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Früher waren sie nur die Austragungsorte, heute emanzipieren sich die Städte und ihre Opernhäuser und werden zum bestimmenden Marketingfaktor. Sprach man einst vom „Karajan-Ring“ oder vom „SoltiRing“, prangt heute „Der Frankfurter Ring“ und „The Colón Ring“ auf dem Cover.

Am Main begann man im Mai 2010 am „Ring“ zu schmieden, ganz traditionell mit dem „Rheingold“ beginnend und mit der „Götterdämmerung“ abschließend. Im Juni 2012 hievte man dann die vollständige Tetralogie zweimal auf die Bühne der Oper Frankfurt, um sie auch für eine DVD-Veröffentlichung festzuhalten, nachdem die einzelnen Abende zuvor schon auf CD erschienen waren.
Regisseurin Vera Nemirova und Bühnenbildner Jens Kilian lassen alle vier Teile auf einer Weltenscheibe spielen, die sich aus vier einzeln beweglichen Ringen zusammensetzt. Diese Scheibe ist im „Rheingold“ in kosmischem Blau gehalten, in der „Walküre“ wird sie zu den braunen Jahresringen der Weltesche, für „Siegfried“ kann es natürlich nur waldgrün geben, und in der „Götterdämmerung“ steht metallisches Grau für die Endzeit-Machtkämpfe. Diese szenische Reduktion wird nicht immer von einer ausreichend profilierten Personenregie unterstützt, doch entstehen an den ersten beiden Abenden wiederholt überzeugende Bilder, besonders gut gelingt „Die Walküre“, leider folgt darauf ein uninspirierter, schlicht langweiliger „Siegfried“.
Musikalisch hält GMD Sebastian Weigle das Ruder sicher und souverän in der Hand. Bedenkt man, dass es sein erster „Ring“ ist, kann man nur den Hut ziehen. Auch sängerisch gibt es viel Bemerkenswertes, die Palme gebührt dem beeindruckenden Wotan von Terje Stensvold, doch auch in den anderen großen Rollen ist man in Frankfurt international konkurrenzfähig. (8 DVDs, Oehms Classics/Naxos)

Auch in Buenos Aires trägt eine Frau die Regieverantwortung, damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Denn am Teatro Colón hat man sich für eine Listener’s Digest-Fassung entschieden und Wagners Opus magnum auf 6 ¼ Stunden eingedampft. Und das funktioniert hervorragend. Natürlich muss man auf einige musikalische Lieblingsstellen verzichten, dramaturgisch jedoch gibt es keine Lücken oder Inkohärenzen. Man könnte glatt zum Ketzer werden und sich diese Version öfter wünschen. Denn es hat schon etwas Bezwingendes, wenn der „Ring“ stringent an einem Abend abläuft. Zumal Valentina Carrasco durch die Verlegung der Handlung ins Argentinien der Militärdiktatur der 70er-Jahre ungemein markante, einprägsame Bilder erschafft, die man in dieser Nachdrücklichkeit und Intensität in Frankfurt vermisst.
Das hat allerdings eine musikalische Schattenseite. Roberto Paternostro führt nach geradezu übermenschlicher Probenanstrengung das Colón-Orchester zwar zu einer beachtlichen Leistung, doch muss man bei den Sängern deutliche Abstriche machen. Bei einer „Walküre“-Gesamtdauer von knapp zwei Stunden ist es aber zu verschmerzen, dass beispielsweise der seiner langen Reflektionen im 2. Akt beraubte Wotan von Jukka Rasilainen nicht gerade höchsten Ansprüchen genügt – zumal man dafür mit packendem, saftigem Musiktheater entschädigt wird.
Dass diese Produktion überhaupt das Licht der Colón-Bühne erblickt hat, kommt schon fast einem Wunder gleich, wie man in einer wirklich interessanten eineinhalbstündigen Dokumentation erfährt. Für dieses Wunder aber kann man nur dankbar sein. (3 Blu-rays oder 5 DVDs, C Major/Naxos)

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 5 / 2013



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