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Lisa Otto

Zum Ännchen geboren

Lisa Otto, geboren 1919 in Dresden, war eine der erfolgreichsten Koloratur- Soubretten der Schallplattengeschichte. Sie debütierte 1942 im schlesischen Beuthen und band sich bis 1979 fest an die Deutsche Oper Berlin. Kurz vor ihrem 90. Geburtstag im November besuchte sie Robert Fraunholzer und sprach mit der quicklebendigen Sopranistin über Sängertreue, böse Kollegen und den »Affen Karajan« ...

RONDO: Frau Kammersängerin, was bitteschön ist eine Soubrette?

Lisa Otto: Lyrische Koloratur-Soubrette, wenn ich bitten darf! Die Soubrette, das ist ein jugendlich leichter, beweglicher und hell timbrierter Stimmtypus. Zum Beispiel das Ännchen im »Freischütz«. Nicht Pamina, aber Papagena. Nicht Mimì, sondern Musette. Schon die Sophie im »Rosenkavalier « zählt eigentlich zum Zwischenfach.

RONDO: Heute gibt’s kaum noch echte Soubretten, oder?

Otto: Ich kenne niemanden mehr, tut mir leid. Das liegt aber auch daran: Es gibt keine Ensembles mehr. Die Leute kommen und gehen. Damals in der Kantstraße, im Quartier der Städtischen Oper, bevor das neue Haus in der Bismarckstraße bezogen wurde: Das war ein Ensemble! Mit Elisabeth Grümmer und Helmut Krebs. Der Josef Greindl war auch dabei. Das waren Namen, die das Publikum kannte. Heute kommen die Sänger, singen, nehmen die Gage und hauen ab.

RONDO: Gehen Sie noch in die Oper?

Otto: Nein. Ich weiß doch, wie es schön und wie es richtig sein müsste. In allem bin ich modern eingestellt, aber nicht bei den Operninszenierungen. Ich lehn’s vollkommen ab und werde so böse, dass ich meistens in der Pause gehe. Ich ärgere mich, dass ich mich feierlich angezogen habe und in die Stadt reingefahren bin. Ich fahr ja noch Auto. Aber in die Oper fahr ich nicht.

RONDO: Ihre berühmteste Schallplattenrolle war die Despina in Karajans legendärer »Così fan tutte«. Wie lief es mit Karajan?

Otto: Er war ein großartiger Musiker. Aber menschlich – ein Affe. Entschuldigung! (Blickt nach oben.) Er soll’s mir nicht übel nehmen. Er kam die Treppe herunter und hielt mir die Hand hin: Ich sollte ihm einen Handkuss geben. Da habe ich gedacht, so was Blödes. Aber musizieren konnte man mit ihm wunderbar. Er hat nie mit Ellenbogen musiziert.

RONDO: Was bedeutet das?

Otto: Der große Leo Blech, den ich 1950 noch erlebt habe, hat immer gesagt: »Wenn man mit den Ellenbogen dirigiert, wird das Orchester so stark, dass man nicht drüberkommt.« Mit Leo Blech habe ich noch »Hänsel und Gretel« gemacht. Er ging im Frack auf die Bühne und klebte uns echte Schokoladenherzen ans Knusperhäuschen. Wir hatten ganz schokoladenverschmierte Hände. Er lachte.

RONDO: Leo Blech konnte, obwohl er Jude war, bis 1937 in Deutschland bleiben, musste dann emigrieren. War er glücklich, wieder in Deutschland zu sein?

Otto: Er war überglücklich. Goebbels hatte ihm 1937 gesagt: »Lieber Blech, ich weiß nicht, wie ich Sie halten soll. Bitte gehen Sie nach Schweden zu Ihrem Schwiegersohn.« Er hat es mir selber erzählt.

RONDO: Waren die großen Dirigenten für Sänger einfach?

Otto: Ja, wenn man sein Fach konnte. Ich brauchte nie einen Einsatz.

RONDO: Ihre Operetten-Aufnahmen wie Lehárs »Zigeunerliebe« sprühen vor Lust und Laune. War es so spaßig?

Otto: Ja! Da habe ich auch die Welt vergessen. Man muss es von innen machen. Man muss es können. Dann ist es auch keine Arbeit mehr.

RONDO: Woher können Sie es?

Otto: Ich weiß nicht. Der liebe Gott hat es mir geschenkt.

»Ich bin für mein Fach geboren: das leibhaftige Ännchen.«

RONDO: Warum sind Sie nie als Konzertsängerin aufgetreten?

Otto: Dahinter steht eine ganze Lebensgeschichte. Mein Vater, der Sänger werden wollte, hatte sich freiwillig zum Krieg gemeldet, da war er 18 Jahre alt. Man hat ihm beide Augen ausgeschossen. Er bekam zwei Glasaugen, die nach meinen Augen gemacht waren. Er wollte unbedingt an die Bühne. Das konnte er nur so verwirklichen, dass er Konzerte gesungen hat. Ich habe danebengesessen. Und dabei eine Angst geerbt. Ich bin fast gestorben vor Angst.

RONDO: Sie haben auch mit dem großen, strengen George Szell zusammengearbeitet.

Otto: Ich habe mit allen zusammengearbeitet. An Szell kann ich mich kaum erinnern. Joseph Keilberth und Ferenc Fricsay waren besser. Fricsay hat das Orchester unten immer weggewischt. »Ich will die Stimmen hören«, hat er gesagt. Das ist vielleicht auch der Zauber von damals gewesen. Dass die Dirigenten auf uns eingegangen sind. Heute dreschen sie drein. Ich geh’ ja nicht mehr …

RONDO: Wie war es mit Karl Böhm?

Otto: Wun – der – bar! Böhm hat mich nach Salzburg gebracht. Damals war Irmgard Seefried die Fiordiligi. Eine wunderbare Sängerin. Aber ein Teufel. Als sie ihre Arie sang, sagte sie: »Ich möchte nicht, dass die Despina da hinten sitzt.« Sie hat ihren Willen bekommen.

RONDO: Was verlangte Böhm?

Otto: Musikalität. Und manchmal runtergucken! Ich habe auch einen Brief von Leo Blech, da schreibt er: »Es war wunderbar, aber nächstes Mal bitte mehr Pupille.« Ich sollte mal runtergucken. Ist das nicht goldig?! (Lacht unbändig.)

RONDO: Mit Fritz Wunderlich haben Sie auch gesungen.

Otto: Ja, leider ist er so früh gestorben. Ich sang die Erste Dame in der »Zauberflöte«, denn Böhm sagte: »Ich will die drei Damen leicht gesungen haben.« Erika Köth sang die Königin der Nacht. Sie sang wie eine Göttin, wenn sie das betreffende Quantum Alkohol intus hatte. Der Fritz stand neben mir.

RONDO: Wunderlich besaß keine große Stimme, oder?

Otto: Das sagt man von meiner auch. Auf der Bühne nicht groß, aber nach hinten im Raum gut tragend. So war es wahrscheinlich beim Fritz auch.

RONDO: Waren Sie mit Ihrem Fach immer zufrieden.

Otto: Man muss es. Die Sängerinnen heute singen Partien, die über ihr Fach hinausgehen. Aber nur drei Mal. Dann ist’s aus. Ich war bis zum Schluss Ännchen. Und die Grümmer war meine Agathe. Ich bin für mein Fach geboren: das leibhaftige Ännchen.

RONDO: Klingt, als ob alles eitel Sonnenschein war.

Otto: Ja, bis auf das Ende. 1979 bin ich 60 Jahre alt geworden. Einige Tage später bekam ich plötzlich kein Honorar mehr. Ich rief an: »Was ist denn da los?« »Aber Frau Otto, Sie gehören doch nicht mehr zu unserem Haus.« Ohne es anzukündigen! Das hat mir schon einen Schlag versetzt. Und dann starb mein Mann. Ich weiß nicht, wie ich da wieder rausgekommen bin.

RONDO: Sie haben sich Ihr Leben lang nie von der Deutschen Oper abgekoppelt. Heute geht jeder seinen eigenen Weg.

Otto: Furchtbar. Ich find’s schrecklich. Immer dem Geld nach. Das habe ich nie gemacht. Blöd, nicht?! Meine Frage war immer nur: Kann ich das singen? Nicht: Wie viel gibt’s dafür?

RONDO: Haben Sie noch Kontakt zu Kollegen?

Otto: Ich hätte es gerne, sie sind aber alle tot. Bis auf Fischer-Dieskau. Er war mein Don Giovanni, großartig, aber nach der Vorstellung war er immer gleich weg. Kein Mensch kannte ihn je privat.

RONDO: Sie strahlen bis heute eine quecksilbrige Frische aus!

Otto: So bin ich auch. Das ist nicht aufgesetzt. Ich hab nie was spielen müssen, was mir nicht entsprach. Was der liebe Gott an meinem Vater verbrochen hat, hat er an mir wieder gut gemacht.


Ein Plädoyer fürs Leichte

Schon Theodor Fontane wusste: »... das Idealste bleibt doch immer eine Soubrette ... Zierliche Figur, etwas großer Mund, Leberfleck!« Dieser Steckbrief der Soubrette (franz. ursprünglich für Zofe, Dienerin) verhieß Beweglichkeit, Leichtigkeit – und Leichteroberbarkeit. Heute begnügt sich kaum eine Opernsängerin mehr mit den naiven Kammerkätzchen, Ännchen und Blondchen. Jede Papagena (»Die Zauberflöte«) will eine Pamina, jede Adele (»Die Fledermaus«) eine Rosalinde und jede Najade (»Ariadne auf Naxos«) mindestens eine Zerbinetta werden. Berühmte Vertreterinnen dieses Rollenfachs waren etwa Rita Streich, Reri Grist und Lily Pons. (Man hört es den Namen beinahe schon an.) Doch bereits sie – ähnlich wie später Christine Schäfer oder Barbara Bonney – emanzipierten sich so sehr in größere, schwerere Rollen hinein, dass echte Beispiele heute kaum noch zu finden sind. Die Soubrette scheint akut vom Aussterben bedroht. Und damit die Fähigkeit, es stimmlich leichter zu nehmen als alle anderen.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2009



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