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Das Label Channel Classics

Ein Amerikaner in Amsterdam

Ob Bachs Cellosuiten mit Pieter Wispelwey, Hans Krásas Kinderoper »Brundibar« oder Frank Zappa in Bläserarrangements – wer im CD-Sortiment von Channel Classics stöbert, bekommt nichts von der Stange, sondern Handverlesenes. Aus Anlass des 20. Geburtstags dieses niederländischen Labels sprach Guido Fischer mit dem Gründer, Direktor, Produzent und Toningenieur Jared Sacks.

Ein Koffer und sein Bluegrass-Banjo – das war alles, was Jared Sacks unter dem Arm hatte, als er den großen Sprung wagte. Raus aus dem reichlich langweiligen Oberlin (Ohio), wo er am örtlichen Konservatorium studiert hatte. Und rüber nach Europa, in die Niederlande. 35 Jahre ist das schon her. Damals hätte Sacks es sich wohl nicht träumen lassen, dass der Abenteuertrip mal in einer Erfolgsgeschichte enden würde. Denn inzwischen gehört er zu den vielleicht fünf Wagemutigen in der Branche, die in bester Einzelkämpfermanier ihr CD-Label auf dem Klassikmarkt etabliert haben. Wie etwa der Kollege Manfred Eicher von E CM oder Carlos Céster von Glossa hat Jared Sacks von Beginn an vorbildliche Zeichen mit seiner Labelpolitik gesetzt. »Lediglich eine Aufnahme zu betreuen und dann das Artwork der CD zu gestalten, war mir immer zu wenig. Meine Arbeit speist sich aus der Perspektive eines Musikers, der ich ja vorher als Profi-Hornist war. So ist auch die enge Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Künstler vom Anfang bis zum Ende eines Projekts meine eigentliche Philosophie.«
Seit der Gründung seines Channel-Classics-Labels vor genau 20 Jahren ist so ein enger Sacks-Clan aus Musikern entstanden, der gerade auf dem Gebiet des wohlinformierten Originalsounds für frischen Wind gesorgt hat – nicht nur in der Alte-Musik-Szene mit Bestsellern wie den Vivaldi-Concerti »La Stravaganza« mit Rachel Podger. Gleich im ersten Jahr begann Sacks mit Jos van Immerseel und seinem Orchester Anima Eterna die längst als Aufnahmeklassiker gehandelte Gesamteinspielung aller Mozart-Klavierkonzerte – auf einem Fortepiano! Wenngleich Immerseel mittlerweile die Labelseiten gewechselt hat, so sind doch seine Einspielungen bis heute eine wichtige Säule im Channel-Katalog geblieben. Wie etwa die allererste Aufnahme überhaupt, mit der das in der Amsterdamer Kanaalstraat beheimatete Sacks-Office seine Tore öffnete. Es war Schuberts »Winterreise« mit Max van Egmond und eben Immerseel. »Ich kann mich noch allzu gut daran erinnern«, so Sacks, »wie ich sofort in einen CD- Laden ging, um zu gucken, ob und wie sich die Scheibe verkauft. Die Vorstellung, dass Menschen eine CD kaufen, mag heute für manche etwas komisch klingen – wie beispielsweise für meinen 15-jährigen Sohn. Aber 1990 stand das Physische einer CD auch noch für Qualität.« Und an diesem Qualitätsmerkmal hält der aus Boston stammende Sacks unvermindert fest.
Zwar wird er jetzt die CD-Produktion von bisher 16 Titeln im Jahr auf rund ein Dutzend runterfahren, um sich mit den einzelnen Musikern noch intensiver beschäftigen und austauschen zu können. Aber allein an dem akustischen Rundum-Erlebnis in Form von Hybrid-SACDs wird nicht gerüttelt. »Obwohl die Technik im Allgemeinen ja in Riesenschritten voranschreitet, ist die akustische Qualität, in der Menschen vorwiegend Musik hören, eher zurückgegangen. Glücklicherweise gibt es aber noch genügend Hörer, die das Klangniveau einer SACD zu schätzen wissen.« Hinter seinen HiFi-Genüssen können sich einerseits bestens vertraute Barockwerke, aber genauso gut Komponisten verbergen, deren Schaffen sich zu entdecken lohnt. Von Schreker, Elgar und Respighi liegt bei Channes Classics beispielsweise das komplette Liedwerk vor. Und der Dirigent Werner Herbers fördert mit seiner Ebony Band No-Names auch aus der klassischen Moderne Polens zutage. Da aber Sacks’ Credo lautet, dass die Musik sich in einem ständigen Fluss befinden muss, hält die Zukunft bereits einige Überraschungen parat. Ivan Fischer wird sich mit dem Budapest Festival Orchestra in die Allzeit-Hits von Strawinski werfen. Und wer hat schon Chorwerke des Schweden Sven-David Sandström im CD-Regal?

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach

Violinkonzerte

Rachel Podger, Brecon Baroque

Channel Classics

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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