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Vokalfantasmagorie auf Goldgrund: Rihms "Die Eroberung von Mexico"

Madrid (ES), Teatro Real

„Die Eroberung von Mexico“, Wolfgang Rihms sechstes Bühnenwerk, uraufgeführt 1992, jetzt am Teatro Real in Madrid neuerlich gespielt, hat nichts von seiner gleißenden Härte, seiner bruitistischen Gewalt, aber auch seiner mystischen Sinnlichkeit verloren. Nach anfänglichen Perkussionswirbeln und hohlen Quinten wandelt die „Melodie einer Landschaft, die das Gewitter kommen spürt“ durch die vier, im Graben und im Raum verteilten Orchestergruppen – was der argentinische Dirigent Alejo Pérez so faszinierend traumsicher wie klangmagisch beherrscht. So entwickelt sich eine Klanggetöse-Kantate, die mehr Oratorium ist als handfestes Drama.
Unter Verwendung von Antonin Artauds gleichnamigem Dramenentwurf, seinem „Seraphim- Theater“, einem Gedicht von Octavio Paz sowie altmexikanischen Gesängen halluzinierte Rihm den abstrakten, aber prototypischen Zusammenprall zweier einander sehr fremder Kulturen. Und obwohl hier der von einer Frau gesungene Priesterkönig Montezuma und der spanische Offizier Cortéz namentlich auftreten, ebenfalls die durch Tanz übersetzende Mestizen-Vermittlerin Malinche, geht es eher allegorisch um die Prinzipien von Anziehung und Abstoßung, Unterwerfung und Machtmissbrauch. Was in eine offene, liebestodähnliche Vereinigung der Protagonisten mündet.
Wo Rihm offen und exemplarisch bleibt, da versucht der Regisseur Pierre Audi etwas zu erzählen ohne konkret zu werden. Alexander Polzin schuf eine bunte Bühne mit einem Paul-Klee-Stadtprospekt, einer Erhebung im Graben, so wie das aztekische Tenochtitlán einst in einem See lag.
Der von Wojciech Dziedzic mit Plateausohlen, Schlangenhelm und Goldstola ausstaffierte Montezuma der lauten, herrischen Nadja Michael sieht aus wie eine Mischung aus Anita Berber, Björk und unter den Rasenmäher gekommener Gisela Elsner. Der Cortéz des manisch-martialischen Georg Nigl ähnelt dem Vampirjäger van Helsing.
Lauter Opernuntote irren hier herum. Das sieht allerdings sehr manierlich aufgeräumt aus, schrammt sogar hart am heiligen Kitsch vorbei. Ist aber ein prima Goldgrund für Wolfgang Rihms betörend flüsternde, knallig aufkreischende Instrumental- wie Vokalfantasmagorie.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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