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Fanfare

Wollen wir wetten? Ja? Gut, wetten wir. Und behaupten an dieser Stelle mit allem uns gebotenen Ernst, dass die Zahl an musikkundigen Menschen, die Leben und/oder Werk des argentinischen Komponisten Oscar Strasnoy kennen, eine unter allem Maße niedrige ist. Wir selbst, soviel Ehrlichkeit sollte walten in der Welt, waren lange Teil dieser Bewegung der Unkundigen. Aber wir sind es länger nicht mehr. Der Grund liegt in einer kleinen Reise, die uns in den Norden führte, zur Hamburgischen Staatsoper, mithin in einen Musentempel, der in den letzten Jahren etwas von seinem Glanz eingebüßt zu haben schien. Dort gab es einen Abend, der allein wegen seines Titels uns lockte: »Trilogie der Frauen«. Also fuhren wir hin, schauten uns die Inszenierung an und kamen aus dem Staunen in der Tat nicht mehr heraus. Drei Einakter hatte man ineinander verstrickt zu einem Triptychon theatrale: Die Rahmenteile bildeten Schönbergs »Erwartung« (das in einer kühlen Hinrichtungszelle spielte und in Deborah Polaski eine fantastisch präsente Hauptdarstellerin besaß) und Wolfgang Rihms Monodram »Das Gehege«, eine psychologisch fein ausdifferenzierte Studie über die Bestie Mensch (mit einer exzellenten Helen Kwon). In diesen Rahmen hatte sich, wie ein Intermedium, ein Stück hineingeschlichen, welches als Uraufführung präsentiert wurde: die Oper »Le Bal« von eben jenem Strasnoy. Zugrunde lag »Le Bal«, die gleichnamige Novelle Iréne Nemirovskys, einer jüdischen Schriftstellerin mit stupendem literarischem Witz, die in Auschwitz ihr Leben verlor. Es vergingen kaum einige Minuten, da fanden wir uns auf der Sesselkante wieder: Was war das für eine herrliche Musik, eine Musik wie von Offenbachs Gnaden, nur eben etwas moderner, will sagen: dissonanter. Aber geistreich war diese neue Musik, wie man es selten erlebt in der Neuen Musik. Und weil auch das Ensemble hinreißend agierte und damit den spöttischen Unterton des Sujets aufs Beste traf, gingen wir wie beseelt hinaus in den kalten Hamburger Abend.
Von Hamburg war es nicht weit bis nach Hannover. Aber dazu später. Zunächst wollen wir nicht vergessen, was zuvor in Berlin geschah. Drei Solisten erlebten wir dort, unterschiedlicher nicht denkbar in der Art und Weise der Kunstausübung und auch habituell Bewohner dreier weit auseinander liegender Sterne. Und doch verband sie etwas, das uns betörte: die Intensität der musikalischen Mitteilung, die ungeheure Bühnenpräsenz. Fangen wir mit den Damen an. Carolin Widmann, die mit Abstand aufregendste Geigerin unserer Zeit, spielte in der Philharmonie gemeinsam mit der Jungen Deutschen Philharmonie unter Leitung von Sir Roger Norrington das zweite Violinkonzert von Béla Bartók. Wie sie es spielte, ließ bei uns den Verdacht aufkommen, es gäbe vielleicht doch eine Ewigkeit, in der man sich wohlfühlen könnte. Es war überirdisch gut, die ganze Welt war darin enthalten. Nicht die ganze Welt, aber zumindest ganz Russland zauberte die zauberhafte Anna Netrebko herbei, in ihrem Liederabend bei den vorösterlichen Festtagen an der Staatsoper Unter den Linden. Netrebko sang, begleitet von Daniel Barenboim, Lieder ihrer Landsleute Nikolai Rimskij-Korsakow und Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Und was man schon von der neuesten CD wusste, erfuhr hier nochmals eine Bestätigung. Netrebkos Sopran ist leuchtend warm, er nimmt durch sein volles und dunkles Timbre für sich ein, er vermag das Sentiment anzuzapfen in jedem Hörer und ihn in das Reich der Fantasie zu entführen, oder, um es mit einem Liedtitel von Rimskij-Korsakow zu sagen, »ins Reich der Rosen und des Weines«. Von hier aus ist es ja nicht mehr gar so weit bis nach Finnland, wobei die Finnen sich das sicher anders wünschten (und die russischen Nachbarn am liebsten auf den Mond), aber das spielt ja gottlob im Bereich der Kunst nicht die entscheidende Rolle. Wie dem auch sei, Antti Siirala hieß der junge Mann, der sein Debüt gab, im philharmonischen Kammermusiksaal, mit Werken von Brahms und Schönberg. Wie Strasnoy, so kannten viele auch diesen jungen Pianisten nicht (wir schon, aber das liegt an einer heimlichen Liebe zu diesem Instrument und zu Finnland), und hinterher waren alle der Meinung, sie seien Zeuge eines außergewöhnlichen Abends gewesen. Eine Klangkultur hatte der Mann, dass es eine Wonne war, ein Feingefühl für die Abläufe und Binnenstrukturen, die eines Pollini gewiss würdig sind. Und eine gestalterische Energie, die ihresgleichen suchte. Kurzum: Es war phantastisch, ja geradezu phänomenal.
Nun aber zurück nach Hannover. Hannover ist eigentlich eine langweilige Stadt. Aber in Hannover haben sie eine Staatsoper, und da gibt es immer wieder kleine Preziosen zu entdecken. In diesem konkreten Fall war es Rossinis Krönungsoper »Il viaggio a Reims« in der Inszenierung von Matthias Davids. Das Ganze war an einen Flughafen verlegt worden und so amüsant, dass wir aus dem Lachen gar nicht herauskamen. In diesem Sinne, herzliche Grüße Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 3 / 2010



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