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Kirill Gerstein

Attacke!

Fressen die Kleinen die Großen auf? Seit ein Superstar wie Anne-Sofie von Otter ihren Major verließ, um künftig beim kleinen Label »Naïve« aufzunehmen, hat in der Klassikbranche eine Schubumkehr eingesetzt: Künstlerische Freiheit statt Rückendeckung durch Marketingstrategen. Auch Pianist Kirill Gerstein hat sich für die harte Tour entschieden. Die nötige Angriffslust bringt er mit, wie Robert Fraunholzer herausfand.

Das Hohelied auf kleinere Independant-Label, von Künstlern wie Andreas Staier oder Isabelle Faust schon früher angestimmt, ist Trend. Heute kann es geradezu als Klischee gelten, dass bei Mini- und Garagenlabels Künstlern mehr Freiheit und Nachhaltigkeit geboten wird als in den glanzvollen, großen Hütten. Stimmt das auch?
Die meisten Künstler haben ohnehin keine Wahl. Viele, so Countertenor Max Emanuel Cencic, der von »Virgin« zur mächtigeren »Decca« wechselt, wählen noch immer den klassischen Aufstiegsweg. Der vorzügliche Pianist Kirill Gerstein, geboren 1979 im russischen Woronesch, hat schon mehrere kleinere Firmen hinter sich. Und er schätzt Intensität, Kompetenz und persönlichen Umgang bei seinem Mini-Label »Myrios«. Tugenden, die heute in der Tat nicht überall leicht zu finden sind.
Der Schüler von Dimitri Bashkirov hat bei »Myrios« mit Aufnahmen von Schumanns Humoreske und Liszts h-Moll-Sonate Eindruck gemacht. Und nun gemeinsam mit Wunder-Bratscherin Tabea Zimmermann die Sonaten von Vieuxtemps und Brahms maßstabsetzend eingespielt. Gerstein gastierte bei Elena Bashikirovas Kammermusik-Festival in Jerusalem und tourt in Europa und den USA; ist aber kein Teil der Heavy-Rotation bei den großen Orchestern. Man darf nicht vergessen: Große Schallplattenverträge bei den Majors sind auch für Konzertauftritte noch immer von großer Wichtigkeit. Eigene Unabhängigkeit bedeutet meist auch: weite Runden drehen in der freien Wildbahn der internationalen Provinz.
Die Aufnahmen indes sprechen für sich. Und für Gerstein. Der wundervoll männliche Aplomb des in Boston ausgebildeten Russen entspricht genau dem Bild, das Gerstein selber von seinem Flügel hat: »Ein eindeutig männliches Instrument, da bin ich mir sicher!« Das Klavier sei ein »Tier mit Geist«. Und der Akt des Interpretierens ein Vorgang komplizierter Verbrüderung. Kampfgetümmel eingeschlossen! Genau so spielt Gerstein auch: pointiert in den Akzenten. Kraftvoll in der Attacke. Einnehmend im Ton.
Entsprechend lang ist übrigens auch die Liste großer Pianistinnen der Vergangenheit, die der historisch vorzüglich orientierte Gerstein bewundert: Teresa Carreno, Pina Salzmann und Fanny Davis. Und natürlich Martha Argerich. Kirill Gerstein gehört gegenwärtig zu denjenigen Männern am Klavier, die man schärfstens im Auge behalten sollte. Schlicht einer der besten.

Franz Liszt u.a.

Sonate h-moll, Humoreske B-Dur u.a.

Kirill Gerstein

Myrios/harmonia mundi


Seit 2009 hat das Ein-Mann-Label »Myrios« immer wieder Künstler engagiert, die bei größeren Adressen bereits ihre Runde gedreht(und ihren Namen gemacht) hatten: so z. B. das Hagen-Quartett, die Bratschistin Tabea Zimmermann, Kirill Gerstein und den Klarinettisten Jörg Widmann. Man floriert im Schatten der großen Plattenfirmen, von denen sich Label-Chef Stephan Cahen selbstbewusst abhebt. »Ein Dinosauriertum hat sich breitgemacht«, sagt der 37-Jährige. »Immer wieder werden dieselben Werke auf den Markt geworfen.« Dass ein Klassik-Künstler mehr als 100 000 Einheiten verkaufe, sei heute schlicht und ergreifend nicht mehr zu erwarten.
»Ich mache nur Platten mit Leuten, mit denen ich mir eine zehnjährige Zusammenarbeit vorstellen kann«, fasst Cahen seine Vorstellung von Nachhaltigkeit zusammen. Das bedeutet: Freundliche Absagen. Begrenzte Kapazitäten. Und eine gut temperierte Begeisterung für die Zukunft. Der Selfmade-Unternehmer und abgebrochene Musikwissenschaftler lernte bei Klassik-Produzenten wie Gerd Berg (EMI), Martha de Francisco (Philips) und Daniel Zalay (DG).
»Der Name ›Myrios‹ bedeutet Unendlichkeit: Anklang an ewige Werte, um die es mir geht.« Etwa 15 000 Euro muss er für eine CD-Produktion in die Hand nehmen. Finanziert wird über Kredite. In fünf Jahren soll’s anfangen sich zu lohnen. Finanzielle Eigenbeteiligung der Künstler verlangt er nicht. Vielmehr schüttet er sogar (noch) Erlöse aus. Dank risikofreudiger Initiativen von Labels wie »Myrios«, »Naïve«, »Onyx«, »AvI« oder »Crystal« kann sich die Klassik über nachwachsende Farbigkeit nicht beklagen. Die Elefanten schwanken. Doch die Ameisenlabels holen auf.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2012



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