung eines Kammerorchesters eingeflochtenen Antikriegs-Gedichte des Lyrikers Wilfred Owen, der im Ersten Weltkrieg 25-jährig den Soldatentod starb); und wenn diese aufwühlenden (profanen) Verse auf geradezu zynische Weise die heilige „Missa pro defunctis“ konterkarieren – so etwa schon zu Beginn („Wozu Totenglocken für die, die wie Vieh sterben?“) oder in der alttestamentarischen Episode von Abraham und Isaak, deren versöhnliches Ende (der Opferung eines Widders statt des Sohnes ) 1918 von Owen ins Gegenteil gekehrt wird: „Der alte Mann wollt‘ es nicht so, schlachtete seinen Sohn, und halb Europas Samen, Mann für Mann“); – wenn man sich diese und weitere Eigenheiten von Benjamin Brittens „War Requiem“ vor Augen führt: Kann man dann von einem versöhnlichen, gar hoffnungsvollen Werk sprechen? Oder zeugt dieses „Kriegs“-Requiem, das erstmals am 30. Mai 1962 anlässlich ihres Wiederaufbaues in der Kathedrale von Coventry aufgeführte wurde, also in jenem britischen Kriegs-Symbol, das im November 1940 von der deutschen Luftwaffe zerbombt worden war, – zeugt diese Totenmesse nicht vielmehr von tiefer Resignation auch und gerade der christlichen Religion gegenüber, die dem Holocaust und allen Kriegs-Massakern gegenüber ohnmächtig blieb?
Wie auch immer man zu solchen Fragen steht: Eine Aufführung dieser bedeutendsten englischen Totenmesse ließ und lässt niemanden kalt (außer offenbar einige deutsche (!) Kritiker, die sich 1963, nach Rafael Kubeliks deutscher Erstaufführung, über „dubiose“ kompositorische Qualitäten gerade auch im Sopran-Part mokierten). Von ihrer vielleicht nicht gerade eingängigen, gleichwohl höchst eindringlichen Tonsprache kann man sich jetzt wieder – fast 50 Jahre nach ihrer Uraufführung – durch die hauseigene LSO-Aufnahme aus dem Londoner Barbican ein beeindruckendes Bild machen. Gianandrea Noseda, Chef der Turiner Oper und häufiger Orchestergast in London, weist sich als Britten-Kenner aus, der den großen und höchst differenzierten Klangapparat souverän zu führen weiß – sowohl in den kammermusikalisch fragilen Owen-Passagen wie auch in den mächtigen Entladungen der Liturgie. Sabina Cvilak zeigt sich ganz und gar nicht überfordert von Brittens in der Tat ausladenden Sopran-Anforderungen. Und ihre beiden männlichen Kollegen vermitteln Owens eindringliche Verse (wenn auch nicht ganz so raumfüllend) mit jener „Schönheit, Intensität und Ernsthaftigkeit“, um die Britten seine Uraufführungssänger Peter Pears und Dietrich Fischer-Dieskau gebeten hatte.

Christoph Braun, 05.05.2012



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Dass das War Requiem ein beeindruckendes Werk sind steht außer Frage. Aber warum muß Herr Braun seine Kritiken eigentlich immer mit antireligösen Kommentaren würzen. Dies ist mir auch vor 14 Tagen bereits bei seiner Rezension über Bruckners Neunte negativ aufgefallen. Gerade bei seinem Beitrag über das War Requiem bestreite ich nämlich den kontrastierenden Effekt des lateinischen Textes mit den Gedichten von Owen. Es ist vielmehr so, dass die Art und Weise wie Britten die lateinischen Texte vertont, er die englischsprachigen Texte in ergreifender Weise ergänzt und somit die Schrecken des Krieges auch über den religiösen Text reflektiert werden. Dies als Resignation gegenüber der christlichen Religion zu interpretieren erschließt sich mir nicht.




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