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Maurizio Pollini

Ernst muss man sein

Mit Karl Böhm und Claudio Abbado hat er’s schon gehabt – jetzt legt Maurizio Pollini seine dritte Einspielung des Ersten Klavierkonzerts von Johannes Brahms vor, live aufgenommen in der Semperoper in Dresden. Diesmal am Pult: Christian Thielemann. Der (erzkonservative) Berliner Dirigent und der (linke) Mailänder Pianist finden in ihrem Anspruch auf musikalische Tiefe bestens zusammen. Im Vorfeld des siebzigsten Geburtstags im Januar sprach Kai Luehrs-Kaiser mit Maurizio Pollini über das richtige Maß an Rubato, mangelnde Fantasie in der Europäischen Union und das abgeklärte Italienbild des Künstlers auf Durchreise.

RONDO: Herr Pollini, Sie haben bereits zwei Aufnahmen des 1. Klavierkonzerts von Johannes Brahms eingespielt – unter Karl Böhm und unter Claudio Abbado. Liegt Christian Thielemann musikalisch zwischen den beiden?

Maurizio Pollini: Nein, Thielemann ist noch einmal ganz anders. Dagegen hat sich meine Konzeption des Werkes eher wenig verändert. Meine Auffassung des Charakters, der Tempi und des Klangs ist immer noch dieselbe.

RONDO: Sie werden im Januar 70 Jahre alt. Man hat den Eindruck, Sie hätten früher strikter, unnachgiebiger und apodiktischer gespielt?

Pollini: Ich schätze, Sie haben Recht. Das ist freilich ganz unbewusst passiert.

RONDO: Hatten Sie eigentlich keine politischen Differenzen mit dem als konservativ geltenden Thielemann?

Pollini: Über Politik habe ich mit ihm nicht gesprochen. Nur über Musik. Ich hatte den Eindruck eines Mannes, der immer auf der Suche ist und tief in die Sache eindringen will. Außerdem besitzt er eine fantastische Kenntnis des Repertoires. Wie Daniel Barenboim mir erzählt hat, war Thielemann in seiner Zeit als Korrepetitor sogar in der Lage, die Sänger beim »Tristan« ohne Klavierauszug zu begleiten.

RONDO: Ihr Vater war ein bekannter italienischer Architekt. Hat die Architektur einen Einfluss auf Ihr Spiel ausgeübt? Tatsächlich haben Sie ein sehr strukturbetontes, modern-rationales Chopin-Bild vertreten, oder?

Pollini: Das könnte stimmen, ist aber intuitiv geschehen. Mein Vater hätte mir niemals einen entsprechenden Ratschlag erteilt. Tatsächlich finde ich, dass Chopin für einen romantischen Komponisten beinahe ein Formalist gewesen ist. Es gibt nichts Überflüssiges bei ihm. Er war sehr streng mit sich und hat viele Werke hinterlassen, die nur gegen seinen Willen veröffentlicht worden sind. Entsprechend habe ich versucht, die ausgeprägte Lyrik, die Melodien dieses Komponisten ein bisschen zu sublimieren.

RONDO: Eines Ihrer musikalischen Geheimnisse bestand darin, dass Sie zurückhaltend im Gebrauch des Rubato, also von Tempo-Rückungen waren. Richtig?

Pollini: Ja, aber das war nicht ganz neu. Arthur Rubinstein zum Beispiel war in seinen frühen Jahren sehr zurückhaltend mit dem Rubato. Er versuchte die Übertreibungen seiner Vorgänger rückgängig zu machen. Bei einigen alten Aufnahmen von Paderewski wird fast jeder Akkord mit einem Arpeggio gespielt. Die Art, wie Rubinstein einen neuen Ernst bei Chopin wiederentdeckte, hat mich durchaus inspiriert. Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit sind es, die einem sagen, was ein richtiges Rubato ist. Historisch ist eindeutig, und zwar nach dem Zeugnis von Franz Liszt, dass Chopin selber durchaus mit Rubato gespielt hat. Ich glaube einfach, es kommt auf die Qualität des Rubato an, nicht auf die Menge.

RONDO: Ihnen wurden stets Sympathien für die politische Linke unterstellt. Zu Recht?

Pollini: Ich habe mich immer als links verstanden. Aber ich habe mir keine Illusionen über die diktatorischen Seiten des Kommunismus gemacht. Als er zusammenbrach, empfand ich das nicht als Tragödie. Das Problem heute besteht darin, dass der Kapitalismus allein übrig geblieben ist.

RONDO: Inwiefern?

Pollini: Man betrachtet den Kapitalismus als die einzig mögliche Wirtschaftsform, die funktioniert. Die fatalen Auswirkungen davon sehen wir jeden Tag an den Finanzmärkten und an den bestehenden Ungerechtigkeiten. Ich fände es wichtig, dass in Europa mehr Kritik und auch mehr Fantasie in Bezug auf unsere Verhältnisse möglich wären. Davon, finde ich, sind wir weit entfernt.

RONDO: In Deutschland sind etliche Künstler der ehemals politischen Linken auf die rechte Seite übergewechselt. Warum ist das in Italien nicht so?

Pollini: Das liegt daran, dass die politische Rechte in Italien so abschreckend stark ist. Korruption, Misswirtschaft, Ignoranz und fehlendes Umweltbewusstsein: Zählen Sie alle möglichen politischen Negativeigenschaften zusammen, und schon haben Sie ein Bild der italienischen Rechten.

RONDO: Leben Sie trotzdem gerne in Italien?

Pollini: Ich lebe im Zentrum von Mailand, aber aus praktischen Gründen. Wenn ich nicht ständig auf Reisen wäre, könnte ich es mir dort nicht vorstellen. Reisen ist sehr erfrischend.

RONDO: Ihnen wird großer Einfluss auf Claudio Abbado nachgesagt. Worin besteht er?

Pollini: Wir sind alte Freunde. Abbado ist einige Jahre älter als ich. Wir reden viel über Musik. Beim letzten Konzert in Berlin etwa haben wir eingehend über das Adagio aus Mahlers Zehnter gesprochen. Abbado meint, es sei ein extrem modernes Stück. Das stimmt auch, obwohl Mahler ein tonaler Komponist war. Mahlers Modernität erklärt aber den sehr verzögerten Siegeszug seiner Musik. Über solche Dinge reden wir in einem fort.

RONDO: War Ihr Vorbild Arturo Benedetti Michelangeli der Größte aller Pianisten?

Pollini: Von einem technischen Standpunkt aus war er einer der wenigen absoluten Meister seines Instruments. Ich nehme an, dass auch Ferruccio Busoni von dieser Art war. Jedenfalls hat ihn Rubinstein mir gegenüber so beschrieben. Für Rachmaninoff und Horowitz gilt Ähnliches. Nur finde ich nicht, dass technische Perfektion allein selig macht.

RONDO: Gibt es Gegenbeispiele?

Pollini: Nehmen Sie etwa Arthur Schnabel. Gewiss nicht der beste Techniker unter den Pianisten, aber doch einer der größten Beethoven-Spieler. Sicher bin ich mir nur über eines: Es gab im 20. Jahrhundert einen unfassbaren Reichtum großer Pianisten. Ich habe sie auch in Mailand alle noch gehört. Nicht nur Rubinstein, sondern auch Wilhelm Backhaus, Edwin Fischer, Alfred Cortot und Walter Gieseking. Dann Richter und Gilels. Unglaublich!

RONDO: Der Perfektionismus großer italienischer Musiker widerspricht eigentlich dem Klischee vom lässigen Italiener. Woher kommt das?

Pollini: Bei Toscanini war es so, dass er aus einem kleinen Ort in Italien stammte. Er hat sich bewusst gegen die Verhältnisse entwickelt, aus denen er kam. Durch Strenge und Unnachgiebigkeit. Sagen wir so: Der Perfektionismus italienischer Musiker kommt daher, dass es in Italien eben nicht nur Schlechtes, sondern auch einige positive Aspekte gibt.

Johannes Brahms

Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15

Maurizio Pollini, Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann

DG/Universal

Kai Luehrs-Kaiser, RONDO Ausgabe 5 / 2011



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