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Teodor Currentzis

Die Stimme in der Wüste

Seit sechs Jahren amtiert Teodor Currentzis als Chefdirigent im fernen Sibirien – seiner »Wüste«, wie er unumwunden zugibt. Mit »Beten und Fasten« hat er sich reif gemacht für die Glitzerwelt des internationalen Opernbetriebs. In Moskau und Paris hat er schon für Furore gesorgt. Nun blickt man gespannt nach Baden-Baden, wo er mit Bizets »Carmen« die Eröffnungspremiere der Pfingstfestspiele dirigieren wird.

Der Musikgeschmack des Maestro ist ziemlich unorthodox. Gerade eben stand Teodor Currentzis noch für Puccinis »La Bohème« im Orchestergraben des Opernhauses von Nowosibirsk, doch jetzt ist er selbst der Bohèmien. Lange durchsucht er die CD-Stapel in seinem Dirigierzimmer, bis er das Richtige gefunden hat. Die »Einstürzenden Neubauten« will er zu seiner After-Show-Party hören – und tatsächlich dürfte kaum etwas besser passen: Zu den abgewetzten Kunstledersofas, den überquellenden Aschenbechern und schnell geleerten Wodkaflaschen ebenso wie zu diesem schwarzgewandeten Partyfürsten selbst. Hoch gewachsen und langhaarig, mit Röhrenjeans und russischem Bauernkittel wirkt der 38-jährige Wahlrusse mit griechischem Pass nicht wie der Musikchef eines der größten Opernhäuser des Kontinents, sondern eher wie einer, der den stalinistischen Kuppelbau in die Luft sprengen würde, ohne mit der Wimper zu zucken. Oder auch wie einer, der morgen früh den Entschluss fassen könnte, lieber ins Kloster zu gehen, statt eine Weltkarriere zu machen.
Bislang sieht es allerdings eher nach der zweiten Option aus: Der Mann aus Sibirien ist derzeit einer der heißesten Namen der internationalen Dirigentenszene: Gerade hat er am Bolschoi einen bejubelten »Wozzeck« dirigiert, und seit seinem »Macbeth« in Paris lockt auch der goldene Westen immer stärker. Gerard Mortier hatte ihn schon als Chefdirigenten für die New York City Opera verpflichtet und auch Baden-Badens findiger Festspielhaus- Intendant Andreas Mölich-Zebhauser war von Currentzis’ temperamentvollem Verdi-Dirigat so begeistert, dass er den exzentrischen Wunderknaben sofort für die Eröffnungspremiere der nächsten Pfingstfestspiele, Bizets »Carmen« engagierte. Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Wer Teodor Currenztis zuhört, merkt sofort, dass dieser gerne zornig dreinschauende Mann die beiden wichtigsten Eigenschaften hat, die ein Dirigent neben dem technischen Handwerkszeug besitzen muss: Eine Vision und die Fähigkeit, sie auch durchzusetzen. Seinem Lehrer, dem legendären Dirigierprofessor und Mentor so gut wie aller heute berühmten russischen Dirigenten, Ilya Musin, sei es immer darauf angekommen, dass seine Schüler Fantasie und eine eigene Meinung entwickelten, erzählt er. Er sei der Lieblingsschüler des Meisters gewesen, sagt Currentzis stolz – vielleicht auch, weil alte Herren oft ein Herz für begabte junge Rebellen haben.
Die Repertoirevorstellung der »Bohème« zeigt Currentzis jedenfalls als einen, der Puccini mit der Seele sucht. Hier in Sibirien sei einfach viel mehr möglich als in Moskau mit seiner 300-jährigen Tradition, die alles Neue verhindere, erklärt er. »In Nowosibrisk hat dagegen die Avantgarde Tradition, das ist eine junge Stadt mit einer großen Universität – hier herrscht ein viel neugierigeres, intellektuelles Klima.« Seit 2004 amtiert er am Opernhaus der 2,5 Millionen- Stadt und hat den Klassikbetrieb hier schon einigermaßen aufgemischt: mit zeitgenössischer Musik, mit seinem eigenen Barockensemble Musica Aeterna und seinen New Siberian Singers, die er mit nach Baden- Baden bringen wird – und vor allem mit seinen gefährlich anarchistischen Ansichten. Die Konservatorien würden doch langsam vor sich hinsterben und Rockmusik sei oft viel lebendiger, provoziert er genüsslich. Kein Zweifel, Currentzis fühlt sich in der Rolle des Bad Boy ziemlich wohl. »Nowosibirsk ist meine Wüste. Hier bin ich zum Beten und Fasten«, sagt er – und zum Feiern. Am Ende der Party verschwindet er jedenfalls mit einer äußerst attraktiven Blondine irgendwo in den Fluren des Opernhauses. Was natürlich nicht ausschließt, dass er morgen früh doch vielleicht ins Kloster geht.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 2 / 2010



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