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Fanfare

Singen, um die Götter zu besänftigen? Seit Orpheus, dem Urahn der Spezies, wissen wir, dass eine Arie immer auch gerade dazu dienlich war. Der Philosoph Peter Sloterdijk spitzte dieses Wissen zu. In seinem wunderbaren Buch »Zorn und Zeit« gelangte er zu der Erkenntnis, es gäbe für den vokalen Helden (oder die vokale Heldin) lediglich zwei Möglichkeiten, in denen er schwelgen könne: Im ersten (günstigen) Falle würden die Götter berührt von seinem Gesange. Im zweiten (ungünstigen) jedoch würden sie sich von ihm abwenden, mit entnervter Miene.
Was nun Cecilia Bartoli angeht, ist sie a priori auf der sicheren Seite. Ihre Namensvetterin ist die heilige Cäcilie, die Patronin der Kirchenmusik, mithin auf heiligem Terrain tätig. Darüber hinaus aber hat die Italienerin, es ist kein Geheimnis, eine Stimme, die es ihr ermöglicht, innerhalb von wenigen Sekunden einen Menschen so sehr in ihren Bann zu ziehen, dass er sämtliche weltliche Sorgen vergisst. Es ist die Kunst der Verzauberung, über die nach Maria Callas nur wenige Diven geboten – Sancta Cecilia ist eine von ihnen. Und mutig ist sie auch. Niemand hat von ihr verlangt, die Norma zu singen, eine der heikelsten Partien ihres Faches – zudem eine, bei der alle, insbesondere bei der »Casta Diva«-Arie, auf der Stelle und beinahe ausschließlich an die Callas denken (sie hat sich gleich mehrfach mit dieser Arie verewigt, Plattenfans wissen das). Gleichviel, in Dortmund, wo der Musik seit Jahren ja eine zunehmend bedeutendere Rolle zugeschrieben wird, hat sie es probiert: in einer konzertanten Aufführung. Es war ihr Rollendebüt. Und es war, wir können es nicht anders sagen, fantastisch.
Das Wort ist nun in der Welt, und wir wollen es auch gar nicht wieder aus ihr herausschicken. Denn der Sommer, so heiß er war und so voller Götterblitze, er war auch die Zeit der großen Sangestaten. Womit wir uns bereits außerhalb unserer Landesgrenzen befinden. Genauer in Salzburg, bei den Festspielen. Im Gegensatz zu Bayreuth, wo die vokale Qualität in den letzten Jahren doch häufig sehr zu beklagen war (Ausnahmen wie Jonas Kaufmann als Lohengrin bestätigen die Regel), setzen die Festspiele an der Salzach neben prominenten und manchmal auch provokanten Regienamen vor allem auch und gerade auf sängerisches Höchstniveau. Im wörtlichen Sinne kann man dies von Mojca Erdmann sagen. Sie sang in der Uraufführung der Opernfantasie »Dionysos« von Wolfgang Rihm die Ariadne. Und nicht nur den Helden »N.« (alias Friedrich Nietzsche und ein paar andere Figuren der Weltgeschichte) umgarnte sie mit ihrem Sopran, sondern auch uns, die unbeteiligten und dennoch hingerissenen Zuhörer. Der liebe Gott, er hat dieser jungen Dame anscheinend ein bisschen Manna auf ihr Haupt gestreut, so souverän meistert sie den Drahtseilakt in jenen Bereichen, wo andere Sänger ein Leben lang nicht hingelangen. Auch ihre Mitstreiter, Johannes Martin Kränzle als »N.« und Matthias Klink (»Ein Gast«, den wir unschwer als Apollon-Figur ausmachen konnten), wussten über die Maßen zu gefallen. Eine grandiose Vorstellung bot dort auch Patricia Petibon als Lulu in der dramaturgisch gut aufbereiteten, letztlich aber zu wenig fiebrig-rauschhaften Inszenierung von Vera Nemirova im abstrakt-modernen Bühnenbild des Malers Daniel Richter. Musste man sich anfangs noch darum sorgen, ob sie in der Felsenreitschule bestehen könnte, steigerte sich die Sopranistin zu einer packenden, äußerst nuancierten Darstellung – und das nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch. Ein wahres Bühnentier ist diese Petibon, und damit für die Rolle der Lulu allerbestens geeignet. Hätten die Götter es gehört, wohl kaum hätten sie zugelassen, dass Lulu am Ende ermordet wird. Andererseits wurde sie von einem Sänger ermordet, der seinerseits – neben dem formidablen Christian Gerhaher – zu den besten Baritonen unserer Zeit gehört. Michael Volle, das ist kaum mehr ein Geheimnis, verfügt über ein Organ, das sowohl äußerst warm timbriert ist, wie es ihm auch ermöglicht, flexibel, textverständlich und als Charakter überzeugend zu agieren. Kein Zweifel, der Mann wurde von den Musen geküsst.
Salzburg, das heuer sein 90-jähriges Bestehen feierte, war also ein Gewinn durch und durch. Doch es müssen ja nicht immer die großen Kunststätten sein, wo man Außerordentliches sieht und hört. Und so kamen wir in diesem Sommer eben auch nach Montepulciano, zum »Cantiere Internazionale d’Arte«, den einst Hans Werner Henze ins Leben rief, und der ein Prinzip verfolgt, das es in der kapitalistischen Welt eigentlich gar nicht geben darf. Sämtliche Künstler, die in dem schmucken toskanischen Dorf ihr Können zeigen, arbeiten ohne Gage. Man mag es kaum glauben, aber es ist die Wahrheit. Umso mehr rührte uns der Erfolg einer Produktion, die hoffentlich irgendwann auch in deutschen Landen zu sehen ist: Keith Warner inszenierte Benjamin Brittens Komische Oper »Albert Herring«. Er tat es mit so viel Humor, Esprit und Witz, dass wir nicht umhin konnten, den ganzen Abend entweder zu schmunzeln oder laut zu lachen. Herrlich, wie Warner seine Heimat aufs Korn nahm. Herrlich auch die Darsteller, alle, wie sie da waren. Bleibt eigentlich nur noch die eine Frage: ob wohl Sancta Cecilia einmal in ihrem Leben ... vielleicht, eventuell, für die gute Sache ...? Die Götter haben, wir sahen es, mit der Schulter gezuckt. In diesem Sinne, alles Gute bis zum nächsten Mal, Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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