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(c) Marco Borggreve

Jean-Guihen Queyras

Probenberauschte Konzertreife

Eine Trioprobe in Berlin: Wir treffen den Cellisten und seine hochkarätigen Kammermusikpartner Isabelle Faust und Alexander Melnikov. Ein Gespräch über Initiation, den Unsinn der Jubiläumsjahre und unerwartetes Entdeckerglück bei Beethoven.

Langweilig und marketingdurchseucht ist unsere „Klassikwelt“ geworden, und so beachtet man kaum noch, dass die magischen Namen der Werke und Komponisten von den Plakaten und Plattencovern getilgt und durch die immer jüngeren und glänzenderen Larven ihrer früheren Interpetendiener ersetzt worden sind – die sich zu den wahren Herren der Szene erhoben haben. Aber mag der altmodische Dienst am Werk auch nicht mit Major-Label-Verträgen und Titelgeschichten belohnt werden, lebt die Welt unseres lebendigen Klassikmuseums allein von jenen, deren ganze Hingabe der Sache und nicht dem Kult ihrer Person gewidmet ist.

Heiß geliebtes Mauerblümchen

Wobei es fast pietätlos ist, ein so lebendiges Etwas wie Beethovens Klaviertrio Es-Dur op. 70/II als ‚Sache‘ zu titulieren. Seltsam vergessen ist es liegengeblieben neben der Hauptroute, die all die beliebten und etwas müdegespielten Orte seines OEuvres verbindet. Einen Namen hat es nicht, sein Wesen zog auch keinen auf sich, nicht einmal einen langsamen Satz gibt es, und außerhalb zyklischer Werkschauen ist es kaum zu hören.
Isabelle Faust, Jean-Guihen Queyras und Alexander Melnikov aber haben in ihrer ersten gemeinsamen Beethoven-Arbeit nicht das verschwisterte und etwas abgeliebte „Geistertrio“ gewählt, sondern dieses Mauerblümchen. Sie haben es „sofort alle heiß und innig geliebt“, so Isabelle Faust, geben aber zu: „Es ist ein Stück, bei dem man wahrscheinlich etwas initiiert sein muss und das von Interpreten schneller geliebt wird als vom Publikum.“ In der Tat fehlen die eingängigen Themen. Aber hört man genauer hin, ahnt es Schubert voraus wie sonst nur noch die Sonate Opus 90, und auf der anderen Seite spielt Beethoven lustvoll mit folkloristischen Tönen. „Ein absolut geniales, humorvolles Stück“ nennt auch Alexander Melnikov das entlegene Opus, „ich glaube, er macht sich sogar etwas über sich selbst lustig.“ Mit einer ansteckenden Entdeckungslust haben sich die Drei über diese erlesene Komposition hergemacht, und Zweifel, ob es schließlich etwas werden würde mit der Hörer-Initiation, kamen wohl kaum auf. „Dass die Leute nicht sofort von den Sitzen springen“ (Faust), macht nichts. Das kommt schon. Queyras geht noch ein wenig weiter: „Ähnlich ist es mit dem Quartetto serioso op. 95. Ich glaube, in dem Fall hat Beethoven selber gesagt, das ist eher ein Studierstück und nicht zur Aufführung gedacht. Auch hier im Trio vertieft man sich in seiner Arbeit mit der Materie, seinen subtilen Details.“ Den Musikern geht es aber nicht um hochmütig-selbstgenügsame Publikumsanweisung. Viel mehr um die so simple wie schlüssige Erkenntnis, dass man die Hörer noch an die abgelegensten Orte des klassischen Kanons locken kann, wenn man dort nur selbst Erfüllung und Inspiration findet. Von Äußerlichkeiten wie den lästigen Jubiläumsjahren wollen sie dabei schon gar nicht bestimmt werden. „Dieses Jahr ist unser persönliches Schumann- Jubiläum“, sagt Isabelle Faust. „Wir haben ein wahnsinnig schönes Projekt vor uns mit allen drei Klaviertrios und den drei Konzerten, mit dem Freiburger Barockorchester gehen wir damit auf Tournee. Jeweils ein Trio mit einem Konzert gekoppelt.“ Auch diese Programme werden ihren Weg auf die CD finden.
Den Musikern – und dem Autor dieser Zeilen – wäre es am liebsten, das ganze Projekt käme „in eine Schachtel. Aber da müssen wir noch ein bisschen streiten. Wir wissen, dass es allgemein schwierig ist und freuen uns über jede CD, die wir produzieren dürfen. Schwere Zeiten“, resümiert Faust.

Berg auf der Stuhlkante

Für Jean-Guihen Queyras eine doppelte Freude, denn mit einer Produktion, die Schönbergs „Verklärte Nacht“ und Bergs „Lyrische Suite“ koppelt, kam gerade ein regelrechtes Herzenskind des Cellisten auf den Markt. Von den Dreien bewegt er sich am weitesten ins moderne Repertoire vor, zehn Jahre im „Ensemble intercontemporain“ waren prägend, wobei er gerne betont, wie ihn die Spieglung einer Epoche in der anderen inspiriert: „Mein Ideal, das über meinem Bett hängen würde, damit ich das jeden Morgen lese, ist: in den Klassikern die Modernität immer wieder aufs neue zu entdecken, etwa die unglaubliche Modernität eines Trios von Beethoven oder Schumann, und auf der anderen Seite die zeitgenössische Musik so zu verkörpern, dass sie so lesbar ist oder so atmet wie die Musik, die wir oft gehört haben.“ Realisiert hat er sein Vorhaben mit dem Hamburger „ensemble resonanz“, dessen Artist in Residence er bis zum September vergangenen Jahres war. Begeistert erinnert er sich an seine Arbeit mit diesem überaus experimentierfreudigen Kollektiv: „Jeder sitzt auf der Stuhlkante, als würde er ein Solostück vortragen, und so war das bei jedem Stück, das wir gemacht haben. Als wir das erste Mal die „Lyrische Suite“ probten, lag auf jedem Platz ein Stapel mit der Korrespondenz von Berg, und jeder Musiker hat sich das geholt und gelesen. Die Proben waren wie ein Rausch.“
Wer erlebt, wie Queyras über diese Musik redet, ahnt wohl, dass der Probenrausch seine Ursprünge in einer Begeisterung hat, auf die man wirklich nicht alle Tage trifft: „Wenn man ein Wort für diese zwei Stücke aussuchen müsste, dann ist es Leidenschaft, pure Leidenschaft, die bei Schönberg das Stück wie in Wellen überschwemmt, bei Berg geht es noch ein Schritt weiter, durch die autobiografische Qualität des Werkes. In den 70er Jahren wurden die ganze Korrespondenz über das Stück und das von Berg annotierte Exemplar publiziert, wo er seine Liebe zu Hanna Fuchs in jeder Note festgemacht hat. Ich kann nicht aufhören enthusiastisch zu sein für dieses Werk, für jede Note. Schon als reine Musik ist es ein gigantisches Meisterwerk, man kann sich da vertiefen, analysieren, man entdeckt immer Neues. Wie bei Beethoven. Und dazu noch die Geschichte, die Stoff für einen Hollywood- Film wäre, so unglaublich viel Liebe und Heiterkeit und Hoffnung und dann gegen Ende immer mehr Verzweiflung bis zur absoluten – nicht Vernichtung – bis zum Nichts. Der letzte Satz zerfällt richtig. Das ist eine unglaublich starke Geschichte!“ Wer wollte den Musiker bei dieser Hymne unterbrechen? Und die Ansteckung funktioniert. Hatte ich auch noch nie im Leben die geringste Lust, dieses Werk zu hören, nach dieser Unterhaltung habe ich es getan. Sage keiner, eine solche Hingabe für die Sache verfehle ihre Wirkung.

Neu erschienen:

Beethoven

Klaviertrios op. 70/II und op. 97/I „Erzherzog“

Isabelle Faust, Alexander Melnikov, Jean-Guihen Queyras

harmonia mundi

Neu erschienen:

Schönberg, Berg

Verklärte Nacht, Lyrische Suite

Jean-Guihen Queyras, Ensemble Resonanz

harmonia mundi


Klassik auf Sitzkissen

Mit seinem Festival in Forcalquier in der Haute Provence (Rencontres musicales) hat Jean-Guihen Queyras einen überaus entspannten Rahmen geschaffen, klassische Musik zu präsentieren: „Die Leute können rein und raus, wann sie wollen, wir haben Kissen für die Kinder vor der Bühne. Durch dieses informelle Konzept sind Leute ins Konzert gekommen, die denken, klassische Musik ist nicht für sie da. Ein großer Teil unsres Publikums besteht aus lokalen Leuten, die gemerkt haben, das gehört zu ihrer Welt. Wir bringen auch ganz tolle Künstler dorthin, kommenden Sommer sind Tabea Zimmermann und Antje Weithaas wieder da.“ (www.rmhp.fr)


Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 1 / 2014



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