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Wagner-Tenor 2.0

Klaus Florian Vogt ist der neue Held von Bayreuth. Nur echt mit der Matte.

Wo kommt eigentlich die »Wagner-Matte« her?! Gemeint ist die klassische Rocker-Mähne, das reichhaltig getragene Haupthaar, welches sich unter Wagner-Tenören in den letzten Jahren besorgniserregend verbreitet hat. Johan Botha trägt es. Jon Frederic West sowieso. Torsten Kerl färbt es sogar, falls der Schein nicht trügt. Jonas Kaufmann dagegen bietet eine mediterran gelockte Version (an der man seine Herkunft aus dem italienischen Repertoire ablesen kann). Kein Wagner-Tenor, der auf sich hält, verzichtet heute auf eine Matte wie Günter Netzer. Klaus Florian Vogt schon gar nicht!

Der neue »Lohengrin« von Bayreuth, gebürtig aus Holstein, verfügt nicht nur über die längste und am besten gewaschene, sondern auch über die volkstümlichste Variante dieses sehr deutschen Haarkomplexes. In der Mitte gescheitelt. Strähnig und stufig springt es hinab fast bis auf die Schultern. Die 68er Jahre mögen vorüber sein. Doch die politisch am weitesten links zu verortende Frisur unter der Sonne hat sich anscheinend auf die rechte Seite geschlagen. Zu Richard Wagner.
Das wollen wir nicht länger überinterpretieren. Die Besonderheit, die Klaus Florian Vogt bisweilen zu schaffen macht, ist nämlich eine andere und hat nichts mit Äußerlichkeiten zu tun. Bayreutherfahrene Zuschauer stellten sich nach Wagners »Lohengrin«, seiner wichtigsten Partie, schon öfters befremdet die Frage, ob der Sänger des Schwanenritters, verkörpert von Klaus Florian Vogt, eigentlich so klingen müsse wie er in Gestalt dieses Sängers klingt? Daraufhin kann man sagen: Kein Sänger muss müssen. Aber wenn er es so kann wie Vogt – und der kann es! – dann geht es auch auf diese ungewohnt hellstimmige, extrem schlackenlose Weise, die mit der Kopfresonanz stärker arbeitet als bei vielen anderen Sängern. Vogt hat den vielleicht knabenhaftesten Tenor aller Wagner-Zeiten. Das ist als Kompliment gemeint.
Gegen allen steifen, schwartigen und künstlich abgedunkelten Helden-Gesang setzt Vogt ganz bewusst eine leichte, strahlende Gangart. Sein Lohengrin besitzt nichts von schwerer, unbeweglicher Rüstung. Als Walther von Stolzing in den »Meistersingern «, als der er 2008 in Bayreuth debütierte, vermittelt er keineswegs den Eindruck eines älteren Herrn, der sich noch einmal ins Outfit eines jugendlichen Liebhabers geworfen hat. Kurz, Vogt nimmt mit einem Timbre der Unschuld für sich ein, und das eröffnet bei Wagner ganz neue Möglichkeiten. Weg vom schwergängigen Kraftpaket, hin zum strahlend-jungen Helden!
Auf die Frage, wie das eigentlich möglich sei – und warum er so anders klingt –, hat Vogt beim Gespräch in Berlin eine frappierende Antwort parat. »Es liegt daran, dass ich von der Operette her komme.« Wie bitte? Liefert die leichteste Gattung des Musiktheaters (die heute am schwersten zu realisieren ist) nicht das zugleich altmodischste, pomadigste Männerbild von allen? (Rudolf Schock, ick hör dir trappsen ...) Nein, ganz im Gegenteil! Große Wagner-Sänger von einst sangen oftmals parallel Operette: der großartige Wolfgang Windgassen etwa, Nicolai Gedda und Fritz Wunderlich, beides Vorbilder für Vogt, ohnehin. Operettengesang ist für Wagner-Sänger Balsam für die Stimmbänder – und ein Diätrezept erster Güte für den Weg zum Wagner der Zukunft, der ein leichterer ist.
»Was Liebliches, nichts Gewalttätiges muss selbst von ‚Winterstürme wichen dem Wonnemond’ ausgehen«, meint Vogt beim Gespräch. »Das ist eigentlich eine Serenade, fast ein Lied! Ich denke da schon ans zarte Waldweben aus ›Siegfried‹«, so Vogt. Wir sitzen am Morgen nach der Aufzeichnung des neuen Albums, das live in der Deutschen Oper bei einem Arien-Abend mitgeschnitten wurde, in Berlin beisammen. Der Abend war formidabel. Jetzt ist Klaus Florian Vogt entspannt und entlastet – und will kaum glauben, dass man ihn vor den Wackermännern des Wagner-Repertoires, also den kraftzehrenden Super-Recken, immer wieder warnt.
»Das Dunkle nicht forcieren ist meine Devise!«, sagt er. Tenoraler Glanz, musikalisches Gefühl und die Pastellfarben der Stimme stehen für ihn im Vordergrund. »Das wird schwierig, wenn ein Dirigent zu gewalttätig dirigiert. Manche hauen das kaputt«, so Vogt unmissverständlich. Doch auch mit Maestros, die ein Orchester ordentlich hochkochen können, hat Vogt schon sehr gut zusammen gearbeitet; so mit Daniel Barenboim und Simone Young. Auf seiner neuen CD hat er mit Peter Schneider einen Kapellmeister von altem wagnerianischem Schrot und Korn. »In Wagners Partien steht viel häufiger ‚piano’ als man denkt, wenn man manche Sänger hört.«
Übrigens ist ganz klar, dass die eingangs erwähnte Haarpracht-Spezialität bei Wagner-Sängern der frühen 80er Jahre, allerdings in Kombination mit Lederjacke und Motorrad, von niemand anderem erfunden wurde als dem unter lautem Motorengeknatter auf dem grünen Hügel aufrauschenden Peter Hofmann. Mit ihm, dem wohl populärsten (wenn auch nicht besten) Wagner-Tenor der Nachkriegszeit teilt Klaus Florian Vogt noch eine weitere Äußerlichkeit: den Sinn für Motorräder. Vogt nämlich fliegt nicht nur in einem selbst gesteuerten Flugzeug nach Bayreuth, sein außerordentlich entwickelter Sportsgeist beschränkt sich ebenso wenig auf Rennräder, Skifahren, Joggen und Surfen. Nein, sogar sein Wohnmobil lässt er nachkommen, wenn er in Bayreuth ist. Noch dazu hat er, um mobil zu sein, stets einen Motorroller dabei. Kein Zweifel: Klaus Florian Vogt ist der Wagner- Tenor, der auf dem heißen Ofen kam.
Dass auf seiner Debüt-CD bei Sony manchem der »Walküren«-Held sehr stark nach Weber oder gar nach Lortzing klingen könnte, sei zugestanden. Aber man höre dagegen einmal den Auszug »Lebe wohl, mein Flandrisch Mädchen« aus »Zar und Zimmermann«! Durch sein neues Album ist (wenn auch nicht besten) Wagner-Tenor der Nachkriegszeit teilt Klaus Florian Vogt noch eine weitere Äußerlichkeit: den Sinn für Motorräder. Vogt nämlich fliegt nicht nur in einem selbst gesteuerten Flugzeug nach Bayreuth, sein außerordentlich entwickelter Sportsgeist beschränkt sich ebenso wenig auf Rennräder, Skifahren, Joggen und Surfen. Nein, sogar sein Wohnmobil lässt er nachkommen, wenn er in Bayreuth ist. Noch dazu hat er, um mobil zu sein, stets einen Motorroller dabei. Kein Zweifel: Klaus Florian Vogt ist der Wagner- Tenor, der auf dem heißen Ofen kam. Dass auf seiner Debüt-CD bei Sony manchem der »Walküren«-Held sehr stark nach Weber oder gar nach Lortzing klingen könnte, sei zugestanden. Aber man höre dagegen einmal den Auszug »Lebe wohl, mein Flandrisch Mädchen« aus »Zar und Zimmermann«! Durch sein neues Album ist es Vogt gelungen, mit Aplomb einen neuen, vertrauenerweckenden Wagner-Ton anzuschlagen. Einen Ton, den er perfekt und in Reinkultur selbst verkörpert. Ob das Schule machen wird, lässt sich nicht sagen. Doch ein Held steht hier vor uns, der mehr Reflexionskraft, mehr stimmlichen Seiltanz und mehr Erdung vermittelt als die allermeisten vor ihm. Mit Klaus Florian Vogt kommt der Wagner- Tenor 2.0 frisch auf den Markt. Und nur echt mit dieser Matte.

Richard Wagner, Carl Maria von Weber u.a.

Helden

Klaus Florian Vogt, Orchester der Deutschen Oper Berlin, Peter Schneider

Sony

Kai Luehrs-Kaiser, RONDO Ausgabe 1 / 2012



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