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Paavo Järvi beim Bonner Beethovenfest

Alle neune

Beim Bonner Beethovenfest feiern Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie das Finale ihres Sinfonien-Zyklus. Es ist ein Beethoven fürs 21. Jahrhundert. Und der liegt jetzt auch auf CD vor.

Die Abstimmung mit den Füßen hat die Deutsche Kammerphilharmonie klar gewonnen. Über 4.500 Bonner sind an diesem Abend trotz des bereits empfindlich kühlen Herbstwetters auf den Marktplatz gekommen, um via Public Viewing beim Finale des Beehovenzyklus mit dabei zu sein. Das schlägt nicht nur den Hauptdarsteller der letzten Liveübertragung, Kurt Masur, um Längen, sondern ist auch ein Indiz für den Kultstatus, den die Beethovenaufnahmen von Paavo Järvi und seinen Bremer Stadtmusikanten inzwischen erreicht haben. Nun also, nach vier Jahren, das große Finale: Im Schlussspurt absolvieren die Kammerphilharmoniker in vier Tagen noch einmal alle Neune, und parallel erscheint mit der Neunten die letzte noch ausstehende Aufnahme des CD-Zyklus. Beethoven satt. Trotz dieser Tour de Force wirkt Paavo Järvi allerdings nicht im Mindesten erschöpft, als er aus der Generalprobe der Neunten kommt. Lässig plaudert der 47-Jährige über das Projekt, das nicht nur der Kammerphilharmonie, sondern auch ihm selbst einen gewaltigen Prestigegewinn gebracht hat.
Die Symbiose zwischen dem Esten und dem norddeutschen Kammerorchester ist ein Glücksfall. Ein Annäherungsprozess, bei dem beide Seiten profitieren: Järvi vom Originalklang-Wissen der Musiker, die wie beispielsweise Konzertmeister Daniel Sepec auch auf historischen Instrumenten firm sind. Und das Orchester von dem Gefühl für die große Form und den langen Atem, das ihnen ihr Dirigent vermittelt. Dessen Beethovenbild wurde durch Klemperer, Toscanini und Furtwängler geschult, immer noch und trotz aller stilistischen Umbrüche der letzten 50 Jahre, beteuert er, sei Furtwängler derjenige, der Beethoven am Nächsten gekommen sei. »Als ich zum ersten Mal Beethoven mit Norrington hörte, bin ich fast vom Stuhl gefallen«, erzählt Järvi, einfach »völlig falsch« sei ihm dieser abgespeckte Sound damals vorgekommen. Inzwischen ist er zum Pragmatiker geworden. Konkret heißt das: Moderne Instrumente, die sich aber am historischen Klangbild orientieren, dazu alte Trompeten und Pauken – der »Beethoven des 21. Jahrhunderts«, wie die Kritik den Zyklus der Kammerphilharmonie getauft hat, hat einen drahtig elektrisierenden Ton und produziert ständig einen leichten Überdruck. Ausgangspunkt seiner Interpretation, bekräftigt Järvi, seien immer Beethovens Metronomangaben, die er so genau wie möglich befolge. Auch bei der Neunten geht an diesem Abend in der Bonner Beethovenhalle die Post ab. Fast scheint, als wirke Beethoven bei Järvi und seinem Orchester wie eine Droge, als würden sie selbst von der berauschenden Wirkung ihrer Turbo-Tempi mitgerissen und könnten gar nicht anders als bis zur Erschöpfung weiterspielen. Vielleicht ganz vernünftig, dass sie jetzt erstmal auf Entzug gehen wollen.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 5 / 2009



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