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Donald Runnicles

Die Zeit drängt

Seit August 2009 firmiert Donald Runnicles, geboren 1954 in Edinburgh, als Generalmusikdirektor der Oper an der Berliner Bismarkstraße. Mit Robert Fraunholzer sprach er über diktatorische Vorgänger, seine langsame Karriere und den Aufschwung der Deutschen Oper.

RONDO: Herr Runnicles, hier an der Wand hatte Christian Thielemann früher ein Bild Friedrichs des Großen hängen. Und jetzt?

Donald Runnicles: Ist die Wand leer. Hier soll kein Bild eines Königs mehr hängen. Aber vielleicht ein Bild der Queen!

RONDO: Sie haben in Deutschland Ihre Karriere begonnen. Können Sie verstehen, warum die Deutsche Oper als schwieriges Haus gilt?

Runnicles: Weil wir nicht mehr die Platzhirsche sind. Die Konkurrenzangebote in Berlin haben sich verbessert. Aber ich fühle mich wohl, gerade wegen einer gewissen Derbheit in Berlin. Hier sagt man: »Naja, ganz gut«, wenn man begeistert ist. Das nenne ich Understatement.

RONDO: Ist man neben Daniel Barenboim und Simon Rattle nicht der geborene Zweite?

Runnicles: Ich bin ein persönlicher Freund von beiden und sehe es daher anders. Ich würde mir wünschen, dass eines Tages Simon Rattle auch hier dirigiert. Daniel ebenso, auch als Klaviersolist. Die Einladung steht. Als ich in Mannheim anfing, habe ich täglich vor dem Berliner Spielplan gestanden, der dort aushing. Damal war’s Weltniveau. So soll es wieder werden.

RONDO: Große Opernregisseure wie Christof Loy, Robert Carsen oder Claus Guth haben noch nie in Berlin gearbeitet. Wie wollen Sie das ändern?

Runnicles: Mit Christof Loy habe ich seine erste große Opernregie »Die Entführung aus dem Serail« in Freiburg gemacht. Wir haben sogar schon ein Stück gefunden. Auch mit Sasha Waltz möchte ich langjährig zusammenarbeiten. Von ihrer »Dido und Aeneas«-Inszenierung war ich hin und weg.

RONDO: Auch große Ausgrabungen wie »Chowanschtschina«, »Trojaner«, »Hérodiade«, »La Juive« oder auch nur »Guillaume Tell« sind an Berlin bisher grundsätzlich vorbeigegangen.

Runnicles: Ich bin selber überrascht, dass hier noch kein Berlioz aufgeführt worden ist. Wir planen die »Trojaner«. Janáček war ein Schwerpunkt an der Deutschen Oper, aber nicht in der letzten Zeit. Auch Benjamin Britten fehlt. Es gibt heutzutage keine Garantien mehr. Bis auf die Tatsache, dass das beste Marketing Mund-zu-Mund-Propaganda ist.

RONDO: Welche Dirigenten verehren Sie?

Runnicles: Fritz Reiner, wegen seiner Richard-Strauss- Aufnahmen. Wenn man weiß, was für ein Ungeheuer er war, wie er Menschen fertiggemacht hat! Ich bewundere auch, wie so viele, Carlos Kleiber. In Wien war ich bei seinen Proben. Man merkte, dass der Mann Nerven hatte, die ihn fast das Konzert kosten konnten. Er hielt sich manchmal so hinten am Geländer fest. Das war meist pure Nervosität.

RONDO: Könnte man zum Orchester noch so eklig sein wie damals Fritz Reiner?

Runnicles: Ausgeschlossen. Dann würde ein Orchestervorstand aufstehen und sagen: »Meine Damen und Herren, wir machen eine kurze Pause.« Und zum Dirigenten: »Auf diese Art reden Sie nicht mit uns.«

RONDO: War es für Diktatoren wie Reiner oder Karl Böhm einfacher?

Runnicles: Ich vermute schon. Sie waren in der Lage, Musiker auf der Stelle zu feuern. Wenn einem ältere Musiker der Wiener Philharmoniker erzählen, wie bösartig Karl Böhm sein konnte, sodass Menschen daran zerbrochen sind ... Furchtbar. Aber er wird vergöttert. Man lebt heute gefährlicher, wenn man alleine gegen die Welt dirigiert.

RONDO: Entwickeln sich musikalische Karrieren heute zu sprunghaft?

Runnicles: Ja, bei Sängern gibt es eine fatale Neigung, die schnelle Verbindung zum Ruhm zu nehmen – von Mozart direkt zu Wagner. Auch Dirigenten kommen zu rasch an ganz große Positionen. Welchen Rat kann man Gustavo Dudamel geben? Nur: »Lass dir Zeit!« In dieser Hinsicht habe ich eine gesunde, weil langsame Karriere gemacht. Erfahrung gilt heute bei vielen als Schimpfwort. Experience is a dirty word! Das halte ich für einen groben Fehler.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2010



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