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Johann Sebastian Bach, Robert Schumann, Leoš Janáček, Ludwig van Beethoven, Béla Bartók

Live At Carnegie Hall

Piotr Anderszewski

Virgin Classics/EMI 267 2912
(85 Min., 12/2008) 2 CDs

Der kann offenbar alles! Diesen Eindruck vermittelt Piotr Anderszewski bei seinem Debüt, das er vor einem Jahr in der New Yorker Carnegie Hall gab. Eigentlich hat der 40-Jährige die Initiationsweihen des heiligen Pianistentempels nicht mehr nötig. Spätestens seit seinen 2001 eingespielten, bereits zehn Jahre zuvor unter großem öffentlichen Staunen in London aufgeführten Diabelli-Variationen kennt man die außergewöhnlichen Fähigkeiten dieses tiefsinnig-vergeistigten Virtuosen. Wobei er in New York nun mit Bachs zweiter Partita klarstellte, dass seine technische Brillanz nur untergeordnetes Mittel zum Zweck ist, der da lautet: erregende Ansprache! Ob in der aggressiv angegangenen Grave-Einleitung, der wunderbar perlenden Sinfonia-Fuge, dem intimen Sarabande-Gesang oder dem geradezu übermütig aufgestachelten Capriccio: Wie Anderszewskis Hände im motivischen Geben und Nehmen miteinander kommunizieren, das lässt musikalisches Dialogdenken unmittelbar verständlich werden und ein modernes Bachspiel von größtmöglicher Transparenz erleben. Schumanns "Faschingsschwank aus Wien" geriet dem Polen nicht nur zum hinreißend virtuosen, heißblütigen, orchestral vollgriffigen Sittengemälde mit Schubert- und Beethoven-Reminiszenzen, Anderszewski sucht – nicht nur in der "Romanze" – gerade auch das intime, ja melancholisch-depressive Gespräch, das Robert mit seiner ersehnten Clara führte. Bekanntlich war auch Janáček kein harmonisch-ausgeglichener Charakter. Was er 1912 mit seinem Zyklus "V mlách" ("Im Nebel") zum Klingen bringt, das gerät unter Anderszewskis Händen zu einer furchterregenden Seelenlandschaft mit scharfkantigsten Klippen, hinter denen sich aschfahle Abgründe auftun. Da wirkt Beethovens op. 110 mit seinen anfänglichen, "con amabilità" vorzutragenden Mozartanklängen geradezu heilsam. Doch spätestens im Allegro ist Schluss mit Rokoko-Erholung: Wie Anderszewski hier die Synkopen herausmeißelt und souverän den bizarr-sperrigen Mittelteil meistert (in dem nicht selten viele Kollegen "live" Schiffbruch erleiden), wie er das Adagio auslotet und die Fuge in einem gigantischen Crescendo-Espressivo zelebriert – das offenbart einen Beethoveninterpreten von unerhörter Bannkraft. Da konnten Bártoks "Volkslieder aus dem Komitat Csík" nur noch drei erfrischende Rausschmeißer sein, nach denen die New Yorker endlich begeistert losbrüllen durften.

Christoph Braun, 19.12.2009



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