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Mit einer Ausnahme nur italienische Opern des 19. Jahrhunderts – und fast immer auch in italienischen Aufführungen – erwarten uns dieses Mal. Wobei wieder einmal auffällt, wie wenige der auf DVD festgehaltenen Inszenierungen den Aufwand eines Mitschnitts überhaupt lohnen. Wirklich spannende Produktionen, die allein schon durch ihre bezwingende Regie zu einem Erlebnis werden, sind sehr selten darunter. Wahrscheinlich finden die an den ›falschen‹ Häusern statt, die sich nicht in den Vermarktungszirkus der Industrie eingeklinkt haben. Und so muss meist ein einzelner angesagter Star als Rechtfertigung genügen, oftmals sucht man selbst den vergeblich.

Weder italienisch noch aus dem 19. Jahrhundert ist Aribert Reimanns »Medea«, deren Uraufführung an der Wiener Staatsoper im Februar vergangenen Jahres jetzt auf DVD und Blu-ray vorliegt (Arthaus/Naxos 101551 & 101552). Reimann ist erfreulicherweise einer der zeitgenössischen Komponisten, die nicht gegen die Gesangsstimme schreiben, was ja leider nicht selbstverständlich ist. Nichtsdestotrotz sind die Anforderungen an die Interpretin der umfangreichen Titelpartie horrend, Marlis Petersen meistert sie bewunderungswürdig. Adrian Eröd liefert einen zwar sicheren, aber blassen und darstellerisch nicht gerade charismatischen Jason. Als Dienerin Gora kann Elisabeth Kulman ihren Mezzo sehr vorteilhaft ins beste Licht rücken. Diese »Medea« ist ein geschickt gefügtes Werk, an dem man jedoch mehr die Kunstfertigkeit bewundert, als im Innersten berührt zu sein.

Womit wir zum Belcanto kommen und erst einmal über den großen Teich düsen, bevor wir uns ins Mutterland aufmachen. Eigens für Renée Fleming hat die Metropolitan Opera im April 2010 erstmals Gioachino Rossinis »Armida« auf den Spielplan gesetzt (Decca/Universal 0743416). Nun ist Renée Fleming fraglos eine der komplettesten Sängerinnen überhaupt, bei Händel so überzeugend wie bei Strauss – oder eben Rossini. Und insofern jedes Entgegenkommen bei Rollenwünschen würdig, aber musste es diese einfallslose, langweilige Inszenierung sein? Unter dem halben Dutzend Tenöre, das bei dieser Oper die Bühne bevölkert, ragt der stimmschöne, höhensichere ›tenore di grazia‹ von Lawrence Brownlee als Rinaldo heraus. Höhensicher sind Gott sei Dank auch der Goffredo von John Osborn, bei dem allerdings Koloraturen, Tonhöhe und Rhythmus sehr im Ungefähren bleiben, und der deutlich versiertere Barry Banks, dessen Gernando aber mehr durch seine Virtuosität à la Rockwell Blake punktet, als durch die Attraktivität der Stimme betört.

Genau ein Jahr zuvor brachte das Teatro La Fenice in Venedig »Maria Stuarda« heraus (C-Major/Naxos 704208), und man wird den Eindruck nicht los, dass die Verantwortlichen Donizetti nicht sonderlich schätzen. Anders ist es nicht zu erklären, dass man Fiorenza Cedolins die Titelrolle übertragen hat, deren Herumgegurgele mit Belcanto nicht das Geringste zu tun hat. Da hat sich eine Tosca nach Fotheringhay verirrt, die von Läufen, Koloraturen und verziertem Gesang noch nie etwas gehört hat. Ihre Gegenspielerin Sonia Ganassi will sich nicht immer auf einen Ton festlegen, arbeitet in der mittleren und tiefen Lage gerne mal mit zu viel Druck und liefert eine ziemlich einförmige Elisabetta ab. Zwei absolut uncharismatische Kontrahentinnen mithin, denen auch überzeugendes Spiel fremd ist. José Bros ist zwar ebenfalls kein begnadeter Darsteller, aber ein zuverlässiger Tenor, der einen nicht in Raserei versetzt, dafür seit vielen Jahren so gut wie nie enttäuscht.

José Bros gibt auch in einer wiederaufgelegten »La sonnambula « vom Maggio Musicale Fiorentino 2004 den Liebhaber (Arthaus/Naxos 107239). Seine Partnerin Eva Mei beherrscht das Formelvokabular des Belcanto perfekt, erweist sich aber als singende Schlaftablette. Die Sopranistin wirkt wie sediert, nur mit der Produktion von – sehr sicheren – Tönen beschäftigt. Neueren Datums, vom Oktober 2008, ist die Version dieser Bellini- Oper aus dem Teatro Lirico di Cagliari mit der stimmlich überragenden Eglise Gutierrez als Amina (Dynamic/ Klassik Center CDS33616). Ihrer leicht dunkel gefärbten Stimme steht alles zu Gebote, was man sich in diesem Repertoire wünschen kann. Leider fehlt es auch ihr an Temperament, wenngleich sie nicht so außen vor steht wie Mei. Der kultivierte Elvino von Antonino Siragusa erweist sich als echter ›tenore di grazia‹, weich und leicht, wenn auch nicht sehr belastbar oder nuancenreich. Auch dieser Herr schäumt im übrigen nicht vor Leidenschaft über, es dürfte also eine prickelnde Ehe werden ...

Zum Schluss ein Abstecher nach Liège, wo im November 2009 in der Opéra Royal de Wallonie Verdis »Falstaff« in einer fast rein italienischen Besetzung zu hören war (Dynamic/ Klassik Center CDS33649). Hauptanziehungspunkt dieser Produktion war Ruggero Raimondis Titelheld, dem es aber trotz seines überzeugenden Spiels nicht gelingt, zum Mittelpunkt dieser atmosphärelosen Aufführung zu werden. Mit seinen 68 Jahren liefert der Bassbariton gesanglich noch sehr Beachtliches ab, aber natürlich gibt es auch Passagen, die sein Alter verraten. Wenn man dann aber hört, wie angestrengt der erst 35-jährige Luca Salsi als Ford mitunter in der Höhe und im Forte klingt, vergisst man die Einwände zu Raimondi schnell wieder. Dass ein hübsches Gesicht noch keinen Tenor macht, zumal wenn man überhaupt keine Höhe besitzt, demonstriert der Fenton von Tiberius Simu. Virginia Tolas äußerst unschöner Sopran (Alice) wetteifert mit Cinzia De Mola (Quickly) um den ersten Platz bei den unangenehmsten Hörerfahrungen des Abends.

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 2 / 2011



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