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Nino Machaidze

»Ich wollte immer schon singen«

Früh übt sich: Nino Machaidze stand in ihrer Heimatstadt Tiflis schon mit 16 auf der Opernbühne. Groß heraus kam die Sopranistin mit gerade einmal 25 Jahren, als sie 2008 für Anna Netrebko bei den Salzburger Festspielen einsprang. Jetzt singt die Georgierin an den großen Opernhäusern der Welt und bringt ihr erstes Album mit romantischen Arien heraus. Jörg Königsdorf traf sie in ihrer Wahlheimat Mailand.

RONDO: Frau Machaidze, auf der Bühne sieht man Sie meistens leiden: als Lucia, Gilda oder Juliette. Glauben Sie auch jenseits der Oper an die großen Gefühle?

Nino Machaidze: Natürlich! Wenn man heute nicht mehr für seine Liebe sterben muss, heißt das doch nicht, dass die Gefühle sich geändert haben. Liebe kann im echten Leben genauso tief und intensiv sein wie in der Oper.

RONDO: Nur dass Frauen heute in der Regel aktiver sind und nicht einfach in Ohnmacht fallen wie Lucia.

Machaidze: Natürlich ist es nicht einfach, sich in diese Rolle hineinzuversetzen. Aber der Weg, den ich gefunden habe, ist im Grunde ganz simpel: Alles, was man braucht, steht in der Partitur. Die Worte, die Musik sind so kraftvoll, so traurig, dass ich alles verstehe. Und wenn sie in Ohnmacht fällt, ist das für mich wie ein Implodieren – die aufgestaute Energie kann einfach nicht heraus, stattdessen bricht sie einfach zusammen.

RONDO: Fühlt sich diese Rolle anders an als beispielsweise die Donna Fiorilla in Rossinis »Il turco in Italia«?

Machaidze: Es gibt da keinen Unterschied. Rein körperlich sowieso nicht, da hängt alles von der Atemkontrolle ab – hohe, tiefe und mittlere Noten. Das muss alles von tief unten kommen. Und emotional lasse ich mich in jede Rolle einfach so hineinfallen, dass ich auf der Bühne völlig in der Figur aufgehe, die ich spiele. Aber unterschätzen Sie Donna Fiorilla nicht: In der ersten Arie ist zwar alles Spaß und Party, aber dann, bei »Squallida veste«, kommt Trauer herein, und im zweiten Teil auch Dramatik – deshalb ist das für mich ein sehr vielseitiger Charakter.

RONDO: Sie leben seit fünf Jahren hier in Italien. Wenn man Ihre Körpersprache beim Reden beobachtet, könnte man glauben, Sie seien hier geboren …

Machaidze: Ja ja, ich weiß, die Hände! Nein, mit den Händen habe ich schon daheim in Georgien geredet. Ohnehin ist der Unterschied in der Mentalität gar nicht so groß, wie man angesichts der Entfernung glauben könnte. Sowohl die Georgier wie die Italiener sind funny, sunny people. Auch die Freundlichkeit und Gastfreundschaft sind ähnlich, deshalb fühle ich mich hier auch sehr wohl.

RONDO: Hatten Sie deshalb auch einen natürlichen Zugang zur italienischen Oper?

Machaidze: Das ist sicher so. Aber viel wichtiger ist, dass Georgien seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Belcanto-Tradition besitzt, die von einem italienischen Gesangslehrer begründet wurde und nach wie vor lebendig ist.

RONDO: Das heißt, Sie haben auch in Georgien schon früh auf Italienisch gesungen?

Machaidze: Ach, in Georgien habe ich italienisch, französisch, deutsch, russisch und auch georgisch gesungen. Denn wir haben natürlich auch sehr schöne eigene Opern, die man in Europa nur nicht kennt – allerdings mehr im dramatisch-romantischen Stil, mehr Tosca und Aida, weniger Belcanto.

RONDO: Sie haben Ihr Bühnendebüt mit sechzehn Jahren gegeben. Das ist reichlich früh.

Machaidze: Finden Sie? Für mich war es eher spät, da ich schon mit acht regelmäßig Gesangsunterricht hatte. Ich musste also fast zehn Jahre warten, bis ich auf die Bühne durfte – und das, obwohl ich schon immer singen wollte, den ganzen Tag, die ganze Nacht, einfach immer. Als meine Eltern das merkten, schickten sie mich und meinen Bruder ins Konservatorium – da habe ich dann zuerst Klavier und dann Gesang gelernt. Das ist in Georgien ganz normal, jede Familie versucht, ihren Kindern eine gute musikalische Ausbildung parallel zum normalen Schulunterricht zu geben. Dass Achtjährige Gesangsunterricht bekommen, ist da nicht ungewöhnlich. Und bei mir war die Priorität von vornherein klar. Auch weil ich auf die Bühne wollte.

RONDO: Sie hatten also schon in der Grundschule das Berufsziel Opernsängerin?

Machaidze: Ich habe sogar zu Hause Privataufführungen veranstaltet – da habe ich Rosina und Norina vor einem Publikum gesungen, das aus meinen Puppen und meiner Mutter bestand.

RONDO: Hatten Sie je Lampenfieber?

Machaidze: Nie. Im Konservatorium in Tiflis war es Sitte, dass wir schon mit acht auftreten durften. Da wurden jede Woche Konzerte veranstaltet, bei denen man singen und spielen durfte. Auf diese Weise bin ich ganz natürlich in das Gefühl hineingewachsen, auf einer Bühne zu stehen. Und hat man erstmal diesen Draht zum Publikum, ist es kein Problem mehr.

RONDO: 2006 sind Sie ans Opernstudio der Scala gekommen. War der Unterricht da anders als zu Hause?

Machaidze: An der Scala habe ich auch deshalb viel gelernt, weil ich in Kontakt mit vielen großen Sängern kam: Ein Ort, an dem die Größten ihr ganzes Wissen mit jungen Sängern teilen, ist doch ein Traum. Als ich im Studio war, hatten wir Mirella Freni für eine Meisterklasse, Luciana Serra als Stimmcoach und Leyla Gencer als Lehrerin für Interpretation. Bessere Lehrer kann man doch kaum haben! Es ging da gar nicht nur darum, technische Probleme zu bewältigen, sondern auch viel um den Text, um das Verständnis jedes einzelnen Wortes und jeder Situation. Das war manchmal gar nicht so anders als die Arbeit mit guten Regisseuren. Durch die Arbeit mit Bartlett Sher an »Roméo et Juliette« in Salzburg habe ich zum Beispiel sehr viele Dinge über die Rolle der Juliette gelernt, aus denen sich dann ein detaillierteres, vielfältigeres Bild dieser Figur ergeben hat.

RONDO: Diese Arbeit mit Regisseuren wird aber zumindest neu für Sie gewesen sein. Von georgischem Regietheater hat man bisher ja eher wenig gehört.

Machaidze: In Georgien habe ich fast nur Rollen gesungen, bei denen sich diese Frage gar nicht stellte. Rosina und Norina zum Beispiel – wenn man da auf der Bühne seinen Spaß hat, hat das Publikum ihn auch und anschließend gehen alle gut gelaunt nach Hause.

RONDO: Sie haben Freni und Gencer erwähnt. Waren die Stars sehr streng?

Machaidze: Nicht zu mir. Ich habe einfach gerne mit ihnen gearbeitet.

RONDO: Sie singen viel Belcanto, aber Ihre Stimme hat doch auch das Zeug für lyrische Rollen.

Machaidze: Es stimmt, im Moment steht hauptsächlich Belcanto auf der Tagesordnung. Aber mit den Jahren habe ich tatsächlich gemerkt, dass meine Stimme mehr Farben bekommen hat, so dass ich jetzt auch Rollen wie die Leila in Bizets »Perlenfischern « singe. Auch Manon steht auf der Wunschliste, nur habe ich im Moment einfach keine Zeit dafür.

RONDO: Für Belcanto-Sängerinnen heißt die große Versuchung Traviata. Natalie Dessay ist ihr schon erlegen, Diana Damrau wird demnächst folgen. Und Sie?

Machaidze: Diese Frage dürfen Sie mir stellen, wenn ich dreißig geworden bin.

Romantic Arias

Nino Machaidze, Orchester und Chor des Teatro Comunale di Bologna, Michele Mariotti

Sony


Schicksalspartie Juliette

Auch wenn Nino Machaidze schon in sehr jungen Jahren in großen Partien auf der Bühne stand, kam ihre Karriere so richtig im Sommer 2008 in Fahrt, als sie bei den Salzburger Festspielen in der weiblichen Titelrolle von Gounods »Roméo et Juliette« für Anna Netrebko einsprang. Shakespeares Heldin sollte sie fortan begleiten und zu einer Art Schicksalspartie werden. 2009 gab sie damit ihr Debüt am Teatro La Fenice in Venedig, ein Jahr später auch das am Londoner Royal Opera House, in wenigen Wochen wird sie an der Mailänder Scala als Juliette zu hören sein.
Die junge Georgierin ist jedoch nicht die einzige Sängerin, für die diese Rolle eine besondere Bedeutung hat. Schon die legendäre Nellie Melba begründete ihren fast 40 Jahre währenden Status als Primadonna assoluta der Covent Garden Opera mit ihrem spektakulären Erfolg 1889 als Julia (und nicht wie gern behauptet als Lucia di Lammermoor). Die amerikanische Sopranistin Geraldine Farrar debütierte 1906 als junge Capulet an der New Yorker MET (an der sie dann 15 Jahre lang als ungekrönte Königin regierte) – und löste durch ihre für die damalige Zeit allzu realistische Darstellung einen Skandal aus, sang sie ihre große Szene im Schlafgemach doch auf dem Bett liegend und nur mit einem Nachthemd bekleidet!
So gelangte Charles Gounods 1867 am Pariser Théâtre Lyrique uraufgeführte Oper immer wieder in die Schlagzeilen, auch wenn sie – zumindest hierzulande – nicht annähernd die Popularität seines »Faust« erreicht hat. Gerade erst im März dieses Jahres sorgte Angela Gheorghiu mit ihrer Absage der kompletten Aufführungsserie an der MET für viel Gesprächsstoff.
Michael Blümke


Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 3 / 2011



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