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Plácido Domingo

Placidissimo 70

Er schafft es, an einem Abend in zwei Opernhäusern aufzutreten. Über 3.500 Vorstellungen hat er mittlerweile absolviert. Seine Diskographie ist fast nicht zu überblicken. Und kaum jemand hat die Opernwelt in den vergangenen 50 Jahren so dominiert wie Plácido Domingo. Eine Würdigung zum 70. Geburtstag des Ausnahmekünstlers von Robert Fraunholzer.

Wirklich der Siebzigste? Oder hat Plácido Domingo – wie hartnäckige Historiker behaupten – vielleicht doch ein paar Jährchen länger gebraucht, um veritable 3.500 Opernvorstellungen zu singen, 134 Rollen einzustudieren und Hunderte von CD-Aufnahmen, viele davon epochal, zum Erfolg zu führen? Beim Alter gemogelt zu haben, würde die Bewunderung gegenüber »Placidone« oder »Placidissimo«, dem Tenorwunder des 20. Jahrhunderts, wenig schmälern. Er bliebe dennoch das singende Guinness-Buch der Rekorde. Die unverwüstlich vielgestaltigste und langanhaltendste Tenorstimme seit … tja, wohl: seit Menschengedenken.
Seine Lebensleistung wirkt noch beeindruckender, wenn man bedenkt, dass Domingo dabei immer ziemlich locker blieb. »Mit dem hohen C habe ich immer ein bisschen Schwierigkeiten gehabt«, sagte er dem Schreiber dieser Zeilen einfach. (Und wirklich, andernfalls hätte er noch viel mehr Bellini-Rollen singen können.) Domingo sang rund um die Welt, dirigierte, wurde Intendant in Los Angeles und Washington und veranstaltete seinen »Operalia«-Nachwuchswettbewerb. Er trat in der »Muppet-Show« auf, ließ keine »Wetten dass«-Gelegenheit aus und war sich für kein Pop- oder Christmas-Event zu schade. Hat es ihm geschadet? Nicht im geringsten.
Sein robuster, unverwechselbar timbrierter Tenor war und ist weich im Ansatz und dennoch von heldischer Ausdauer, Schallkraft und Durchschlagsenergie. Musikalische Direktheit und auch Intelligenz prädestinierten ihn zum Medien-Star seiner Zunft, ohne ihn darauf zu beschränken. Selbst seine Absahne als einer der »3 Tenöre« (neben Luciano Pavarotti und José Carreras) war in Wirklichkeit nur eine kurze Episode in einer mehr als 50-jährigen Karriere. (Domingo debütierte mit 18 Jahren an der Nationaloper seiner damaligen Heimatstadt Mexiko City.) Selbst den Wechsel vom Tenor ins Bariton-Fach (in dem er begonnen hatte) absolvierte er, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres.
Bereits wenige Wochen nach einer kürzlich überstandenen Darmkrebs- Operation stand Plácido, der Eroberer, unverdrossen wieder auf der Bühne. Für Januar 2011 hat Domingo angekündigt, seine Gesangskarriere beenden zu wollen. Selbst wenn er dieses Gelübde brechen sollte: Domingo ist heute dermaßen über fast jeden Zweifel erhaben, dass auch das wenig ausmachen würde. Domingo: der Tenor, der über den Dingen stand.
Umso erstaunlicher ist das alles, wenn man bedenkt, dass der in Madrid geborene Sohn zweier gefeierter Zarzuela-Sänger, als er 1966 in Barcelona sein Europa-Debüt gab, mitten in eine Tenor-Ära hineinbrach, in der wenig Platz übrig schien. Noch waren hyperpotente Rivalen wie Franco Corelli, Mario del Monaco, Carlo Bergonzi, Alfredo Kraus und Nicolai Gedda aktiv. Sogar mit Giuseppe di Stefano war noch zu rechnen. Eine Frontlinie, die nicht kleiner wurde, als mit Luciano Pavarotti der zweite Super- Tenor seiner Epoche Türme von Opern-Gesamtaufnahmen zu produzieren begann.
Doch freilich, Domingos große Zeit fiel mit dem Aufkommen des Stereo- Zeitalters (und später dem Siegeszug der Digital-Aufnahme) zusammen. Domingo geriet in die Lage, im Grunde für mehrere Tenor-Generationen im Voraus CDs aufnehmen zu können. Noch heute, wenn man mit Domingo spricht, votiert dieser vollmundig für Opernhäuser mit mehr Fassungsvermögen. »Baut größere Häuser!«, so der sonst besonnene und entspannte Mann. Dass es in der Musikindustrie eine Krise gibt, hat Domingo vermutlich vom Hörensagen erfahren. Persönlich begegnet ist ihm diese Krise nie.
Wer das Dauerwunder Domingo würdigen will, findet nirgendwo besseren Beleg als in den zahllosen über ihn kursierenden Anekdoten. Beim Auftritt in der verbotenen Stadt in Peking verschluckte Domingo, so hat er selber berichtet, vor Jahren auf offener Bühne singend eine Fliege. Und sang weiter. Bei einer Vorstellung mit der bulgarischen Sopranistin Raina Kabaivanska in München verfing sich der Zeigefinger der Kollegin beim Duett im Kettenhemd des Tenors. Der Finger brach. Domingo sang weiter. Er stand bereits mit der Hollywood-Nachtigall der 30er Jahre, Lily Pons, gemeinsam auf der Bühne – und muss lachen, wenn er das erzählt. Domingo überrundete ihre Langzeitkarriere souverän.
Sein deutschsprachiges Publikum gab der Mega-Karriere entscheidende Anstöße. An der Hamburgischen Staatsoper präsentierte Rolf Liebermann 1967 Domingo als Überraschungs-Joker einem entzückten (und ihm seither treu ergebenen) Publikum. In München und Berlin ist er bis heute Stammgast. In Wien brachte er es sogar einmal fertig, an ein und demselben Abend zuerst in Puccinis »Mantel« an der Volksoper und eine halbe Stunde später im »Bajazzo« an der Wiener Staatsoper aufzutreten.
Keine Frage, dass es sogar bei ihm künstlerisch entbehrliche Dokumente gibt. Es besteht kein Zweifel, dass Domingo jahrzehntelang mit Wagner (gelegentlich auch mit Richard Strauss) haderte, ohne dem Zungenschlag dieser Komponisten wirklich näher zu kommen. Trotzdem bleiben sein Lohengrin und sein Tristan stimmliche Kraftpakete, hinter denen sich etliche textverständlichere, auch idiomatischere Sänger verstecken können. Sein Französisch war nie wirklich gut, sondern gaumig und ein bisschen verquollen. Dennoch ist sein »Werther« (live an der Bayerischen Staatsoper mit Brigitte Fassbaender) ein Meilenstein.
Domingo, der Langstrecken-Tenor, war in Wirklichkeit ein Frühvollendeter. So finden sich in der nebenstehenden Liste seiner Opern-Höhepunkte fast ausnahmslos jene Aufnahmen seiner besten Zeit (der 60er und 70er Jahre), die auch für die jeweiligen Dirigenten und Sopran-Partnerinnen (grandios: Leontyne Price, Montserrat Caballé und Renata Scotto) absolute Sternstunden waren. Vollends skurril mutet das Phänomen Domingo schließlich an, wenn man die tenorale Ebbe betrachtet, die auf seine Sturmflut folgte. Domingo selber förderte den Tenor José Cura. Dennoch blieb Domingo besser im Geschäft, während die Karriere Curas heute schon wieder rückläufig erscheint. Krasser noch das Beispiel Rolando Villazón. Der Mexikaner wählte sich seinen älteren Kollegen als großes Vorbild – und scheiterte genau daran. Denn als Vorbild, so lernt man, kann Domingo sogar gefährlich wirken. Er war sein eigener Domingo-Effekt. Keiner kam nach. Doch er selber steht noch. Und wankt nicht.

Giordano

Fedora

Plácido Domingo, Angela Gheorghiu, Orchestre symphonique de la Monnaie, Alberto Veronesi

DG/Universal

Plácido Domingo – The Album Collection (Recital and Duet Recordings 1969-1989)

Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2011



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