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Julia Fischer

»Ich bin, wie ich bin«

Selten gab’s so viele Neuaufnahmen von Paganinis meist als reines Virtuosenfutter verschrienen Capricen. Die Geigerin Julia Fischer findet in ihnen vor allem emotionale, genießerische Momente. Robert Fraunholzer sprach mit ihr über Image, Unordnung und frühes Leid.

RONDO: Frau Fischer, Ihre Mutter kommt aus Kroatien. Was ist osteuropäisch an Ihnen?

Julia Fischer: Ich spreche Slowakisch. Und bin eine deutsch-slawische Mischung. Vielleicht merkt man es daran, dass ich ein bisschen unordentlich bin. Ich renne nicht alle Nase lang zum Geigenbauer, um das Instrument putzen und die Saiten wechseln zu lassen.

RONDO: In diesem Interview, haben Sie ausrichten lassen, wollen Sie nicht über Mann und Kind sprechen.

Fischer: Stimmt. Ich hoffe, dass die Journalisten deswegen mit mir sprechen wollen, weil ich Geigerin, nicht weil ich Mutter bin. Es geht mir allerdings nicht darum, zu verschweigen, dass ich einen Sohn habe und darüber sehr glücklich bin.

RONDO: Was halten Sie vom Image eines Klassikkünstlers?

Fischer: Ich glaube nicht daran. Ich bin, wie ich bin, wenn das jemandem nicht passt, dann ist es auch gut. Ich glaube, authentisch zu sein, ist sehr viel wichtiger, als ein Image zu kreieren.

RONDO: Ihr Image war bisher das der »jüngsten Professorin Deutschlands«. Das wird man so schnell nicht wieder los, oder?

Fischer: Doch. Ich gehe nicht mit einem Image, sondern mit Mozart auf die Bühne. Ich spiele ihn, weil ich glaube, dass das entsprechende Werk das Leben der Zuhörer bereichern wird. Wenn ich mich selbst darstellen wollte, hätte ich ja auch Model werden können.

RONDO: Wollten Sie mal?

Fischer: Um Gottes willen. Bei mir kommt es auf ganz andere Dinge an. Nehmen wir den ersten Satz des Beethoven-Violinkonzerts. Da ist die Grundfrage: Möchte ich es als klassisches oder romantisches Violinkonzert spielen? Beide Ansichten sind richtig. Das spiegelt sich dann im schnelleren Tempo. Heifetz spielt es in 19 Minuten. Anne-Sophie Mutter unter Karajan in 27.

RONDO: Was machen Sie, wenn ein Dirigent anderer Auffassung ist?

Fischer: Ich sehe Beethoven eher als klassischen Komponisten, hatte aber schon romantische Aufführungen, die mich selbst überzeugt haben. Die extremste, langsamste und klangsatteste war die unter Lorin Maazel. Das bedeutet nicht, dass immer der Dirigent das Sagen hat.

RONDO: Was machen Sie, wenn die Proben ausfallen?

Fischer: Das ist mir schon mal in Zürich mit dem Dirigenten David Zinman passiert. Ich kam direkt vom Flughafen, um für Christian Tetzlaff einzuspringen. Nur eine halbe Stunde Zeit. Das sind Situationen ohne Garantie und doppelten Boden. Interessanterweise wurde es ein fantastisches Konzert.

RONDO: Christian Tetzlaff und Sie, das sind aber auch keine inkompatiblen Größen, oder?

Fischer: Ich glaube, da würden wir Ihnen beide widersprechen. Es muss für das Zürcher Orchester ein ziemlicher Schock gewesen sein. Ich glaube, Tetzlaff ist viel intellektueller als ich.

RONDO: Sind die Belastungen im Laufe Ihrer Karriere für Sie größer geworden – oder kleiner?

Fischer: Kleiner. Mit 18 sagt man sich ständig: Ach, dieses Konzert mach ich noch ... Man schlägt nichts aus. Ich bin heute viel gelassener, ein Konzert nicht anzunehmen, weil ich Zeit zum Urlaubmachen brauche. Ich bin erst 26, kann aber trotzdem schon auf 15 Jahre Berufserfahrung zurückblicken.

RONDO: Liegt im frühen Anfangen auch eine Gefahr?

Fischer: Absolut. Die Gefahr besteht darin, dass man zu früh zu viel gibt. Und zu wenig bekommt. Zum Beispiel Zeit für sich selbst und Input von anderen Musikern. Vergleichen Sie es mit einem Geiger wie David Oistrach: Er war mit 30 Jahren noch beinahe unbekannt und musikalisch keineswegs ganz reif.

RONDO: Beneidenswert?

Fischer: Ja. Weil man damals noch Zeit zugebilligt bekam, um zu lernen. Noch dramatischer als bei den Geigern finde ich es bei den Pianisten. Man kann doch mit 20 Jahren nicht alles studiert haben!

RONDO: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Fischer: Bis ich 19 war, habe ich maximal 40 Konzerte im Jahr gespielt. Das klingt viel, aber heutzutage ist das nichts. Meine erste CD habe ich mit 21 aufgenommen. Vergleichsweise spät. Und das bei einer kleineren Firma, wo ich nicht den Trends hinterherlaufen musste.

RONDO: Paganinis Capricen, die Sie auf Ihrer neuen CD eingespielt haben, gelten oft als bloßes Virtuosenfutter. Für Sie nicht?

Fischer: Bloß nicht! Man unterschätzt Paganini, der immerhin Liszt, Schumann und Brahms stark beeinflusst hat, und zwar nicht durch pures Virtuosentum. Das sind traumhaft schöne und sehr erfindungsfreudige Stücke. Das Flageolet geht ja auf Paganini zurück. Ebenso das Linke-Hand-Vibrato und das Themen-Spielen auf einer Seite. Und dann gibt es eine emotionale Komponente: das genießerische Moment dieser Musik. Er war wirklich ein revolutionärer Komponist.

Neu erschienen:

Niccolo Paganini

24 Capricen

Julia Fischer

Decca/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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