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Jörg-Dietrich Hoppe

Halbgötter am Pult

Sie füllen die Sinfoniekonzerte und Quartettabende, spielen in Orchestern und machen Kammermusik. Kaum ein Berufsstand fühlt sich so zu Beethoven und Brahms hingezogen wie Mediziner. Warum eigentlich? RONDO sprach mit einem, der es wissen muss: Prof. Jörg-Dietrich Hoppe wollte eigentlich Musiker werden. Stattdessen wurde er Pathologe und ist seit über zehn Jahren Präsident der Bundesärztekammer. Jörg Königsdorf besuchte ihn in seinem Berliner Amtssitz.

RONDO: Professor Hoppe, als Präsident der Bundesärztekammer dirigieren Sie einen mächtigen Verband. Im Düsseldorfer Ärzteorchester saßen Sie dagegen brav am Geigenpult. War das für Sie ein Ausgleich: Einordnen statt Führen?

Jörg-Dietrich Hoppe: Man ist ja auch als Arzt im Krankenhaus ein Teammensch, deshalb kenne ich diese Arbeit von dort ebenso wie vom Orchester – ich war schon im Schulorchester, das ist anerzogen. Außerdem arbeite ich auch hier im Team – der Vorstand der Bundesärztekammer besteht aus 20 Leuten.

RONDO: Im Orchester geht die eigene Stimme allerdings völlig auf.

Hoppe: Man kann ja auch Kammermusik machen. Als meine Kinder noch im Haus waren, haben wir Streichquartett gespielt. Jetzt ist allerdings meist kleinere Besetzung angesagt: Violine und Klavier. Meine Kinder sind zwar keine professionellen Musiker geworden, aber alle sind noch musikalisch aktiv und spielen mehrere Instrumente.

RONDO: Viele Musiker standen in ihrer Jugend konkret vor der Berufswahl zwischen Musiker und Mediziner. Woran liegt das eigentlich?

Hoppe: Die Medizin hatte früher eine starke künstlerische Komponente – man spricht ja von ärztlicher Kunst. In den letzten Jahrzehnten sind aber sehr viele naturwissenschaftliche Anforderungen dazugekommen – das hat das Berufsbild verändert. Der Arzt ist vom Künstler zum Ingenieur geworden.

RONDO: Wie war das eigentlich bei Ihnen? Wären Sie nicht lieber Musiker geworden?

Hoppe: Das war sogar mein ursprüngliches Berufsziel. Ich habe an der Musikhochschule auch die Prüfungen in Gehör- und Harmoniebildung bestanden. Nur leider konnte ich nicht gut genug Klavier spielen. Man musste damals den Klavierauszug aus einer Haydnsinfonie spielen. Dafür hätte ich noch ein, zwei Jahre Klavier lernen müssen und das war finanziell nicht drin. Schließlich hatte ich noch drei Geschwister, die auch alle studieren wollten.

RONDO: Der Alltag in Krankenhäusern ist nichts für schwache Nerven. Hat die Musik da die Funktion, den Glauben an Ideale aufrecht zu erhalten?

Hoppe: Natürlich muss man die starke Konfrontation mit Problemen irgendwie kompensieren. Die Belastung ist schon sehr hoch: etwa wenn man Menschen vor sich hat, die nicht mehr lange zu leben haben. So etwas muss man verarbeiten und dafür ist Musik vielleicht am besten geeignet – egal ob man spielt oder nur hört. Beim Anblick eines Gemäldes habe ich jedenfalls noch nie eine Gänsehaut bekommen.

RONDO: Glauben Sie, dass die Ärzteorchester weiter bestehen werden oder ist das ein Relikt der bildungsbürgerlichen Vergangenheit?

Hoppe: Ich glaube an Letzteres. Es wird sicher einen Konzentrationsprozess geben: Die Orchester werden sich in größeren Regionen aufstellen. Die Koinzidenz von medizinischem Beruf und Musikleidenschaft ist heute nicht mehr so gegeben wie früher. Schon allein, weil sich die Auswahlverfahren für das Medizinstudium geändert haben. Früher haben viel mehr Ärztekinder Medizin studiert, die musikalisch oft besser vorgebildet waren. Schon unser Düsseldorfer Orchester bestand nur noch zur Hälfte aus Ärzten. Auf der anderen Seite sind aber auch die Ansprüche der Spieler höher geworden: Als ich dabei war, haben wir Bachs Brandenburgische Konzerte gespielt, allerdings mehr in der Furtwängler-Manier als auf die heute übliche sportliche Art. Oder Telemanns »Ebb und Flut« und Mozarts A-Dur-Sinfonie. Damit ist heute kaum noch jemand zufrieden. Ich war vor ein paar Monaten in Posen, da hat ein europäisches Ärzteorchester ein Programm gespielt, das aus Walkürenritt, zweitem Chopin-Konzert und Beethovens Neunter bestand. Das war schon harte Arbeit!

RONDO: Sie haben sich für den Einsatz von Klassischer Musik in Kliniken ausgesprochen. Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Hoppe: Bei uns im Klinikum Düren haben wir regelmäßig Konzerte veranstaltet, die auch in die Zimmer übertragen wurden. Vorwiegend Klassik, aber auch so etwas wie die Bläck Fööss.

RONDO: Zu therapeutischen Zwecken haben Sie Musik da aber nicht eingesetzt?

Hoppe: Nein, das kommt ja erst jetzt langsam. Herdecke hat damit angefangen, Heidelberg und Hamburg sind nachgezogen. Damit habe ich selbst allerdings keine Erfahrung gemacht und glaube auch nicht, dass der therapeutische Umgang mit Musik angesichts der Technisierung des Klinikalltags große Verbreitungschancen hat. Ich habe einfach Konzerte organisiert, weil ich festgestellt habe, dass die Menschen zufriedener sind, wenn man auf den Stationen Livemusik macht. Damals waren die Krankenhausaufenthalte allerdings auch noch länger. Heute, bei den fünf Tagen Aufenthalt ist das nicht so wichtig.

RONDO: Es steht also nicht zu befürchten, dass die Stationsflure demnächst mit Händels Wassermusik beschallt werden?

Hoppe: Nein, so etwas gibt es höchstens in Operationssälen, aber nicht für die Patienten, sondern damit sich die Ärzte und Schwestern bei der OP wohler fühlen.

RONDO: Und was wird da gegeben?

Hoppe: Das geht schon zur Sache. Brahms-Sinfonien und so. Ich selbst würde mir Bruckner wünschen. Für lange Operationen.

RONDO: Hilft das Beherrschen eines Instruments denn rein manuell – beim Operieren zum Beispiel?

Hoppe: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die manuelle Fähigkeit steigt, wenn der Arzt ein Instrument spielt, das den gleichartigen Einsatz beider Hände fordert – also vor allem ein Blasinstrument. Das heißt allerdings nicht, dass in den Orchestern die Chirurgen nur an den Bläserpulten sitzen.

RONDO: Sie sind im Kuratorium des World Doctors Orchestra. Erfolgt da die Programmauswahl nach therapeutischer Wirksamkeit?

Hoppe: Nein, da gibt es auch Werke wie Mahlers Fünfte. Das spielt man einfach gern. Ich möchte schon lange ein Konzert des Orchesters in Köln arrangieren – aber das hat bislang noch nicht geklappt, weil das ja alles Berufstätige sind. Die sind eigentlich immer ausgebucht.

RONDO: Man kritisiert ja oft die Überalterung des Konzertpublikums. Vielleicht ist das aber nur ein Anzeichen dafür, dass Klassikhörer älter werden und auch noch mit 70 fit genug sind, um ins Konzert zu gehen?

Hoppe: Klar, manchmal sieht es im Publikum schon recht silbern aus. Aber in der Regel gefällt mir die Mischung des Publikums. Bei Pop-Konzerten sind ja nur Junge. Außer die Rolling Stones kommen – da gehen auch meine Jahrgänge hin. Wenn auch eher aus nostalgischen Gründen.

RONDO: Die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts beschreibt oft ganz explizit psychische oder physische Krankheitszustände. Sitzt man da als Mediziner im Publikum und stellt eine Diagnose?

Hoppe: Ja, natürlich. Das geht einem sofort durch den Kopf. Bei Mahler zum Beispiel.

RONDO: Können Sie uns ihre Diagnose für Mahler verraten?

Hoppe: Tut mir leid, das fällt unter die ärztliche Schweigepflicht.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 2 / 2010



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