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Annette Dasch

Hoppla, jetzt komm´ ich!

Als wir Annette Dasch vor etwas über einem Jahr porträtierten, stand die junge Sängerin noch in den Startlöchern. Mittlerweile ist sie durchgestartet. Die prominente Abgängerin der Kammeroper Rheinsberg bewährte sich jahrelang im lyrischen Mozartfach. Heute schon träumt sie von den großen Wagner- und Strausspartien. Ihr Terminkalender ist voll: von Salzburg und Wien über Amsterdam bis New York. Und zwischendurch findet sie noch Zeit für ihren »Dasch-Salon«, eine Kreuzung aus Talkshow und Liederabend im Berliner Radialsystem. Für ihre neue CD kehrt sie zu den großen Mozartrollen zurück. Sie gibt darauf die leidenschaftlich Liebende wie die Furie – eine Gefühlsbandbreite, die sie diesen Sommer in Salzburg als Donna Anna in einer Person auszuspielen verstand. Und auch im Interview mit Tom Persich erleben wir eine Sängerin mit Temperament …

RONDO: Frau Dasch, ein Satz steht im Raum, den niemand zu widerlegen sich je genötigt sah: Mozart zu singen, ist das Schwierigste. Sehen Sie es anders?

Annette Dasch: Nein, es ist einfach so …

RONDO: Können Sie es sich und uns erklären? Ist Mozart deshalb so schwierig, weil es eine schier unlösbare Aufgabe darstellt, seine Musik leicht klingen zu lassen – sogar dann, wenn sie wirklich schwer atmet?

Dasch: Das ist ein Klischee, das sagen alle. Aber letztlich stimmt es doch …

RONDO: Können wir es tiefer, konkreter fassen?

Dasch: Wir versuchen es! Meiner Ansicht nach ist Mozart davon ausgegangen, dass die Künstler, für die er komponierte, ihre Instrumente wirklich in einer absoluten Perfektion beherrschen. Man kann es daran sehen, dass er ein irrsinnig hohes Niveau erwartete. Ebenso kann man es daran ablesen, dass er sich heftig darüber beklagte, wenn ein Sänger eine Arie, die er für ihn komponiert hatte, nicht singen konnte.

RONDO: Aber die Sängerinnen und Sänger des 18. Jahrhunderts waren doch nicht begabter als die heutigen, oder?

Dasch: Begabter vielleicht nicht. Aber sie waren anders ausgebildet. Und was ganz wichtig ist: Sie mussten nicht so laut singen wie wir. Und dass man laut singen muss, nimmt sehr viel weg von der reinen Interpretation.

RONDO: Ist das für Sie hinderlich?

Dasch: Ja, das ist in der Tat problematisch. Eine große Zuhörerschaft ist daran gewöhnt, dass man die Anlage weit aufdrehen kann – was zur Folge hat, dass dann, wenn eine Sängerin oder ein Sänger an einem Abend im leiseren Spektrum singt, dies als blass empfunden wird. Da ist schon so etwas aufgebaut wie eine Bank, über die man hinweghüpfen muss.

RONDO: Apropos hüpfen: Die schönste Szene des von Claus Guth inszenierten Salzburger »Don Giovanni« war doch wohl diejenige, als Sie dem verwundeten Don Giovanni alias Christopher Maltman mit Aplomb in die Arme gesprungen sind, frei nach dem Motto »Hallo, hier bin ich, nimm mich!«. Ist die Mutmaßung richtig, dass Ihnen das großen Spaß bereitet hat?

Dasch: (lacht) Oh ja. Sie ist es.

RONDO: Verstehen Sie als Frau eine Frau wie Donna Anna, die sich in einen Kerl verliebt und sich ihm sprichwörtlich an den Hals wirft, der zuvor 1003 Damen allein in Spanien vernascht hat? Was ist faszinierend an einem solchen Mann?

Dasch: Der Lebenshunger. Der will nicht sterben. Ihm ist alles andere egal. Und er will frei sein.

RONDO: Aber darin liegt gerade das Problem: Don Giovanni sucht ja eben nicht die Frau.

Dasch: Das weiß man nicht! Vielleicht könnte es ja eine solche Donna Anna sein wie in Salzburg – wenn sie nicht wüsste, dass er ihren Vater gekillt hat. Vielleicht hätten die beiden das Potenzial zum Liebespaar.

RONDO: Bei Claus Guth killt aber Don Giovanni den Komtur ja nicht. Am Ende stehen sich zwei Schwerverwundete gegenüber.

Dasch: Und genau das macht diese Donna Anna so tragisch. Weil sie irgendwann realisiert, dass ihr Vater und der Mann, den sie liebt, sich in einer Art verwundet haben, die es ihr unmöglich macht, mit einem von beiden jemals zusammen zu sein. Das macht diese Donna Anna zur kompliziertesten Figur der Oper. Sie glauben nicht, wie oft ich das durchdacht habe, bevor ich es singen und spielen konnte.

RONDO: Sie haben vor der Donna Anna auch die Donna Elvira verkörpert. Beide Partien liegen nicht eben gar so günstig, oder?

Dasch: Donna Anna ist wirklich hart. Donna Elvira hingegen ist für einen Sopran im Grunde kein Problem. Zumal deswegen nicht, weil man in den Ensembles die Unterstimme zugeteilt bekommt, während Donna Anna die Oberstimme singt. Das macht den Kohl tatsächlich fett. Im Finale des ersten Aktes und im Sextett muss sie lange ganz weit oben singen. Und danach kommt gleich eine Arie. Das ist das sportive Moment. Was die Personen angeht, den Charakter der beiden Frauen: Auch hier ist Donna Elvira im Vorteil. Sie ist ganz klar.

RONDO: Sie liebt Don Giovanni, man muss es so sagen, obwohl ...

Dasch: Richtig! Und sie macht eine riesige Entwicklung durch, weil sie diejenige ist, die am Ende einen Schritt weiter geht und sagt: Ich verzeihe ihm.

RONDO: Können Sie das begreifen?

Dasch: Ich weiß es nicht. Ich glaube, dass auch ein Don Giovanni nichts ist ohne sein Umfeld. Das wurde in der Salzburger Chéreau-Inszenierung so ungeheuer deutlich. Don Giovanni war quasi nicht da, er stand immer im Dunkeln. Er war wie ein schwarzes Loch. Und die anderen haben ihn zu dem gemacht, was er ist. Und so ist es auch im Leben.

RONDO: Das Geheimnis ist das Interessante? Nicht das, was man sieht?

Dasch: Das muss gar nicht unbedingt etwas mit einem Geheimnis zu tun haben. Es genügt, dass eine Frau, die einem Casanova begegnet, sich dafür einfach nicht mehr interessiert: Sie spiegelt das, was er darstellt, nicht mehr. Und damit ist die Angelegenheit beendet, bevor sie angefangen hat.

RONDO: Wenn Sie nun aber so superaufgeklärt an die Sache herangehen, ist dann nicht das Frauenbild, das Mozart uns übermittelt, ein bisschen ein problematisches?

Dasch: Ich finde nicht, dass Mozart selbst eine starke Deutung abgibt. Und das hat auch mit meinem Kunstverständnis zu tun: Die eigene Interpretation genießt bei mir einen hohen Stellenwert und das bedeutet für mich, dass man mit Werken zwar nach Gusto »umgehen« kann, das heißt aber noch lange nicht, dass man das Werk banalisieren oder popularisieren darf. Ganz im Gegenteil. Werktreue meint, dass man das Kunstwerk ernst nimmt.

Neu erschienen:

Mozart

Arien

Annette Dasch, Akademie für Alte Musik Berlin, Marc Piollet

Sony Classical


»Bei Männern, welche Liebe fühlen …«: Die Mozartfrauen

Die Welt als Wille, die Welt als Vorstellung. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit – wer wollte es bestreiten – klafft im Leben wie in der Liebe zuweilen eine große Lücke. Einer, der aus dieser Erkenntnis weithin strahlende, schöpferische Funken schlug, war der dänische Philosoph Søren Kierkegaard. Mit Inbrunst besang er nicht nur den größten aller Opernhelden, Don Giovanni (alias Don Juan), sondern auch dessen nötigen Widerpart: Mozarts Frauen. Ja, wie ein Lichtblick erschien ihm alles Weibliche – allerdings nur, solange er es nicht berühren musste. Mozarts Frauen selbst sind diesbezüglich gänzlich anders gestrickt. Sie packen zu, so und wo sie können. Oder dürfen. Je nach dem. Donna Anna beispielsweise, die Tochter des Komturs, will, obschon Don Giovanni ihren Vater killte, den Casanova mit Haut und Haaren und allem anderen. Nicht anders ergeht es Donna Elvira, der sich ewig (und vergeblich) Verzehrenden. Und Zerlina, die man wohl mit Fug und Recht ein kleines Flittchen nennen darf, sowieso. So weit die Oper aller Opern. Besieht man nun die anderen Werke und dort in die Herzen der Frauen, ergibt sich ein ähnliches Bild. Denn auch Fiordiligi und Dorabella wollen genau dasselbe, nämlich Liebe, Zärtlichkeit, Sex. Ihnen gleich empfinden und trachten nach diesbezüglicher Erfüllung Konstanze und Blondchen, Susanna und die Comtessa, Pamina und Papagena (und als frühreifes Mädchen auch Bastienne). Von gänzlich anderem Schlage sind drei andere Mozartfrauen: Vitellia, die Königin der Nacht, Elettra. Halb Furie, halb Grazie. Jedenfalls Frauen in stetiger Rage, in ständiger Exaltation, zuweilen rasend. In ihrer Anwesenheit muss man achtsam sein, immer auf der Hut. Diese Frauen können verbrennen. Sich selbst und andere. Kierkegaard, so viel ist sicher, wäre vor ihnen auf den Kirchturm geflüchtet …


Tom Persich, RONDO Ausgabe 5 / 2008



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