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(c) Jason Bell

Vittorio Grigòlo

Sonntagssänger

Auf seinem neuen Album erkundet Vittorio Grigòlo die Welt des Sakro-­Kitsch.

Herr Grigòlo, während die meisten Tenöre heute schwerere, gefährlichere Sachen bevorzugen, wird Ihr Repertoire immer leichter. Richtig?

Vittorio Grigòlo: Danke, dass Sie das sagen. Denn es ist die Wahrheit. Ich werde Ihnen auch den Grund nennen: Ich will länger singen können. Noch nicht aufhören. Wir haben heutzutage wenig genug gute Stimmen. Ich bin ein lyrischer Tenor und muss aufpassen, nicht gleich von „La Bohème“ zum „Maskenball“ oder von „Werther“ zu „Forza del destino“ fortzuschreiten – so wie das heute üblich ist. Das ist nämlich gefährlich.

RONDO: Hat der Fall von Rolando Villazón Sie so vorsichtig gemacht?

Grigòlo: Nein, ich wurde noch nie gepusht von meinen Agenten und habe immer meinem Lehrer Danilo Rigosa vertraut. Ihn zu finden war das Wichtigste in meinem Leben. Ich war damals erst 16 und lernte ihn durch eine Cousine von mir kennen. Als ich dann anfing, Rossini zu singen, war er es, der mir abriet. Rossini ist wirklich nichts für mich. Mir liegen mehr leidenschaftliche und auch heroische Partien. Ich bin ein heiß temperierter Italiener.

RONDO: Und doch kein Macho-Tenor!?

Grigòlo: Ich habe keinen Macho-, sondern einen Moskito-Tenor! Für Bellini, Donizetti, aber nur für wenig Verdi bin ich geeignet. Aber als mir 2003 Franco Zeffirelli den Alfredo in „La traviata“ anbot, merkte ich rasch, das ist viel zu früh. Die Stimme brach nach beiden Seiten weg.

RONDO: Die religiösen Titel auf Ihrer neuen CD klingen weich und machen fast den Eindruck, populär zu sein? Liegt das an Italien?

Grigòlo: Absolut. Die Tradition, aus der diese Titel kommen, ist in vielen Fällen nicht alt. Die Titel wollen populär sein, und das liegt daran, dass die Komponisten, die ich zum Teil noch selbst kennenlernen konnte, Leute aus der Praxis waren – aus der Kirchenpraxis. Sie schrieben nicht für Spezialisten, sondern wollten, dass man ihren Melodien folgen kann. Das ist ihnen auch gelungen.

RONDO: Domenico Bartolucci, der mit einem Lied vertreten ist, war einer Ihrer Lehrer. Sie kehren also hier zu Ihrer Kindheit zurück?

Grigòlo: Ja, als ich Kind war, sang ich jede Woche im Vatikan. Die Schule, auf die ich ging, gehörte zum Vatikanstaat. Wir sangen sonntags die Messe in der Sixtinischen Kapelle. Es kam vor, dass ich dem Papst vorsang, während ihm der Kaffee gereicht wurde. Damals fühlte ich mich seltsam. In dem Aufzug, den wir tragen mussten, wurden wir von den Touristen angestarrt. Aber wir kamen uns auch irgendwie wichtig vor. Das ging zehn Jahre so, von vier bis 14. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, ich will hier nicht den ‚Vittorio-Code’ entschlüsseln! Es ist nur einfach Teil meiner Geschichte. Ich möchte mehr sein als nur ein Operntenor.

" Ich war nie der hard guy. Immer der soft guy. "

RONDO: Einigen Hörern in Deutschland könnte diese Musik kitschig vorkommen, oder?

Grigòlo: Ich kann nur sagen, dass diese Musik soft klingen muss. Und dass wir im Leben schon oft genug hart und unnachgiebig sind. Auch in der Oper muss ich immer den starken Mann mimen. Hier nicht. Das „Ingemisco“ aus Verdis „Requiem“ würde ich nie allzu stählern singen wollen. Sondern im Sinne von: „Gott, hilf mir!“

RONDO: Sind diese Lieder Ausdruck Ihrer echten religiösen Gefühle?

Grigòlo: Absolut. Als Kind habe ich zur Jungfrau gebetet – und auch zu ihr gesungen. Sie hat geantwortet. Dabei bin ich geblieben. Wir sind alle Sünder, oder? Beim Essen fängt es an. Und fordern Sie mich nicht auf zu sagen, wo es endet. Die Welt ist unsicher und ungewiss. Dass wir an irgendwas glauben müssen, scheint mir klar.

RONDO: Warum kehren Sie so früh zu Ihren biografischen Wurzeln zurück?

Grigòlo: Weil ich nicht weiß, was morgen ist. Mein Körper, meine Seele und meine Stimme sind reif wie ein Apfel, der vom Baum fällt. Und wer sagt mir, dass ich in ein paar Jahren noch so geduldig bin, mit den minderjährigen Jungs zusammenzuarbeiten, die auf der CD mitwirken und so schwer wie ein Sack Flöhe zusammenzuhalten waren? Hat sich gelohnt. Die Jungs sind super!

RONDO: Da Sie den Vatikan von innen kennen: Ist Ihnen die sogenannte „schwule Mafia“ begegnet, von welcher der neue Papst sprach?

Grigòlo: Mir nicht. Auf meiner Jungs-Schule waren die Priester, die uns betreuten, bereits um die 70. Sie blieben sehr für sich. Ich kann mir all das, ehrlich gesagt, nicht recht vorstellen. Aber wenn Sie darüber nachdenken: Eigentlich ist es doch so, wie wenn man eine Angel in einem Karpfenteich auswirft. Ich danke Gott, dass mir das erspart geblieben ist.

RONDO: In früheren Zeiten kamen zahllose große Tenöre aus Italien: Carlo Bergonzi, Franco Corelli, Mario del Monaco oder Luciano Pavarotti. Heute gibt es nur Sie, Massimo Giordano und wenige andere. Warum?

Grigòlo: Und Enrico Caruso nicht zu vergessen! Der Grund für die heutige Flaute: kein Geld. Und zu viel Ärger in Italien. In der Zeit, von der wir sprechen, war die italienische Oper ein musikalisches Zentrum. Beniamino Gigli war eine Art Robbie Williams seiner Zeit. Mir scheint es klar, dass jene Zeit mehr Talente hervorbringen konnte. Die Oper heute ist total unwichtig geworden. Freilich gibt es sie noch. Aber ein Star zu werden, ist sehr schwierig. Man braucht das Aussehen, das Charisma, die Stimme und gewisse Verbindungen. Nicht nur einen schönen Tenor.

RONDO: Das Aussehen und die Stimme des latin lovers haben Sie. Genießen Sie es?

Grigòlo: Glauben Sie wirklich, dass man ernst genommen wird in unserem Beruf ? Alles bloß Oberfläche! Ich bin gerade mitten in meiner Scheidung. Da fühlt man sich nicht als latin lover. Außerdem glaube ich, dass es nicht so sehr auf Äußerlichkeiten ankommt als auf die Signale, die man aussendet. Auf das Flirten. Und auf die Botschaft, dass man die anderen mag.

RONDO: Woher können Sie flirten?

Grigòlo: Das kann einem niemand beibringen. Ich habe schon als Schüler Gedichte an meine Klassen-Nachbarn geschrieben. Ich war nie der hard guy. Immer der soft guy. Ich fühle mich bis heute in der Rolle eines romantisch dekadenten Poeten, der ein bisschen aus der Zeit gefallen ist.

RONDO: Als Sie in Berlin den Echo überreicht bekamen, widmeten Sie ihn mit Tränen in den Augen Ihrem verstorbenen Kollegen Salvatore Licitra. Hatten Sie das geplant?

Grigòlo: Nein, es geschah spontan – und war authentisch. Ich hatte zuvor in der Garderobe einem Freund über das Licitra-Konzert in Tel Aviv berichtet, bei dem ich lange mit ihm zusammen war. Wir waren gemeinsam Hubschrauber geflogen und hatten wirklich Spaß. Ich neige sonst nicht zu Tränen. Aber auch Lucio Dalla war gestorben, mit dem ich gut befreundet war. Es hat mich halt überwältigt.

RONDO: Woher kommt neuerdings der Akzent auf dem „o“ in „Grigòlo“?

Grigòlo: Er war immer da. Mein Vater hat ihn draufgesetzt, damit der Name auf dem „o“ akzentuiert wird – und nicht auf dem i. Denn er kommt aus dem Deutschen: von Gregorius. Muss also, wie Sie wissen, hinten betont werden. Nicht vorne.

Giuseppe Verdi, César Franck u.a.

Ave Maria

Vittorio Grigolo, Orchestra Roma Sinfonietta, Fabio Cerroni

Sony


Ave, Vittorio!

Zum religiösen Schlager, vulgo: zum ‚Sakro-Kitsch‘ gehört mehr Mut als man denkt. Wer von den großen Sängern hätte schon gewagt, den Vatikan sozusagen durchs Kirchen-Fenster zu entern?! Mario Lanza kombinierte sein „Ave Maria“ mit sizilianischen Volks-Schmankerln. Jessye Norman verbrämte ihre „Geistlichen Lieder“ politisch korrekt mit Gospels und Spirituals. Und José Carreras aktivierte eigens die Wiener Sängerknaben, um keusch mit dem Tüchlein zu wedeln. Luciano Pavarotti „and Friends“ trauten sich nur im Star-Verein an die tropfheiße Ware. So gesehen zeigt sich Vittorio Grigòlo, indem er die weiche Tour ganz direkt fährt, erneut als der Beherztere.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2013



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