Ein bisschen mehr einfallen lassen hätte sie sich schon können, die Deutsche Grammophon, zum 100. Geburtstag von David Oistrach. Sicher: Anders als die Kollegen im Westen hat Oistrach sich nie an eines der großen Labels gebunden, sondern – hier wie sonst auch dirigiert von Partei und Staat – seine unzähligen Aufnahmen in der hiesigen Medienlandschaft weit gestreut. Dennoch hätte man aus dem reichen Verlagsfundus mehr herauskitzeln können als dieses außen so fröhliche, inhaltlich aber ziemlich uninspirierte Dreierpack mit einem ausgesprochen mageren Booklet und einer Dokumentation, bei der man sehr genau hinschauen muss, um überhaupt zu wissen, wer hier was dirigiert oder spielt: Sohn Igor etwa (und nicht David selbst, warum auch immer) das g-Moll-Konzert von Bruch. Die Einspielungen selbst – bekannte Konzertstücke von Mendelssohn, Glasunow, Ravel oder Prokofjew, dazu eine CD mit Zugaben – sind immerhin von künstlerisch bester Güte, sie stammen überwiegend aus Oistrachs Glanzzeit, den späten Vierziger- und den Fünfzigerjahren.
Dass der sympathische Russe in der Literatur immer wieder ob seiner Wärme und Liebenswürdigkeit gepriesen wurde, hängt nicht nur damit zusammen, dass man damit problematischere Themen geschickt umschiffen konnte (so zum Beispiel die zerstörerische Angst Oistrachs vor Repressalien), diese Vorzüge seines Charakters prägten von jeher auch seinen Umgang mit der Geige. Anders als seine Kollegen Heifetz oder Milstein, gegen die anzutreten ihn das Regime immer wieder in den Westen schickte, scheint es bei ihm zwischen Musiker, Instrument und Hörer keine Distanz zu geben. Nichts Übernatürliches haftet seinem Spiel an – jede Phrase klingt durch und durch irdisch, hat menschliches Maß und wirkt dennoch alles andere als kleinlich. Oistrachs Zugriff auf die jeweilige Textvorlage ist, wie man sich gleich beim ersten Werk der Box, dem Violinkonzert e-Moll von Mendelssohn, überzeugen kann, durchaus von großem Entscheidungswillen geprägt. Doch wenn er, wie kurz vor Schluss des ersten und – parallel dazu – auch des dritten Satzes, für ein paar Augenblicke abrupt das Tempo zügelt, um die folgenden Takte um so majestätischer strahlen zu lassen, dann wirken auch solche überraschenden Züge im Nachhinein nicht nur folgerichtig, sondern wie mit Werk und Publikum stillschweigend vereinbart. Wer den großen Geiger zum Jubiläum hörenderweise feiern will, kann hier also getrost zugreifen, sollte es dabei aber nicht bleiben lassen. Es gibt bei Oistrach weit mehr noch zu entdecken, als hier offenbart wird.

Raoul Mörchen, 24.10.2008



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