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Sergei Prokofjew

Klavierkonzerte Nr. 2 op. 16 & Nr. 5 op. 55

Olli Mustonen, Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Hannu Lintu

Ondine/Naxos ODE 12882
(58 Min., 3/2017, 4/2016)

Schon auf der ersten Folge der Gesamtaufnahme aller fünf Klavierkonzerte von Sergei Prokofjew hat es dieses finnische Musikerteam verblüffend klingeln lassen. Nicht nur, weil man einfach mit den Interpretationsklischees aufräumte, mit denen Prokofjew ansonsten gerne zum effektvollen Grobmotoriker degradiert wird. Pianist Olli Mustonen und Dirigent Hannu Lintu machten in den Klavierkonzerten Nr. 1, 3 & 4 ein Netzwerk an abrupten Wendungen, sich abstoßenden Motiven und rhythmischen Skurrilitäten aus, das man in diesen Werken so noch nicht geboten bekommen hatte. Und da die Künstler ihrem Konzept treu geblieben sind, auch das visionär Moderne in der Musik Prokofjews endlich entsprechend auszuleuchten, hält nun auch der zweite Teil mit den Klavierkonzerten Nr. 2 & 5 zahllose Überraschungen parat. Wenn man sich etwa einmal gefragt hat, wo die Wurzeln von György Ligetis Faible auch für die burlesk ratternde Maschinenmusik gelegen haben mögen, dann höre man sich das „Allegro con brio“ des 5. Klavierkonzerts an. Und das Finale des 2. Klavierkonzerts mündet gar in dramatischen, orchestralen Wellenbewegungen, die sich viel später der amerikanische Minimal Music-Wortführer Philip Glass aneignen sollte. Doch Mustonen und Lintu haben mit solchen Aha-Erlebnissen keinesfalls einen interpretatorischen Originalitätspreis im Sinn. Vielmehr sind solche musikhistorischen Querverweise jetzt perfekt sitzende Teile in einem extrem facettenreichen Klangkosmos, der bisweilen sogar collagenhafte und damit weit ins 20. Jahrhundert hineinweisende Züge besitzt. So sehr Mustonen und Lintu mit intellektueller Schärfe an die beiden Klavierkonzerte herangegangen sind, so haben sie aber gleichzeitig stets auf das pochende Innenleben dieser Werke und damit auch auf den markanten Prokofjew-Sound höchsten Wert gelegt. Zwischen funkelnd und fahl, zwischen verspielter Lässigkeit und thrillergleicher (Hitchcock-„Psycho“-)Spannung bewegen sich die zwei Protagonisten zusammen mit dem gleichermaßen erstklassig ein- und aufgestellten Finnischen Radio-Sinfonieorchester. Schon jetzt steht fest: Eine Gesamteinspielung der Klavierkonzerte Prokofjews wird man zukünftig auf diesem Niveau so schnell nicht mehr geboten bekommen.

Guido Fischer, 06.01.2018



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