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Musikstadt

Brüssel

Mehr als Atomium und Manneken Pis: Gerade haben Deutschlands Opernkritiker den Brüsseler »Macbeth« zur besten Produktion der letzten Saison gewählt. Anlass für Jörg Königsdorf, die Klassikszene der belgischen Hauptstadt zu erforschen.

Die große Stunde des Brüsseler Musiklebens schlug am 25. August 1831. Eine Vorstellung von Aubers Revolutionsoper »Die Stumme von Portici« im Théâtre de la Monnaie brachte das Publikum so in Rage, dass es im Anschluss auf die Straße lief und kurzerhand selbst einen Aufstand gegen die niederländische Regierung anzettelte, der bald darauf zur Gründung des Königreichs Belgien führen sollte. So erzählen es jedenfalls die Geschichtsbücher. Aber selbst wenn damals in Wirklichkeit noch ein paar andere Faktoren mit im Spiel gewesen sein sollten, macht die Geschichte natürlich neugierig. Ob die Brüsseler sich wohl immer noch so für Oper begeistern könnten? Grund dazu hätten sie jedenfalls: Zwar ist ihr nach der alten Münze benanntes La Monnaie nicht so berühmt wie die Opernhäuser in Paris, London und Mailand, gehört aber derzeit zu den spannendsten der Welt.
Was schon mit dem Haus selbst beginnt, das zwar nicht mehr das Gebäude ist, in dem die belgische Revolution begann, aber ein Juwel aus dem 19. Jahrhundert. In seiner Goldfarbenund Freskenpracht lässt der 1855 eröffnete Bau noch den Glanz des Belgien der Belle Epoque spüren – dass inzwischen auch die Technik für moderne Inszenierungen vorhanden ist, hat der Atmosphäre zum Glück kaum geschadet. Noch immer ist La Monnaie der Big Player der Brüsseler Klassikszene: Die Abschlussproduktion der letzten Spielzeit beispielsweise, der »Macbeth « des polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski, geriet so furios, dass Deutschlands Opernkritiker sie zur »Aufführung des Jahres« wählten.
Und auch mit der neuen Premiere, Janáčeks »Katja Kabanova«, bleibt das Haus auf Erfolgskurs: Schauspiel- Altmeisterin Andrea Breth und Bayreuth-Brünnhilde Evelyn Herlitzius loten die Kaufmannsfrauen- Tragödie bis in den letzten Seelenwinkel aus und sorgen für einen ergreifenden Opernabend, wie man ihn auch an großen Häusern nur selten erlebt. Moderne Regisseure und erstklassige Sänger, sowie ein Stagione-System, das die volle Konzentration auf die jeweils neue Produktion ermöglicht – das ist das Erfolgsrezept, das nach seinen Vorgängern Gérard Mortier und Bernard Foccroulle auch Intendant Pieter de Caluwe befolgt. Und natürlich einen Ausgleich zwischen dem französischen und dem deutsch-niederländischen Geschmack in Sachen Oper, denn der Nationalitätenkonflikt, der das Land immer wieder an den Rand der Spaltung bringt, schlägt sich an Brüssels Oper nicht nur in zweisprachigen Übertiteln und Programmheften, sondern natürlich auch in Spielplandiplomatie nieder. Auf der einen Seite Breth und die Choreografin Anna Teresa de Keersmaker, auf der anderen die von den Franzosen heißgeliebte Sasha Waltz und der französische Regieprovokateur Olivier Py – Caluwe achtet genau darauf, dass in der Hauptstadt weder der flämische noch der frankofone Bevölkerungsteil zu kurz kommt.
Dass Brüssel ziemlich genau auf der Grenze zwischen diesen beiden Kulturkreisen liegt, prägt natürlich auch die musikalische Geschichte der Stadt: Hier die niederländische Chor- und deutsche Orchesterkultur, dort die Leidenschaft für die ’art lyrique’ – Brüssel war immer der Platz, wo sich diese Einflüsse begegnen konnten und beispielsweise eine Oper wie Massenets »Werther«, die in Frankreich als zu deutsch (und in Deutschland als zu französisch) abgelehnt wurde, uraufgeführt werden konnte.

"Brüssel war immer der Platz, wo sich die Einflüsse begegnen konnten"

»Die Brüsseler sprechen nicht nur in der Regel mehrere Sprachen, in ihrem Charakter kommen deutscher Tiefsinn und französische Eleganz zusammen. Das sind für Musiker ideale Grundvoraussetzungen.« So beschreibt es Peter van Heyghen, der Leiter des Brüsseler Barockorchesters Les Muffatti. Wenn sein Orchester Bach spiele, würde man die französischen Einflüsse in der Musik des Thomaskantors hören, während die Muffatti – die in der Stammbesetzung immerhin zu 80 Prozent aus echten Brüsselern bestehen – andererseits bei französischer und italienischer Musik eher ein Ohr für polyphone Strukturen besäßen. Kein Wunder, dass die Muffatti sich bisher auf CD vor allem mit Werken des so genannten ’vermischten Geschmacks’ präsentiert haben. Mit Werken der Barockmeister Muffat und Pez, in denen französische, italienische und deutsche Merkmale verschmelzen. Die erst vor sechs Jahren gegründeten Muffatti sind Brüssels einziges Originalklang-Ensemble – bis heute wird der kontinuierlich steigende Bedarf an Alter Musik vor allem durch Ensembles aus anderen Städten gedeckt: Im kleinen Belgien sind die Wege nun mal kurz, und beispielsweise Philippe Herreweghes Genter Collegium Vocale und Sigiswald Kuijkens im nahen Löwen beheimatete Petite Bande schauen regelmäßig zu Konzerten in der Hauptstadt vorbei.
Meist im Bozar, dem großen Kunst- und Konzertzentrum und neben La Monnaie der zweiten großen Anlaufstelle der Klassikmetropole Brüssel. Das mit acht Stockwerken direkt in den steil hinter dem Hauptbahnhof aufragenden Mont des Arts hineingebaute Gebäude ist das späte Meisterwerk von Brüssels berühmtem Jugendstil- Architekten Victor Horta und hat neben Räumlichkeiten für Kunstausstellungen auch mehrere Konzertsäle, dessen größter über 2.000 Besucher fasst.
Das belgische Nationalorchester ist hier zu Hause, die Gastspiele der großen Orchester finden hier statt und vor allem ist der große Konzertsaal des Bozar – oder Palais des Beaux Arts, so der ursprüngliche Name – jedes Jahr im Mai Schauplatz des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs. In dreijährigem Turnus findet der Wettbewerb jeweils in den Disziplinen Klavier, Violine und Gesang statt, und wer die Stars von morgen hören will, tut gut daran, sich rechtzeitig um Karten für das Finale zu bemühen. Denn schon die Liste der Preisträger ist ein Who is who der Klassikszene: Leon Fleisher und Vladimir Ashkenazy, Gidon Kremer und Vadim Repin gehören dazu, und allein in den letzten zehn Jahren sind Namen wie Baiba Skride, Nikolai Znaider und Marie-Nicole Lemieux dazugekommen. Und obwohl es in 59 Jahren Wettbewerbsgeschichte noch kein Belgier auf den ersten Platz geschafft hat, fiebert die Nation mit, wenn es an die Preise geht: Schon das Halbfinale wird – für einen Wettbewerb ist das weltweit vermutlich einzigartig – live im Rundfunk übertragen, und bei den sechs Finalabenden zeigen die Brüsseler regelmäßig, dass ihnen in puncto Begeisterungsfähigkeit keiner etwas vormacht. Heute ebenso wenig wie anno 1831.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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