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„Tutto Verdi“ verkündet die Aufschrift und verspricht damit ein bisschen zu viel. Denn wirklich alle Opern des Meisters finden sich dann doch nicht in dieser eindrucksvollen Box. Seine beiden Zweitverwertungen „Jérusalem“ (nach „I lombardi“) und „Aroldo“ (Ableger von „Stiffelio“) sucht man vergeblich. Allerdings ist der Anteil der für diese Bearbeitungen neu hinzukomponierten Musik eher bescheiden, weshalb diese Unterlassung verschmerzbar ist. Ein Etikettenschwindel bleibt es trotzdem.
Als überregional bekanntes Opernhaus jener Provinz, in der Verdis Geburtsort liegt, veranstaltet das Teatro Regio di Parma seit 2004 jedes Jahr ein „Festival Verdi“. Und eben das dient mit 21 Opern und der „Messa da Requiem“ als Hauptlieferant für diese Edition; drei Mitschnitte hat man von anderen italienischen Opernhäusern (Neapel, Triest, Modena), zwei weitere aus Toblach bzw. Salzburg dazugekauft.
Diese Konzentration auf Italien kommt allen entgegen, die des Regietheaters überdrüssig sind und sich nach Inszenierungen sehnen, die „Erkennen Sie die Melodie?“-tauglich sind. Bei den Frühwerken beschränkt man sich meist auf Kulissen und Kostüme. Natürlich sucht man hier so etwas wie psychologische Personenregie vergeblich. Auch bei der Gestik lässt man sich zumeist auf keine Experimente ein: Der Arm wird gehoben oder gestreckt, die Hand zum Herzen geführt oder zur Faust geballt.
Der italienische Geschmack schlägt aber auch auf musikalischer Seite durch. Die sängerische Sorgfalt wird im Heimatland der Oper eher klein geschrieben, da singt man schon mal über ein paar kurze Noten hinweg oder begradigt unbequeme Passagen etwas. Viel wichtiger ist der effektvolle Einsatz der Gesangsstimmen, wenn es nicht anders geht, gerne auch technisch undogmatisch, Hauptsache, es macht was her.
Man kommt nicht umhin festzustellen, dass Parma nicht mehr das ist, was es einmal war. Früher als Löwengrube verschrien, weil das kenntnisreiche und anspruchsvolle Publikum oft genug selbst Stars ausgepfiffen hat, werden dort heutzutage Leistungen bejubelt, die keine fünf Euro wert sind. So scheint man am Teatro Regio beispielsweise nur einen Bariton für die großen Charakterrollen zu kennen, und der hätte vor mindestens zehn, fünfzehn Jahren bereits in Rente gehen sollen – Leo Nucci darf gleich sieben Produktionen mit seinen kläglichen Stimmresten entwerten.
Damit ist eigentlich auch schon die Frage beantwortet, ob man sich die ganze Box zulegen sollte. Sicher, auf diese Weise hat man seinen Verdi komplett, zumal es etliche der frühen Werke nicht anderweitig auf DVD gibt, muss aber auch einige musikalische Kröten schlucken. Auch die drei Teilboxen schaffen diesbezüglich keine Abhilfe. Und so kann man guten Gewissens nur zum gezielten Kauf einzelner Opern raten.
Unbedingt die Finger lassen sollte man von „Nabucco“ (als Zugabe zu Nuccis Titelheld schreit sich Dimitra Theodossiou scharf und schrill durch die Abigaille), „Alzira“ (als einzige Oper nur konzertant, dazu mit unfertigen bzw. überforderten Sängern, eine einzige Zumutung) und „I vespri siciliani“ (ein sehr homogenes Quartett von Schauerstimmen). In den übrigen Werken gibt es viele gute, etliche sehr gute und mitunter auch exzellente Leistungen zu genießen. Welche einem am meisten zusagen, findet man am besten mit der Highlights-DVD heraus. Das Prachtstück der Sammlung, soviel sei verraten, ist der Salzburger „Otello“ – ein echter vokaler Triple Whopper!

Verdi

Tutto Verdi

Diverse

C Major/Naxos

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 4 / 2013



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