Startseite · Künstler · Gefragt

Julia Fischer

Musik als Muttersprache

Für Julia Fischer und David Zinman ist Musizieren das Natürlichste auf der Welt, was sie nun gemeinsam bei Bruch und Dvořák demonstrieren.

Eine sehr schlüssige Kombination.“ So beschreibt Julia Fischer selbst das Programm
ihrer neuesten CD, auf der sie zusätzlich zum populären ersten Violinkonzert von Max Bruch
ebenfalls ihre Sicht auf jenes Konzert präsentiert, das Antonín Dvořák der Geige zugedacht hat. Wobei es neben formalen Parallelen vor allem zu letzterem Werk auch eine nicht unwesentliche emotionale Komponente
gibt. „Meine Mutter stammt aus der Tschechoslowakei und so bin ich mit Dvořáks Musik quasi aufgewachsen. Vom Violinkonzert hatten wir eine Aufnahme von Josef Suk, die ich
als Kind oft gehört habe. Umso mehr hat mich
dann gewundert, als ich gemerkt habe, dass man das gar nicht so oft spielt, sondern eher das Cellokonzert aufs Programm setzt. Für mich stehen diese Werke nämlich absolut gleichberechtigt nebeneinander.“
Nach den speziellen Qualitäten des Werks befragt, liegen die Argumente für Julia Fischer
klar auf der Hand. „Der erste Satz ist allein vom Konzept her fast schon eine Revolution. Am
Anfang gleich die Kadenz zu schreiben und dann den ersten und zweiten Satz wie einen einzigen
ohne Pause zusammenzufügen. Mendelssohn war der Erste, der versucht hat, die klassische Form aufzubrechen. Was dann auch Dvořák und
Bruch in ihren Konzerten getan haben. Vor allem
Dvořák konnte dabei mit dem Orchester unglaublich gut umgehen. Das sieht man schon darin, wie die Themen in den Bläsern eingesetzt werden. Oder auch bei den Momenten, in denen die Geige in den Hintergrund tritt und lediglich eine begleitende Funktion übernimmt.“
Dass der legendäre Geiger und Widmungsträger
Joseph Joachim einst dem Komponisten gegenüber Bedenken äußerte, kann Fischer trotzdem zum Teil nachvollziehen. „In der Balance ist das Werk schon schwierig, weil man als Geiger leicht untergehen kann. Das Orchester ist sehr dicht, da muss der Dirigent schon aufpassen.“
Hier jedoch ist mit David Zinman am Pult des Tonhalle-Orchesters Zürich ein Partner
aufgeboten, bei dem man sich in dieser Hinsicht kaum sorgen muss. „Die Arbeit mit ihm ist immer ein Traum, weil Musik für ihn eine absolute Muttersprache ist. Wir spielen inzwischen seit
zehn Jahren miteinander und haben viele Stücke gemeinsam gemacht, einige davon sogar zusammen neu gelernt. Er hat ja auch als Geiger begonnen und hat allein deshalb schon einen ganz
besonderen Zugang zu diesem Repertoire.“ Das war bereits bei den gemeinsamen Live-Auftritten
zu spüren, die der Einspielung vorausgingen, und ermöglichte es auch beim zweiten Werk der CD, neue Facetten freizulegen. „Bruch habe ich als Kind gelernt und in Konzerten rauf und runter gespielt. Dann aber kam eine Pause von knapp zehn Jahren, weil ich einfach permanent neues Repertoire gelernt habe. Das hat
mir sehr gut getan.“ Denn bei der erneuten Begegnung im Erwachsenenalter richtet sich ihr Blick inzwischen mehr auf die Gesamtarchitektur. „Man hat ja Bruch gern als so eine Art Kitsch-Komponist abgespeichert. Aber ich glaube schon, dass in diesem Werk bei näherem Hinsehen wesentlich mehr Tiefe steckt, als man ihm gemeinhin zutraut.“

Antonín Dvořák, Max Bruch

Violinkonzerte

Julia Fischer, David Zinman, Tonhalle-Orchester Zürich

Decca/Universal

Tobias Hell, RONDO Ausgabe 2 / 2013



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Testgelände

Friedrich Gulda zum 85.

zum Artikel »

Gefragt

Vincent Peirani

Lohn der Tränen

Leidenschaft, Freundschaft und Balance der Farben bestimmen die Musik des gefeierten […]
zum Artikel »




Top