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Hagen Quartett

So sollte es eigentlich sein

Nach 45 CD-Einspielungen hat sich das Hagen Quartett rechtzeitig zu seinem 30. Geburtstag ein neues Label gesucht, bei dem es die Aufnahmen verwirklichen kann, die ihm vorschweben. Denn auch nach drei Jahrzehnten auf dem Podium gibt es bei den vier Musikern von Routine keine Spur, wie Jörg Königsdorf bei einem Konzert und anschließendem Interview in Berlin feststellen konnte.

Lukas Hagen geht gleich zur Sache. Mitten in die letzten getuschelten Sätze und Resthuster des Publikums schickt er die ersten Noten von Witold Lutoslawskis Streichquartett in den Berliner Kammermusiksaal. Kurze, abgebrochene Tonsignale der ersten Geige, wie gemorste Hilferufe, die sich erst allmählich zu einer musikalischen Struktur verdichten. Eine Musik, die ganz direkt bei der Sprache anknüpft und allen vier Teilnehmern reichlich Spielraum lässt, wie sie ihre Beiträge zum musikalischen Diskurs gestalten – die Hagens lieben solche Stücke. Und sie lieben es, die hoch expressive Quartettliteratur des 20. Jahrhunderts direkt auf Mozart und Beethoven prallen zu lassen. Damit das Publikum auch merkt, dass der Weg von Lutoslawski und Webern zu Mozart und Beethoven in Wirklichkeit gar nicht so weit ist und dass sich all diese Musik von der Sprache her erschließen lässt.
»Das ist der Weg, den wir in den letzten Jahren immer stärker gegangen sind«, erläutert Veronika Hagen, »im Grunde seit der Begegnung mit György Kurtág, der seine Musik mit uns erarbeitet hat«. Von Kurtág aus hätten sie dann Webern mit einem Mal anders gehört und das hätte wiederum ihr Verständnis der Klassiker befruchtet. Seit dieser Urerfahrung, bekräftigt Veronika Hagen, sei ihr Mozart viel menschlicher und moderner geworden.
Tatsächlich ist die Veränderung, die das Hagen Quartett in den letzten Jahren durchgemacht hat, unüberhörbar. So ungezwungen und frei wie kein anderes entspinnen die Geschwister Lukas, Clemens und Veronika Hagen und der zweite Geiger Rainer Schmidt im Konzert das Frage-und- Antwort-Spiel im Kopfsatz eines Mozart-Quartetts, unendlich fein wie bei einem Aquarell sind die poetischen Farbverläufe, die sie bei einem Schumann- Quartett entdecken. Und immer machen sie nicht nur die Töne selbst spürbar, sondern auch den Raum, in dem die Musik sich bewegt und der manchmal als Stille ganz direkt fühlbar wird.
Und das ist eigentlich ein kleines Wunder. Denn eigentlich hätten die Hagens ja auch so weitermachen können wie bisher und niemand hätte es ihnen verübelt, wenn nach 30 Jahren gemeinsamen Musizierens und mit 45 CD-Einspielungen auf dem Buckel irgendwann Routine auf hohem Niveau eingekehrt wäre. Stattdessen haben sich die Hagens jetzt noch einmal neu erfunden und konsequenterweise auch ihrer alten Plattenfirma den Rücken gekehrt. Dafür haben sie jetzt eine neue Heimat gefunden, wo sie ihre eigenen Vorstellungen von einer CD verwirklichen können: das kleine, ambitionierte Label Myrios des Tonmeisters Stephan Cahen, bei dem auch die Bratscherin Tabea Zimmermann und der Pianist Kirill Gerstein ihre CDs herausbringen.
»Das Schubladendenken, nach dem bei vielen Firmen immer wieder die gleichen Werke kombiniert werden, war uns irgendwann nicht mehr verständlich «, begründet Lukas Hagen den Entschluss. Und so gibt es jetzt eine Hagen-CD, wie die Musiker sie schon lange machen wollten. »Es ist doch schön, wenn man ein Stück so oft gespielt hat, dass man denkt: Jetzt würdest Du es gerne aufnehmen. So sollte es doch eigentlich sein«, sinniert Rainer Schmidt. Und Mozarts Hoffmeister-Quartett hätten sie zwar schon einmal eingespielt, doch damals sei das Stück noch sehr neu für das Quartett gewesen. »Und als wir es jetzt wieder spielten, hatten wir so viel Freude daran, dass wir das unbedingt auch auf CD festhalten wollten«, erklärt Schmidt. So einfach – und so richtig klingt das.
Und auch an diesem Abend im Berliner Kammermusiksaal schließt sich ein kleiner Kreis. Am Ende des Programms, das die Hagens mit Lutoslawskis tönenden Fragezeichen begonnen haben, steht das letzte Beethoven- Quartett, das im Finale die Antwort gibt: Muss es sein? Es muss sein! Und für die Hagens gilt das ganz sicher.

Mozart, Beethoven, Webern

Streichquartette

Hagen Quartett

Myrios/harmonia mundi

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 1 / 2011



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