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Vittorio Grigolo

Grigolo, The Gigolo

Vittorio Grigolo gilt als aktuellster Tenorschwarm in der Nachfolge von Rolando Villazón. Geschickt weiß der Italiener, sein Draufgängertum hinter Geschmeidigkeit und vokalem Feinsinn zu verbergen. Robert Fraunholzer traf ihn nach der bejubelten »Manon«-Premiere an der Seite von Anna Netrebko in seiner Londoner Garderobe und plauderte über Selbstkritik, Killerpartien und kussfrischen Atem.

Ein Interview direkt nach der Vorstellung? Kein Problem. Machohaft hingegossen, ausgepowert und hungrig, aber den Karamell-Teint schon wieder kokett hinter einer Flieger-Sonnenbrille abschirmend, empfängt uns Vittorio Grigolo in seiner Garderobe im Londoner Opernhaus Covent Garden. Grigolo gilt als aktuellster Tenor-Schwarm in der Nachfolge von Rolando Villazón (von dem er einige Termine geerbt hat). An der Seite von Anna Netrebko konnte er vor wenigen Minuten einen wirklichen Triumph in Massenets »Manon« für sich verbuchen. Neben dem 33-Jährigen sitzen seine Lebenspartnerin und eine Managerin samt Kind. Sie bleiben auch beim Interview vorsichtshalber dabei. Dem Italiener wäre die eine oder andere Tenorschwäche, sogar erotischer Natur, notfalls zuzutrauen. Und man muss es ja nicht unbedingt herausfordern. Der Industriellensohn wirkt auf der Bühne zart bis schmächtig. Sieht man ihn selbst vor sich, so erschrickt man über das Draufgängerische eines Mannes, in dem man auch einen Cannelloni-Bäcker nach Feierabend vermuten könnte. Dabei liegt der Fall komplizierter. Die ersten Noten von Nemorinos Arie »Una furtiva lagrima« (aus »Der Liebestrank«) schluchzt er auf seinem neuen Album gleichsam innerlich – mit deliziös zusammengepresstem Ton. Wundervoll. In »Che gelida manina« (»La B ohème«) zeigt er sich als empfindsamer Zauderer. Den Cavaradossi in »Tosca« – vom Orchestra del Teatro Regio di Parma unter Pier Giorgio Morandi leider allzu temperamentlos begleitet – gibt er als sensiblen Frauenversteher und Schöngeist.
Was für ein merkwürdiger Widerspruch zur nassforschen Performance backstage. Er kann ihn aufklären. Ungefragt kommt Grigolo auf seine unverbrauchte »Jugend« und seine »Frische« zu sprechen, mit der er jede Rolle angehe. Gerade beginnt man um den Intelligenzgrad des jungen Sängers zu fürchten, dem das Herz offenbar auf der Zunge liegt. Und fragt nur der Ordnung halber noch einmal nach, worin denn Jugend und Frische bei ihm bestehen. Da platzt es witzig aus ihm heraus: »Ich dusche täglich und habe immer einen frischen Atem.« Zack! Der Mann ist anscheinend doch nicht zu sehr auf die leichte Schulter zu nehmen. »Bühnenpartnerinnen mussten sich bei Kuss-Szenen noch nie über mich beschweren«, präzisiert er und versteht es, sich ohne zu lachen über sich selbst lustig zu machen. Als Knaben-Alt wurde Grigolo im Alter von 13 Jahren von niemand Geringerem als Luciano Pavarotti gefördert und entdeckt – bei einer »Tosca«- Aufführung, wo er den Hirtenknaben sang. »Ich habe später den Rodolfo in La Bohème mit Pavarotti studiert. Unvergesslich!« Als Sohn eines glücklosen Erfinders wuchs Grigolo, der in Arezzo geboren wurde, in Rom auf – unter Existenzsorgen, die bei ihm in geschäftlichen Eifer umschlugen. »Ich lerne jährlich sechs neue Rollen und bin zuweilen fünf Mal pro Woche aufgetreten.« Der Mann schont sich nicht, will den Otello von Verdi und Manrico im »Trovatore« singen – beides Killerpartien. »Wenn man es mit der eigenen Stimme singt und nicht nur einem ausgedachten Ideal blind nacheifert, ist nichts zu schwer«, meint er. Seine Verehrung gilt solchen Sängern, »die ihre Grenzen kannten«: Beniamino Gigli, Miguel Fleta, Giuseppe di Stefano. »Wäre ich nicht sehr selbstkritisch mit mir, hätte ich den heutigen Tag sicherlich nicht erlebt – und den morgigen erst recht nicht.« Es habe schon Rollen gegeben, zum Beispiel Don Carlo in Verdis gleichnamiger Oper, die er wieder abgegeben habe. »Mein Körper war noch nicht reif dafür.«

Auf sein erstes Album hat er »ein Leben lang gewartet«

Gegenüber Dirigenten bleibt er misstrauisch. »Das Orchester ist das Auto, der Dirigent der Fahrer. Aber die Stimme des Sängers bleibt der Motor«, so Grigolo. Mit Weisheiten wie diesen will er vermeiden, in dieselbe Falle zu gehen wie zuvor Villazón. Dessen Gesangszukunft ist nach Zwangspausen und einer Knötchenoperation aktuell ungeklärter denn je. Wer die Termine füllen soll, die durch Villazóns Ausfall an diversen Opernhäusern entstanden sind, bereitet derzeit diversen Besetzungschefs schlaflose Nächte. Auf sein erstes Album hat er »ein Leben lang gewartet«, wie er sagt. Da ist er wieder, der leicht forcierte Gigolo-Ton, bei dem der Sänger charmant über sich selbst grinst. Mit Villazón verbindet ihn übrigens nicht nur das Image des tenoralen Latinlovers. Beide sind passionierte Leseratten. »Homer und Catull«, antwortet Grigolo unumwunden auf die Frage nach seinen Lieblingsautoren. »Beide finde ich sehr sexy.« Sonst liebt er zu kochen – besonders, wenn es darum geht, »aus nichts etwas zu machen.« Zu zaubern also.
Dass Vittorio Grigolo eine gloriose Zukunft bevorstehen könnte, zeigt nicht nur das souverän bewältigte Pensum seiner neuen CD: zwischen Puccinis »Gianni Schicchi« und »Manon Lescaut«, Verdis verführerischem »Rigoletto«-Herzog und »Maskenball«. Aufgelockert wird das Ganze durch Donizettis fein abgeschmeckten »Liebestrank« und »La Favorita«. Sein feingeriffelter Rossini-Tenor (ein Komponist, der hier fehlt) stürzt sich dabei nicht einfach todesmutig in heldischere Italo-Regionen. In Zürich probierte er als Corsar und als Hoffmann bereits schwerere Kost aus. Warum bleibt er nicht doch bei Rossini, der seinem schlank geführten, in der Höhe widerstandsfähigem Tenor ideal liegt? »Wegen Juan Diego Flórez singe ich keinen Rossini mehr«, so Grigolo. »Er macht es einfach doch besser als alle Anderen.« Grigolo, der vom Pop und Crossover herkommt und sich nicht davon abhalten ließ, in heldische Tenorhöhen zu wachsen, ist der erste in einer Reihe möglicher Villazón-Nachfolger, der sein Draufgängertum auf der Bühne hinter Geschmeidigkeit und vokalem Feinsinn zu verbergen weiß. Zumindest eines scheint sicher: Ein vokal kussfrischerer Tenor ist derzeit nicht zu haben.

Neu erschienen:

The Italian Tenor

Vittorio Grigolo,Coro e Orchestra del Teatro Regio di Parma, Pier Giorgio Morandi

Sony


Wer wird der neue Villazón? - Sieben gegen Grigolo

Schmelzende Pausbäckchen: Piotr Beczala. – Sein harmloses Aussehen war ihm bisher eher hinderlich. Doch stimmlich hat sich der polnische Lyriker unter den Tenören gut entwickelt. In seiner Nische der Größte.
Der Dandy: Pavol Breslik. – Wie alle (außer Jonas Kaufmann) kommt auch er aus dem eher leichten Fach. Der geborene Slowake gilt als Geheimtipp – von den CD-Firmen bislang unentdeckt.
Noch ein Mexikaner: Javier Camarena. – Als Rossini-Spezialist steht er im Schatten des bedeutenderen Juan Diego Flórez. Doch wer weiß? Der Schüler von Francisco Araiza hat Zeit – und gute Verbindungen. Singender Thorax: Charles Castronovo. – Gern singt er mit freiem Oberkörper und hat Haare auf der Brust. Bedeutet nichts? Von wegen! Auch vokal geht’s bei dem 35-Jährigen flott bergauf. Der Favorit! Lockiger Beau: Joseph Kaiser. – Der Amerikaner sieht aus wie aus dem »Playgirl«-Magazin. In Salzburg vertrat er Villazón als Lensky. Nicht sehr temperamentvoll. Doch sehr verständnisvoll.
Nie ohne Dreitage-Bart: Jonas Kaufmann. – Fast schon ein Altvater der jüngeren Generation, besitzt der 41-jährige Münchner längst Starstatus. Von Mozart bis Wagner lässt er nichts aus. Folge: Er hat vieles schon hinter sich.
Russische Seele: Daniil Shtoda. – In seiner Muttersprache wunderbar, leidet das ehemalige Wunderkind zuweilen unter unsicheren Höhen und einem Nachtkästchen-Temperament. Diagnose: Italien-inkompatibel.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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