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Zugabe

Von der Hinterbühne berichtet Robert Fraunholzer.

Der italienische Maestro Riccardo Chailly hat sich in saftigen Worten von der Berufsauffassung heutiger Gesangsstars distanziert. »Was ich verabscheue, ist die Attitüde, sofort im großen Stil abkassieren zu wollen. Auch von Seiten der Opernhäuser, die den ›rising star‹ der jeweiligen Stunde im selben Augenblick hervorbringen und sich an ihm gesundstoßen wollen. Das ist pervers, ich hasse das«, sagte er der Tageszeitung Die Welt. »Nehmen Sie dagegen Sängerinnen früherer Generationen wie etwa Fiorenza Cossotto oder Giulietta Simionato. Tagsüber haben sie Carmen mit Tullio Serafin studiert, und abends ganz kleine Rollen gesungen. Zum Beispiel ›Un musico‹ in »Manon Lescaut«. Eineinhalb Minuten! So ging es jahrelang.«
Renée Fleming ist als Creative Consultant an die Lyric Opera von Chicago berufen worden. Sie soll an der Wahl des Komponisten einer Auftragsoper für 2015/16 beteiligt sein und die Aktivitäten zur Musikvermittlung des Hauses ausbauen. Angekündigt ist auch eine neue Musical-Serie, beginnend mit »Oklahoma!« von Richard Rodgers im Jahr 2013.
Der polnische Pianist Piotr Anderszewski (39) leidet an einem beginnenden Burnout-Syndrom und will sich deswegen für etliche Monate von der Bühne zurückziehen. »Ich musste die Notbremse ziehen«, sagte er in Berlin. »Die Mühle der immer selben Konzerttouren und die Anstrengung,die für mich mit den Konzerten selber verbunden waren, begannen mich zu deprimieren.« Die Zahl seiner Auftritte habe er bereits vorher reduziert gehabt, allerdings ohne wirklichen Erfolg. Anderszewski ist von diversen Musikkritikern in der Vergangenheit als einer der besten Live-Pianisten der Welt bezeichnet worden.
In einer Mall im kanadischen Ontario hat der achtzigstimmige Niagara- Chor, der sich in Zivil unter die Leute gemischt hatte, mit dem »Hallelujah« aus Händels »Messias« für Aufsehen und Furore gesorgt. Auf Youtube ist der Flashmob-Chor ein Hit mit über 30 Millionen Aufrufen (http://www. youtube.com/watch?v=SXh7JR9oKVE). Als ›flashmob‹ bezeichnet man einen scheinbar spontanen, in Wirklichkeit verabredeten Menschenauflauf, bei dem ungewöhnliche Dinge getan werden. Flashmobber mobilisieren sich gewöhnlich per SMS oder Web-Aufrufe.
Der amerikanische Bariton Thomas Hampson hat sich an »Frustrationen mit der eigenen Kultur« gewöhnt. »Ich könnte immer schreien, wenn ich von Neuem erklären muss, wer der Ganymed ist. Ich finde, dass wir Kunst-Werker präsenter und lauter sein sollten.« Nach dem Finanzskandal und Prozess gegen seine Frau Andrea Gräfin Herberstein wohnt Hampson nicht mehr in Österreich, sondern in Zürich und New York. An der Oper Zürich bereitet er sein Rollen-Debüt als Jago (in Verdis »Otello«) vor und konzentriert sich weiterhin auf dramatische Partien. »Sogar über Hans Sachs in den »Meistersingern« denke ich nach«, so Hampson in Zürich.
Nach österreichischen Presseberichten ist zwischen den Berliner Philharmonikern und den Salzburger Osterfestspielen ein Vertrag unterzeichnet worden, der dem Orchester weitreichende Kompetenzen auch bei der Wahl des Festivalchefs einräumt. Die Neuordnung war nach einem großen Finanzskandal, der in der versuchten Selbsttötung eines der Akteure gipfelte, notwendig geworden. Die schwedische Mezzosopranistin Anne- Sofie von Otter hält sich für einen Kontroll-Freak. Sie werde nervös, wenn etwas nicht nach Plan laufe, sagte sie in Berlin. »Auch Improvisieren kann ich überhaupt nicht«, so die Diplomatentochter im Hinblick auf ihr – trotzdem gelungenes – neues Album mit dem Jazz-Musiker Brad Mehldau. Nachdem sie vor einiger Zeit ein Album mit Musik aus dem Konzentrationslager Theresienstadt realisierte, habe sie das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater aufarbeiten können. »Er war mir bis dahin immer als ein unglücklicher, gebrochener Mann erschienen, zu dem ich irgendwie keine Nähe herstellen konnte.« Der schwedische Diplomat Baron Göran von Otter war 1942 auf einer Zugfahrt Ohrenzeuge des Massenmords an den europäischen Juden geworden, von dem ihm der mitreisende Kurt Gerstein berichtete. Der anschließende Versuch, die Informationen an die schwedische Regierung weiterzuleiten, misslang. »Erst durch meine eigenen Recherchen habe ich ihn besser zu verstehen gelernt. Nur ist er inzwischen tot.«
Nicht nur Priester und hohe Militärs, sondern auch Sänger haben eine unvermindert hohe Alterserwartung. Mit 87 Jahren starb jetzt Ernest Blanc, einer der profiliertesten Baritone Frankreichs. Auf 89 Jahre brachte es die jetzt in Wien verstorbene Altistin Hilde Rössel-Majdan. Im Alter von immerhin 98 Jahren starb Solange Michel, die legendäre Carmen in einer der noch immer besten Gesamtaufnahmen der Oper von Georges Bizet (1950 unter Leitung von André Cluytens). Mit legendären 108 Jahren starb der gefeierte Hugues Cuénod im schweizerischen Vevey.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2011



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